Mikael Agricola

Finnland, Reformator, blau, read MaryRead, Literaturmagazin online, Universität Helsinki,

geboren: ca. 1510 in Pernaja 1aa
gestorben: 09.04.1557 in Uusikirkko/Nykyrka 1ab

bürgerlicher Name: Mikael Olavinpoika (Olavinpoika = Sohn des Olav) 2aa

finnischer Theologe und Vater der finnischen Schriftsprache 3aa 

Reformation verhilft zur finnischen Schriftsprache

In die Lebenszeit von Mikael Agricola fällt ein Umbruch in Schweden, welches direkte Auswirkungen auch in Finnland hatte.

Herkunft

Mikael Agricola stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Bauer und wie die meisten Finnen wuchs er zweisprachig auf: schwedisch und finnisch.2ab 
     Nichts deutete darauf hin, dass Mikael Agricola in die Geschichtsbücher eingehen würde. Als er in seinem Heimatort die Schule besuchte, wurde er vom Gemeindepfarrer als begabter Schüler entdeckt, dieser schickte ihn an die Lateinschule in Viipuri,1ac dort lernte er vor allem bei Johannes Erasmus.2ac  In diese Zeit fällt auch der politische Umbruch. Nach dem sogenannten Stockholmer Blutbad vom 8. und 9. November 1520, der vom dänischen König Christian II. mithilfe vom Erzbischof Gustav Trolle von Uppsala als Ketzergericht inszenierte, wurde der dänische König in Schweden abgesetzt, Gustav Eriksson aus einem Adelsgeschlecht und gebürtiger Schwede übernahm die Herrschaft, er wurde am 6. Juni 1523 auf dem Reichstag in Strängnäs zum König gewählt.4aa Man kann sich vorstellen, dass vor allem unter dem Adel aber auch das allgemeine Volk wütend auf den dänischen König aber auch auf katholische Würdenträger waren und das sollte noch weitreichende Folgen nach sich ziehen. Im schwedischen Reich wurde durch die königliche Anordnung die „Fürstenreformation“ eingeleitet, 1522 kam der letzte finnische katholische Bischof bei einem Fluchtversuch ums Leben.4ab
    
In der Lateinschule kam Mikael Agricola mit dem Humanismus sowie mit dem Reformationsgedanken in Kontakt.2ad Er nahm in dieser Zeit den Namen „Agricola“ an, dem Beruf seines Vaters entsprechend (agricola = dt. Bauer). 1530 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete als Sekretär beim Bischof Martin Skytte – der selbst keine abrupte Abkehr vom Katholizismus predigte4ba – in Turku,1ad einer der größten Städte in Finnland. In Turku machte er Bekanntschaft mit Petrus Särkilax, einem Schüler von Erasmus von Rotterdam und Martin Luther.2ae

Wittenberg

Briefmarke, 1982, FinnlandDer besagte Bischof schickte Mikael Agricola 1536 nach Wittenberg.2af Weshalb ein Finne zum Studium nach Deutschland ging, ist relativ schnell und einfach erklärt. Seit dem 13. Jahrhundert gab es durch die Hanse einen regen Warenaustausch zwischen Finnland und Deutschland, darüber hinaus gab es auch einen regen Kulturaustausch. Dieser Austausch hat sich bei den Finnen soweit eingeprägt, dass es Eingang ins finnische Liedgut fand wie das Lied von einer unglücklichen Liebschaft zwischen einem finnischen Mädchen und dem untreuen „Inseldeutschen“ Hannus Saaren Saksalainen.4ca Außerdem orientierte man sich in Finnland schon seit längerem am deutschen theologischen Denken, auch schon zu katholischer Zeit.4ea
     In Wittenberg studierte er hauptsächlich bei Philipp Melanchthon Theologie und begann mit der Übersetzung des Neuen Testaments „Se Wsi Testamenti“ ins Finnische.3ab 1539 schloss er sein Studium mit dem Magistergrad ab und ging mit einem Empfehlungsschreiben von Martin Luther und seinem Freund Philipp Melanchthon zurück nach Turku.1ae Man muss davon ausgehen, dass Mikael Agricola der deutschen Sprache mächtig war. In den Handelsstädten, wozu auch Turku gehörte, nahm die deutsche Sprache in bürgerlichen Milieus eine dominierende Stellung ein.4da Inwiefern Mikael Agricola im Elternhaus oder erst in Turku Deutsch lernte, ist derzeit unklar.

Zurück in Finnland

In Turku angekommen, wurde er zunächst zum Domkapitel ernannt, später wurde er Rektor der Kathedralschule 5aa von 1539 bis 1548.4fa

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Um 1550 heiratete er Birgitta Olavintytär, die ihn am 11.12.1550 den Sohn Christian gebar.5ab 1554 wurde er zum ersten lutherischen Bischof in Finnland ernannt3ca und im Gegensatz zum Bischof Martin Skytte war Mikael Agricola ein überzeugter Reformator.4bb Jedoch wurde die neuartige Konfession – im Gegensatz zu Deutschland – in behutsamen kleinen Schritten eingeführt.4fb
    
Zur Beilegung des sogenannten Livländischen Krieges (Schwedisch-Russischer Krieg von 1554 – 1557)2ba wurde unter anderem Mikael Agricola als Gesandter des Königs Gustav Wasa zu Friedensverhandlungen nach Moskau geschickt. Auf der Rückreise erkrankte er schwer und verstarb.1af

Vater der finnischen Schriftsprache

Als Vorbild für die Übersetzung des Neuen Testaments „Se Wsi Testamenti“ diente ihm Martin Luther mit seiner Übertragung ins Deutsche, aber auch die lateinische und schwedische Schreibweise. Seine Übertragung beruht hauptsächlich auf den südwestfinnischen Dialekt, verwendete ungefähr 6.000 Wörter, darunter zahlreiche Neologismen.3cb Er gilt als Vater der finnischen Schriftsprache und man gedenkt bis heute in Finnland an seinem Todestag 9. April mit dem „Tag der finnischen Sprache“.1ag Bis die finnische Schriftsprache zur allgemeinen Literatursprache wurde, dauerte eine Weile bis Elias Lönnrot im 19. Jahrhundert den finnischen Epos „Kalevala“ verfasste.3da

Werke (Ausschnitt) 3ba

1543: Abc-kirja, Kompendium (dt. ≈ ABC-Buch)
1544: Rucouskirja bibliasta, Gebetbuch (dt. ≈ Gebetbuch nach der Bibel)
1548: Se Wsi Testamenti, Übersetzung des Neuen Testaments in finnische Sprache (Hauptwerk von Mikael Agricola)
1551: Psalter, Übersetzung in finnische Sprache

sonstiges:
– Handbuch für Priester
– Messbuch

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Einzelnachweise:

 1aa, 1ab, 1ac, 1ad, 1ae, 1af, 1ag: Finnische Botschaft in Berlin (): Gedenktag für Mikael Agricola (1510 – 1557), zuletzt besucht am 09.07.2018

2 Wikipedia:
2aa, 2ab, 2ac, 2ad, 2ae, 2af: Wikipedia (): Mikael Agricola, zuletzt besucht am 09.07.2018
2ba: Wikipedia (): Russisch-Schwedischer Krieg (1554–1557), zuletzt besucht am 09.07.2018

3 Hrsg: Jürg Glauser: Skandinavische Literaturgeschichte, J. M. Metzler`sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart 2006
3aa, 3ab: S. 413
3ba: S. 413 f.
3ca, 3cb: S. 414
3da: S. 420 f.

4 Edgar Hoesch: Kleine Geschichte Finnlands, Verlag C.H. Beck – München 2009
4aa, 4ab: S. 49
4ba, 4bb: S. 50
4ca: S. 63
4da: S. 66
4ea: S. 68
4fa, 4fb: S. 69

5aa, 5ab: Luther 2017: Reformation und ihre Menschen (): Mikael Agricola, zuletzt besucht am 09.07.2018


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