„Alis Nase“ von Yekta Kopan

Warum es keine Geradlinigkeit geben kann

Bahnhofsgebäude in Köln Deutz / made by © read MaryRead

Warum es keine Geradlinigkeit geben kann

Viele Tiere und auch der Mensch hat eines immer bei sich, kann nie verloren gehen oder vielleicht doch. Die Rede ist von der Nase. Ali findet seine Nase nicht mehr. Der türkische Schriftsteller Yekta Kopan begibt sich im Bilderbuch Alis Nase mit dem Jungen auf Spurensuche.

Ali mit Nase

Ausschnitt aus dem Bilderbuch / © Alex Pelayo

Beim Stichwort Nase fällt einem vielleicht die Geschichte von Pinocchio, geschrieben von Carlo Collodi, ein, dem seine Nase bei jeder Lüge wächst. Das Bild von ihm, gezeichnet von Sabine Friedrichson, hat man präsent, aber immerhin, ihm geht sie nicht verloren.
     Im Bilderbuch Der Kolibri, der seinen Schnabel verlor von José Paniagua geschieht dem Vogel Vergleichbares wie Ali. Aber beim Kolibri handelt es sich um ein Tier, es ist eine Fabel, doch Ali ist ein Junge, der eines Tages seine Nase vermisst. Er sucht im Kühlschrank und auf dem Balkon, aber die Nase kann er nicht finden. Ein Gesicht ohne Nase sieht merkwürdig aus, platt wie eine Bratpfanne und so stellt der Illustrator Alex Pelayo auch Ali dar.
Es ist eine sehr schräge, skurrile Erzählung und so sind auch die Darstellungen. Keine der Räume haben ein grade Linienführung, die Wände sind gekrümmt. Die Fußböden scheinen teilweise so weich und nachgiebig zu sein, das schon leichte Gegenstände darin einsacken. Alles wirkt sehr chaotisch, unruhig; kein Wunder, denn wer wäre nicht beunruhigt, wenn er am Morgen aufwacht und seine Nase wäre verschwunden. Plötzlich sieht man auf allen Illustrationen nur noch Nasen, der Hund, der seine Nase in die Zeitung steckt, ein Kaktus, der seine Nase in die Luft reckt, die Produkte im Kühlschrank und selbst das Buch neben dem Sessel sieht wie eine Nase aus.

MEHR ZUM THEMA:
> Moritz Petz: Der Dachs hat heute schlechte Laune
> Ute Krause: Helma legt los
> Abay Arzu Gürz: Leyla und Linda feiern Ramadan

Die Erzählung über Alis Nase hat kaum einen Spannungsbogen, so als sei es völlig normal und alltäglich, dass man seine Nase verliert, so als würde man seinem Nachbarn erzählen, dass man gestern seine Nase geschnäuzt hat. Keiner der Familienangehörigen ist geschockt oder besorgt, sie haben aber Ideen, wo die Nase sich befinden könnte. Es klingt so, als hätte Ali ein Spielzeug verloren, aber er vermisst ein Sinnesorgan. Rein medizinisch betrachtet, kann er nichts mehr riechen, er kann den Käse im Kühlschrank nicht riechen, er kann die Autoabgase nicht riechen, vielleicht trägt seine Mutter ein wohlriechendes Parfum, aber Ali kann es nicht riechen. Er befindet sich in einer völlig geruchlosen Welt. Gerüche geben uns Orientierung, doch Ali kann sich nicht mehr zurecht finden. All das wird ausschließlich in den Bildern dargestellt; die Unruhe und das Chaos. Demnach liegt bei diesem zweisprachigen Bilderbuch (siehe unten) das Prinzip des geflochtenen Zopfes vor. Das Badezimmer am Ende der Geschichte hat eine grade Wand, fast alles ist geordnet, ein paar Spuren sind von dem chaotischen Zustand aber doch noch zu sehen.

weicher Boden

Ausschnitt aus dem Bilderbuch / © Alex Pelayo

Gängige Bilderbücher weisen fast immer ähnliche Merkmale auf: Bei Verlusten von Sinnesorganen werden die Geschichten in die Tierwelt transportiert; oder die Figuren sind verniedlicht wie bei Hans de Beer und seinem Kleinen Eisbären. Solche Bilderbücher lassen sich gut verkaufen. Tendenziell fordern sie weder den Leser noch den Betrachter heraus, haben wenig Substanz für eine Auseinandersetzung. Hingegen ist die Machart von dem Bilderbuch Alis Nase so gestaltet, dass man sich damit beschäftigen „muss“, weil nur dann kann man die schriftliche Handlung und die Illustrationen im Zusammenhang sehen, erst dann entfaltet sich einem das ganze Panorama der Tragödie, der Fluch ohne Geruchssinn durch die Welt zu spazieren. Für dieses Kinderbuch braucht man Zeit, man kann es nicht einfach nur vorlesen und zur Tagesordnung übergehen, ohne dem Kind die Bilder zu zeigen, ohne mit dem Kind darüber zu sprechen.
     Solche Bilderbücher wie von Yekta Kopan und Alex Pelayo müssten ausgezeichnet werden, hätten einen Literaturpreis wie dem Deutschen Jugendliteraturpreis verdient.

© read MaryRead 2016

Kinderbuch


In den Sprachen erhältlich:
Deutsch – Englisch: Alis Nase – Ali`s Nose / ISBN 978-3-19-019596-1
Deutsch – Französisch: Alis Nase – Le nez d’Ali / ISBN 978-3-19-029596-8
Deutsch – Griechisch: Alis Nase – Η μύτη του Αλή / ISBN 978-3-19-039596-5
Deutsch – Italienisch: Alis Nase – Il naso di Ali / ISBN 978-3-19-049596-2
Deutsch – Russisch: Alis Nase – Пролавший нос / ISBN 978-3-19-059596-9
Deutsch – Spanisch: Alis Nase – La nariz de Ali / ISBN 978-3-19-069696-3
Deutsch – Türkisch: Alis Nase – Ali’nin Burnu / ISBN 978-3-19-079596-3

 

Spürnase: Spiele rund um den Geruchssinn
Alis Nase: Bilder zum Ausmalen (pdf-Datei)


Rezension, zweisprachiges Bilderbuch, ab 4 JahreYekta Kopan: Alis Nase
Illustration: Alex Pelayo
Bilderbuch
Alter: ab 4 Jahre
mit Audio-CD in 8 Sprachen
28 Seiten
erschien: 03.09.2013
Verlag: Edition bi:libri
ISBN 978-3-19-019596-1
Preis: 16,99 € (D), 17,50 € (A)

Home > mehrsprachige Kinderbücher > Türkisch und Deutsch >Literaturmagazin: Sonderausgabe Nr. 1 – 2017 „Alis Nase“ von Yekta Kopan


Weiteres

Aber lassen wir das, RezensionRoman:
Lenz, Siegfried:
Es waren Habichte in der Luft

Aber lassen wir das
 … mehr >
25.04.2016

Tyrannenmord und ein auffälliges DatumDrama:
Shakespeare, William:
Julius Cäsar

Tyrannenmord und ein auffälliges Datum
 … mehr >
23.04.2016

Ein Gespräch im HimmelGespräch:
Der runde Literatentisch
Ein Gespräch im Himmel mit Marcel Reich-Ranicki, Günter Grass und Siegfried Lenz

 … mehr > 
08.04.2016


Treffpunkt Literatur

 

 

 

Immer gut informiert sein. Melden Sie sich bei unserem kostenlosen Service read MaryRead – Treffpunkt Literatur an.