Rezension zu „Leyla und Linda feiern Ramadan“ von Arzu Gürz Abay

zweisprachiges Bilderbuch, deutsch türkisch

Ägypten / Foto: © Simone Jawor / Collage made by © read MaryRead

Die schönste oder anstrengendste Zeit im Jahr?

In vielen Religionen gibt es eine Zeit im Jahresverlauf, die für alle, die zu dem jeweiligen Kulturraum gehören, von besonderer Bedeutung ist: für Juden das Jom Kippur (übersetzt: Versöhnungstag), für Christen das Weihnachtsfest und für Muslime der Ramadan. Das Fest Ramadan bekommen wir in Deutschland durch Nachbarn und Medien am Rande mit, doch häufig wissen wir nichts Genaues darüber. Was der hohen Feierlichkeit „Ramadan“ vorangeht und wie dieses religiöse Brauchtum in einem islamisch geprägten Staat gefeiert wird, erzählt Arzu Gürz Abay in dem Bilderbuch Leyla und Linda feiern Ramadan.

Während hierzulande immer weniger Menschen wissen, aus welchem Grund Weihnachten gefeiert wird, ist es für die meisten muslimischen Kinder ein Selbstverständnis, dass die vorangehende Fastenzeit deshalb begangen wird, um nachzuempfinden, wie es denen geht, die in Armut und Hunger leben.

Die beiden Mädchen – Leyla und Linda – die in Deutschland leben, begegnen sich wie geplant im Urlaub in der türkischen Stadt Ayvalik. Wie sehr sich die beiden Kinder beim Wiedersehen freuen, kann man auf dem Bild, erstellt von Sibel Demirtaş, durch die liebevolle Umarmung erkennen.

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Das Lesepublikum wird auf der Textebene in eine uns eher fremdartige Kultur mitgenommen, gleichzeitig ist man fasziniert, denn so ein Trommler in der Nacht, der Lieder trällernd durch die Straßen zieht, hat was Märchenhaftes.
     Wahrscheinlich finden es Muslime irritierend, wenn sie in ein christlich-traditionelles Land reisen, und morgens sowie abends jeweils um sieben Uhr und in der Mittagszeit die Kirchenglocken zum Angelusgebet läuten hören.

Auf der Bildebene werden beim Betrachter Urlaubserinnerungen geweckt, an die Zeit von entspannten Situationen am Strand oder in Disney-Land. Einige Illustrationen weisen starke Ähnlichkeiten mit Walt Disney auf. Andere Bilder erinnern einen an das Bilderbuch Der Farbenverdreher von Ulrike Rylance. Der von Jessica Störmer gemalte Farbenverdreher hat etwas orientalisch-märchenhaftes, der Trommler in der Nacht im vorliegenden Kinderbuch hat ebenfalls das schelmisch-orientalische Aussehen.
     Die beiden Familien haben einen typischen urlaubsentspannten Umgang miteinander. Im freundschaftlich-höflichen Ton wird über Ramadan gesprochen und man gewinnt den Eindruck, dass Fasten nichts Anstrengendes ist, von Hunger- und Durstgefühl wird nichts erzählt. Der Großvater von Leyla spricht in kurzen Monologen über den muslimischen Brauch mit einem Lächeln, als sei das Fasten die reinste Freude. Ein stückweit erinnert dieses Verhalten an Menschen aus Asien, die ebenfalls für alles ein Lächeln haben.

Die katholischen Christen kennen kein Fastenbrechen; es gibt Tage, an denen besonders streng gefastet werden soll, wie Karfreitag. Zudem hat in der letzten Fastenwoche – auch Karwoche genannt – die Liturgie einen besonderen Stellenwert. Die Nacht zu Ostern beendet die Fastenzeit mit der Einleitung eines Osterfeuers.
     Muslime hingegen scheinen ihre Fastentage gleichmäßig zu gestalten, mit Fastenbrechen in der Nacht, zumindest wird im Bilderbuch nichts Gegenteiliges erwähnt.
     
Während hierzulande das Osterfeuer das Ende signalisiert, wird in der Türkei die Fastenzeit mit einem Kanonenschuss beendet.

In Deutschland ist es mittlerweile nicht mehr üblich, die Fastenzeit zu begehen, auch bekennende Katholiken tun es eher vereinzelt, während es im islamischen Kulturraum im Jahresablauf so integriert ist, dass diese besondere Zeit im Tagesablauf dementsprechend angepasst wird.

Die Erzählung zeigt, wie ungezwungen dass Miteinanderleben von verschiedenen Kulturen möglich ist, mit welchem Selbstverständnis das Treffen in der Türkei organisiert wird und wie die türkische Familie Linda und ihre Mutter herzlich aufnehmen.
     Man erfährt jedoch nichts über das religiös-kulturelle Leben in Deutschland, trotz der beiden Hauptpersonen, Leyla und Linda. Leylas familiäre Wurzeln sind türkisch, Lindas Einsatz mehrsprachiger Bilderbücher in KiTasWurzeln sind deutsch. Die Verwendung der Zweisprachigkeit, deutsch-türkisch, verdeutlicht dies. Die Möglichkeit hätte demnach durchaus bestanden, dass auch vom Brauchtum der Christen erzählt wird.

Trotz des Vermissens einiger Aspekte, lohnt es sich, dieses Buch zu lesen und vorzulesen.
     Die Informationen über den Ramadan sind kindgerecht und wie bei jedem gut ausgearbeiteten Thema stellen sich Fragen, Fragen nach der Dauer der Fastenzeit, wieso liegt die heilige Kaaba in Mekka und dergleichen mehr. Fragen sind dafür da, um nach Antworten zu suchen. Einige Antworten sind nicht oder nur unzureichend in einem Lexikon zu finden. So kann man die Möglichkeit ergreifen und die Fragen an Muslime direkt zu stellen.
     
Das Kennenlernen von religiösen Bräuchen trägt zum Brückenbau über Kulturgrenzen hinweg bei.

© read MaryRead 2014

Kinderbuch


Pädagogisches Material gibt es hier (): Talisa-Verlag (pdf-Datei)   


Die schönste oder die anstrengendste Zeit im JahrArzu Gürz Abay: Leyla und Linda feiern Ramadan
Deutsch – Türkisch
Leyla ve Linda Ramazanı kutluyorlar
Illustration: Sibel Demirtaş
Alter: ab 5 Jahre / gebunden / 34 Seiten
erschien:
08.2011 / Verlag: Talisa Kinderbuch Verlag
ISBN 978-3-939619-09-3
Preis: 13,95 € (D), 14,40 € (A)

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