Story: Wer den Schrank öffnet …

Moderne Kunst, Malerei,

Der Beobachter in der blauen Jacke, made by © read MaryRead, nähere Angaben zum Bild gibt es hier

findet die Wahrheit

Auf der halb verdorrten Wiese hängt meine Nachbarin am Sonntag Mittag im Garten ihre Wäsche auf. Unser Garten ist ein halboffenes Terrain, jeder kann dadurch, kein Gartenzaun hält ihn davon ab, lediglich vier Mietshäuser aus den 1930er Jahren grenzen den Garten ein. Nach Blumen schaut man fast vergeblich in diesem Garten, nur in einer Ecke ist ein Rosenstrauch. Zwei alte Kirschbäume, ein Holunderstrauch und eine Vogelkirsche zieren ihn. Ich mag unseren Garten und doch habe ich in der Vergangenheit des öfteren über einen Umzug nachgedacht. Die Mieten sind zwar niedrig, dafür sind die Nebenkosten hoch. Die Hauswände und das Dach sind nicht isoliert, aus den Fensterrahmen fällt der Kit, die Fenster sind ein-glasig. Unser Vermieter denkt gar nicht daran, in dieses Haus zu investieren, nach gefühlten fünfzig Jahren ließen sie die Hauswand einmal streichen. Sie ließen ein Gerüst aufbauen bis knapp unters Dach, sie hätten für die Isolierung des Hauses einen Teil davon vom Bund erstattet bekommen können, ließen die Anstreicher kommen die für ein paar Tage auf dem Gerüst herumwirbelten. Dann war der Spuk vorbei. Seitdem sieht die Hauswand nicht mehr so heruntergekommen aus.
     Meine Nachbarn nehmen es mit der Ordnung nicht so genau, was ich durchaus zu schätzen weiß, nur manchmal stört mich dann doch das eine oder andere. Ich finde es nicht ästhetisch, wenn Eierschalen auf der Wiese liegen, oder wenn jemand sein kaputtes Fenster auf die Wiese wirft, barfuß sollte man hier nicht langlaufen. Und dann steht da seit kurzem noch ein Schrank herum, der offenbar keinem gehört, hineinschauen möchte auch niemand.

Zuweilen halte ich es in meiner Wohnung nicht mehr aus, schwinge mich auf mein Fahrrad und steige beim Bundestag wieder ab. Auf der Wiese beim Bundestag kann ich ungestört lesen, beobachten, nachdenken. Derzeit habe ich die Bundestagsabgeordnete Svenja im Visier, sie weiß nur nichts von ihrem Glück (oder Pech). Ich arbeite für ein kleines Magazin, eine Akkreditierung für den Bundestag wie andere Journalisten von renommierten Zeitungen habe ich nicht.

Svenja fühlt sich seit ein paar Wochen bestätigt und glaubt, dass ihre Stunde nun gekommen sei. Endlich. In den letzten Monaten hat sie sich abgerackert, malocht mit dem Ergebnis, dass man zwar ihre Ideen gut fand aber zu teuer, zu aufwendig in der Umsetzung. Und jetzt hat sie nahezu freie Hand, glaubt man, glaubt sie. Ab sofort gibt sie sich nicht mehr mit Kleinigkeiten ab, verleiht ihren Ideen Nachdruck, holt sich Wissenschaftler ins Haus. In Berlin hat sie dafür ideale Voraussetzungen. Der Weg zur Universität ist kurz, die Medien sind ständig präsent, greifbar, schnell kann man ihnen Informationen zukommen lassen. Und eines hat sie inzwischen gelernt, man muss es geschickt anstellen.

Soll ich den Schrank in unserem Garten öffnen? Oder sollte ich vielleicht die Polizei endlich informieren, eine Bombe könnte darin versteckt sein. Paperlapapp, die Zeit der Terroranschläge ist seit dem Ende des Syrienkrieges vorbei, der IS ist vorerst geschlagen, die Sicherheit wurde Stück für Stück ausgebaut auf Kosten der bürgerlichen Freiheit. Den meisten ist die Sicherheit wichtiger als die Freiheit.
     Meine Neugierde siegt. Ich öffne den Schrank, der tatsächlich unverschlossen ist. Naja, da werde ich wohl außer Spinnweben, ein paar Insekten und Mäusen nichts finden.
    
Vorsichtshalber halte ich mir ein Taschentuch vor die Nase, wer weiß, welcher Geruch mir gleich entgegenschlägt. Dann eine kleine Überraschung. Im Schrank liegt ein Stoß an bedrucktem Papier, auf dem obersten Blatt lese ich irgendetwas von Studien. Schnell schaue ich mich um, dann geht alles sehr schnell. Ich öffne meinen Rucksack und packe das Zeug hinein und schleiche durch den Keller in meine Wohnung. Lange können diese Papiere noch nicht im Schrank liegen, dafür sind sie unbefleckt, die Ordnung scheint erhalten geblieben zu sein. Wer sie dahinein gelegt hat, würde mich zwar interessieren aber zu genau möchte ich es auch nicht wissen. Ich weiß genau, dann käme mein schlechtes Gewissen und ich würde eine Kraftanstrengung unternehmen, um demjenigen die Unterlagen zurück zu geben. Das möchte ich aber nicht, vielmehr möchte ich sie lesen, nur wenn sich herausstellen sollte, dass sie für mich völlig uninteressant sind, werde ich es mir überlegen, ob ich sie zurückgebe. Das bedeutet jedoch, dass in meiner Nähe ein Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin lebt oder gelebt hat, vielleicht ist der oder die inzwischen umgezogen und hat beim ausmisten vergessen, dass in diesem Schrank die Studie liegt oder der oder die braucht sie nicht mehr. Wer weiß das schon.

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Diese Republik soll Grüner werden sind die Töne seit der letzten Europawahl. Bei Martin rufen diese Worte vor allem eines hervor: Skepsis. Neulich trafen wir uns zufällig in der Bäckerei. Er sagte zu mir: „Warte ab, wir werden für diese Wahl noch teuer bezahlen.“ Nach einem fragenden Blick meinerseits legte er mir seine Sicht der Dinge dar: „Seit jeher sollte man jedes Wort, was aus dem Mund eines Politikers kommt, auf die Goldwaage legen, nicht nur einmal, nicht nur zweimal, nicht dreimal, am besten hundertmal um den Haken zu finden. Erinnerst du dich noch, als vor ein paar Jahren die Panik ausbrach rund um die Rente?“ Ich nickte. „Da hob man die Riester-Rente aus der Taufe mit dem Versprechen, wer diese abschließt, dass er im Alter mehr hätte. Landauf landab sang man dieses Mantra. Inzwischen sollte auch der Letzte begriffen haben, dass das großer Blödsinn war. Oder schau dir die Betriebsrente an. Da bezahlen die Leute jahrelang dort ein, verzichten auf einen Teil ihres Lohns, nur um dann Jahre später feststellen zu müssen, dass sich andere über ihr Geld freuen, davon profitieren tun nur die, die es gar nicht so nötig haben. Ich sag dir, wir werden verarscht, wenn wir dabei stehen. Und jetzt? Jetzt kommen sie mit der Ökokeule, zaubern eines nach dem anderen aus dem Hut. Es riecht schon förmlich nach Ökosteuer und ich verwette meinen Arsch darauf, dass sie uns das als sozialverträglich verkaufen werden. Da haben`se was aus der Schweiz gehört, wie toll es dort funktioniert, werden es mit irgendwelchen Statistiken belegen, in der Hoffnung, dass wir vergessen, dass man nur der Statistik glauben soll, die man selber erstellt hat. Und um die Glaubhaftigkeit zu unterstreichen, werden sie uns was von Studien faseln, natürlich werden sie keine Titel nennen und du kannst davon ausgehen, mindestens eine davon wurde von einem Parteinahen Institut erstellt.“ Richtig in Rage redete er sich. Ich erwiderte: „Ach komm, du übertreibst mal wieder, so schlimm wird es nicht kommen.“

Die Papiere sind noch nicht einmal gebunden worden, sehr zu meinem Leidwesen. Zunächst loche ich sie alle, hefte sie in meinem Ordner ab. Erst dann beginne ich zu lesen. „Studie: Untersuchung der Voraussetzungen für Ökosteuern im privaten Bereich. Manuskript“. Wider erwarten finde ich diese Studie nicht langweilig, im Gegenteil, der Platz auf meinem Tisch wird immer kleiner, da ich immer mehr Literatur aus meinen Regalen fische, um zu überprüfen, ob das Hinkommen kann, was darin geschrieben steht. Die Autoren machen in ihrer Einleitung schon deutlich, dass die Voraussetzungen für eine Ökosteuer die sozialverträglich sein, soll im privaten Bereich, in Deutschland nicht gegeben ist. Eine krasse Behauptung, befindet sich Deutschland doch gerade in einer großen Energiewende, weg vom Atom- und Kohlestrom hin zu erneuerbaren Energien. Für eine gerechte Ökosteuer müsste zunächst das Gewerbe den Transport ihrer Produkte auf Schienen verlegt werden. Um dies zu ermöglichen, müsste das Schienennetz zum einen deutlich mehr ausgebaut werden, zum anderen müssten solche finanzielle Anreize geschaffen werden, sodass der Transport per Bahn günstiger wird als mithilfe durch LKWs. Einhergehend müsste der Nahverkehr deutlich ausgebaut werden, vor allem im ländlichen Raum, außerdem müsste er subventioniert werden, um die Fahrtkosten deutlich für jeden zu senken, sodass er auch für Einkommensschwache erschwinglich ist, und dort, wo ein öffentlicher Nahverkehr unrentabel ist, müssten Angebote wie Carsharing und ähnliches gegeben sein. Sämtliche Mietshäuser müssten auf den neuesten Stand gebracht werden, sie müssten allesamt Wärmegedämmt sein, Doppelverglasung sollte eine Mindestvoraussetzung sein. Zugleich dürften die Mieten nicht wesentlich steigen, um die Wohnungsnot nicht noch zusätzlich zu verschärfen. Denkbar wäre hierfür eine Kostenmischung aus Subventionierung und Eigenleistung der Vermieter mit der Differenzierung zwischen großen Privatanbietern, Gesellschaftern und Vermietern, die lediglich bis zu ein paar Wohnungen zur Verfügung stellen. Solange all diese Voraussetzungen nicht annähernd erfüllt sind, kann niemals von einer sozialverträglichen Ökosteuer die Rede sein.
     Auf der letzten Seite erfahre ich dann, wer die Urheber dieser Studie sind. Hinter ihren jeweiligen Namen geben sie in Klammern ihren Fachbereich an. Demnach sind es Doktoranden des Instituts Felsenburg aus den Bereichen Physik, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, ökologische Ökonomie, Jura und Ingenieurswesen. Fertig gestellt wurde die Studie laut der Angabe im Februar 2019. Sogar an die Telefonnummer für mögliche Rückfragen haben die Autoren gedacht.

Svenja ist es tatsächlich gelungen, den Ausschuss rund um das Ministerium für Erziehung und Bildung zu überzeugen, dass der Ausbau von Ganztagsschulen ein Gewinn für alle wäre, langfristig würde es sich finanziell für den Staat lohnen. Chapeau Svenja.

© read MaryRead 2019

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