Tischreden: Martin Luther spricht über Gott und Welt: Was ist der Mensch?

Geige, Violine, Brot, Schildkröte, Rotwein, Spiegel, Pieter Claesz, Lifestyle, 1623

Pieter Claesz: Still Life with Musical Instruments (1623)

Reden scheidet einen Menschen von allen Thieren.

»Unter allen Gaben Gottes ist Reden die allerschönste und herrlichste, dadurch allein der Mensch von allen andern Thieren unterschieden ist. Sonst sind etliche Thier, die in andern Gaben einen Menschen übertreffen; etliche mit dem Gesicht, etliche mit dem Gehör, etliche mit Riechen, aber keins kann reden. Wiewohl das ein Anzeige ist, daß das Wort einer hohen Art und Verstandes muß sein.«

Vom Mißbrauch Gottes Creaturen.

Da des Doctors Hausfrau hatte ihr Teichlein im Garten fischen lassen und allerlei Fische gefangen, Hechte, Schmerlen, Forellen, Kaulbärsche, Karpfen usw. und derselben etliche gesotten auf den Tisch brachte und mit großer Lust, Freude und Danksagung davon aß, sagte Doctor Martinus Luther zu ihr: »Käthe, du hast größer Freude über den wenig Fischen denn mancher Edelmann, wenn er etliche große Teiche und Weiher fischet und etliche hundert Schock Fische fähet. Ah, der Geiz und Ehrsucht machen, daß wir Gottes Creaturen nicht können recht und mit Lust brauchen; es sitzet mancher Geizwanst und lebet in großer Wollust, hat überflüssig genug, und kann dennoch desselben nicht mit Lust und Nutz genießen. Es heißet: Der Gottlose wird Gottes Herrlichkeit nicht sehen; ja, er kann auch nicht die gegenwärtigen Creaturen erkennen. Denn Gott überschüttet uns zu sehr damit, und weil es so gemeine ist, achtet man es nicht; wenn es seltsam wäre, so achtet mans höher, aber wir können nicht bedenken, was für Lust und Freude an den Creaturen sei.
     Sehet doch nur, wie fein ein Fischlein leichet, da eines wohl tausend bringet; wenn das Männlein mit dem Schwanz schläget und schüttet den Samen in das Wasser, davon empfähet das Fräulein. Sehet an die Vöglein, wie fein rein gehet doch derselben Zücht zu; es hacket die Siehe in das Häuptlein, leget sein Eierlein säuberlich in das Nest, setzet sich darüber, da gucken die jungen Küchlein heraus; siehe das Küchlein an, wie gar stekts doch im Ei? Wenn wir ein solch Ei niemals gesehen hätten und eines würde aus Kalekuthen bracht, so würden wir uns alle darüber verwundern und entsetzen. Kein Philosophus, noch gelehrter Naturkundiger kann gewisse Ursache anzeigen, wie es mit solchen Creaturen zugehet und wie sie geschaffen werden, allein Moses zeigets an, da er saget: Und Gott sprach, da wards; er befahls, da stunds da. Wachset und mehret euch. Aus diesem Sprechen und Gebieten kommen und mehren sich noch heutigen Tages allerlei Creaturen und werden ersetzet bis an den jüngsten Tag.«

Was für ein Wesen und Sinn im Paradies gewest wäre.

Es waren bei Doct. Mart. M. Spalatinus und der Pfarrherr zu Zwickau, M. Lenhart Beier, da scherzte der Doctor fein freundlich mit seinem Söhnlein Martinichen, der wollte sein Bühlichen ehrbarlich vertheidigen, sie ehrlich kleiden und lieben; sprach er: »Also wären wir im Paradies gesinnet gewest, schlecht, einfältig, aufrichtig ohn alle Bosheit und Heuchelei, und wäre rechter Ernst gewest, wie dies Kind von Gott redet und ist deß gewiß.

Darum sind solche natürliche Possen und Scherze die allerbesten an Kindern, das sind die lieblichsten Närrlein. Angenommener Scherz und Poßwerk an den Alten hat solch Gnade nicht, fleußt und gefällt nicht so wohl; denn was gefärbet und gedichtet ist, das verleuret Gunst, haftet nicht und macht wenig Lust als das, so von Herzen natürlich zugeht. Darum sind die Kinderlein die feinsten Spielvögel, die reden und thun alles einfältig, von Herzen und natürlich. Ein solcher ist Claus Narr gewest, der in die Stiefel hofirte, und da er beschuldiget ward, entschuldiget er sich und sprach, die Mäuse hätten es gethan.«

Der menschlichen Herzens Unersättlichkeit, und es wird doch eines Dinges bald überdrüssig.

Doct. Martinus sagete: »Wer jetzt ein Fürst ist, der wollte gern ein König sein oder ein Kaiser. Ein Buhler, der eine Jungfrau lieb hat, gedenket immerdar, wie er sie möchte zur Ehe bekommen, und ist in seinen Augen keine schöner denn sie. Wenn er sie nun bekommen hat, so wird er ihrer bald überdrüssig und meinet, ein andere sei viel schöner, die er wohl hätte können überkommen. Also gedenkt ein Armer, hätte ich hundert Thaler, so wollt ich der Allerreichste sein, wenn er sie aber kriegt, so will er ihrer noch mehr haben. Das Herz bleibet auf einem Ding nicht beständig, das haben die Heiden auch ab experientia gehabt und gesaget: Virtutom presentem odimus, sublatam ex oculis quaerimus invidi.«

Und sagete Anno 1542 Doctor Luther darauf: »Als Lucas Cranach Maler, der ältere, sein Weib genommen hatte und die Hochzeit wäre gehalten gewesen, da hätte er immerdar bei der Braut der nächste sein wollen. Da hatte er einen guten Freund gehabt, der hat ihn eine Weile aufgehalten und gesaget: Lieber, thue nicht also! Ehe ein halb Jahre hingehet, wirst du sein gar genug haben, und es wird keine Magd im Hause sein, du wirst sie lieber haben denn dein Weib. Und es gehet auch also. Denn praesentia odimus, absentia amamus

Unbeständigkeit menschlichen Herzens.

»Des Menschen Herz ist gleich wie Quecksilber, das jetzt da, balde anders wo ist, heut also, morgen anders gesinnet. Darum ists gar ein armselig Ding und Eitelkeit, wie Ecclesiastes, der Prediger Salomonis saget, daß ein Mensch, begehrt ungewiß Ding und sehnet sich darnach, und daß er nicht weiß, wie es gerathen wird; dagegen das gewiß ist und das allbereit gerathen ist, verachtet er.

Da Herzog Friedrich regierte, mißfiel uns beide, er und seine Sanftmüthigkeit und Lindigkeit, daß er ein friedlich, geruhig und eingezogen Regiment und Hof führete, und hofften auf einen andern bessern, der nach ihm würde ans Regiment kommen. Ei, sagten wir, wenn wir Herzog Hansen hätten, da wirds fein werden! Da wir ihn nun hatten nach Herzog Friedrichs Tode, da begehrten wir den jetzigen Herzog, Johanns Friedrichen Kurfürsten, der wirds thun, sagten wir; aber über drei Jahre so wird er uns gewißlich auch nicht tügen.«

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