Tischreden: Martin Luther spricht über Gott und Welt: Geld regiert die Welt?

Geige, Violine, Brot, Schildkröte, Rotwein, Spiegel, Pieter Claesz, Lifestyle, 1623

Pieter Claesz: Still Life with Musical Instruments (1623)

INHALTSVERTEICHNIS:

Wen liebt Gott mehr, den Armen oder den Reichen?
> Gott, und nicht Geld, erhält die Welt.
Ein anders.

Kostenlos zu haben
> Weil Gott alle Güter umsonst gibst, achtet man ihrer nicht.
> Es ist am Brauch der Güter am meisten gelegen.
> Was in Amtsverrichtung zu betrachten.

Der Schatz gehört mir
> Der Welt Narrheit.
> Die Welt thut Niemand etwas umsonst.
> Der Welt Güter und Schätze.
> Von denen, die an der Welt Reichthum hangen.
Von Händeln und Wucher.

Was über Reichtum sonst noch zu sagen ist
> Leihen.
> Wie Bauern sind gestraft worden, die ihrem Pfarrherrn nicht wollten den Zehnten geben.

Wen liebt Gott mehr, den Armen oder den Reichen?

Gott, und nicht Geld, erhält die Welt.

»Allein Gott nähret und erhält uns, nicht Geld und Gut; denn Reichthum und viel Geld macht hoffärtige und faule Leute. Wie zu Venedig, da die Allerreichsten sind, eine gräuliche große Theuerung einfiel, auch bei unserm Gedenken, also, daß sie mußten den Türken um Hilf anrufen; der schickt ihnen 24 Galeen voller Getreides, welche allzumal, da sie nun schier waren ankommen, hart vor Venedig im Meer untergingen und ersoffen vor ihrem Angesicht.
     Darum kann groß Geld und Gut den Hunger nicht stillen, noch ihm rathen, sondern verursacht mehr die Theurung. Denn wo reiche Leute sind, ist es allezeit theuer. Zu dem macht das Geld Niemand recht fröhlich, sondern macht einen viel mehr betrübt und voller Sorgen; denn es sind Dornen, so die Leute stechen, wie Christus den Reichthum nennet. Noch ist die Welt so thöricht, und will alle ihre Freude darinnen suchen.«

Anmerkung: Man kann sich lebhaft vorstellen, dass Martin Luther voller Schadenfreude war, als das Schiff von den Türken vor Venedig kenterte, hatte er doch nicht allzu viel für die Türken übrig. (angemerkt von read MaryRead)

Ein anders.

Da Doctor Martinus sähe das Vieh im Felde gehen an der Weide, sprach er: »Da gehen unsere Prediger, die Milchträger, Butterträger, Käseträger, Wollenträger, die uns täglich predigen den Glauben gegen Gott, daß wir ihm, als unserm Vater, vertrauen sollen, er sorge für uns und wolle uns ernähren.«

Kostenlos zu haben

Weil Gott alle Güter umsonst gibst, achtet man ihrer nicht.

»Wenn unser Herr Gott seine Güter verkaufte, so würde er Gelds genug daraus markten, weil er sie aber umsonst gibt, achtet man ihrer wenig. Als wenn Gott nur ein Jahr nicht Regen gäbe, noch Segen zu allerlei Gewächsen des Erdreichs, würde jedermann klagen, rufen und bitten um einen fruchtbaren Regen, und wenn er um Geld zu kaufen wäre, würde man kein Geld sparen. Nun aber der liebe Vater allerlei, was zur Erhaltung dieses Lebens Noth ist, reichlich dargibt, wie viel sind ihrer, die es erkennen und ihm dafür danken?
     Zu dem lässet der liebe Gott und Schöpfer die Sonne täglich aufgehen, des Nachts Mond und Sterne scheinen und leuchten, gibt zu unserm Brauch ohn Unterlaß die Element Feuer, Luft, Wasser, Erden und alle Creaturen, dazu Leib, Leben, Brod, Wein, allerlei Vieh, Früchte und Güter auf Erden, daß der Mensch erhalten könne werden, über das auch sich selber, und heißt nun Emanuel, das ist, Gott mit uns.
    
Was verdienet aber der liebe Gott durch diese seine große, ja unaussprechliche Wohlthaten bei der Welt? Das verdienet er, daß sie seinen Namen lästert, seinen Sohn, den er ihr zum Heiland gesandt, kreuziget, seine Kirche samt ihren Dienern verfolget und verwüstet usw. Wie er nun aus lauter Güte gar umsonst alle Creaturen geschaffen hat, also nähret und erhält er sie; doch das kleine Häuflein, die liebe Christenheit, spricht ihm ein Deo gratias dafür.« 

Gott wendet große Unkostung auf der Vögel Speise und Nahrung, darum will er auch die Menschen ernähren, speisen und erhalten.
     Doctor Martinus Luther sagete, »daß kein Mensch auf Erden sei, der da vermöchte zu bezahlen die Unkosten, so unserm Herr Gott täglich aufgehet, daß er nur die unnützen Vogel ernähret und speiset. Und ich gläub es gänzlich, daß der König von Frankreich mit alle seinem Reichthum, Zinsen und Renten nicht vermöchte zu bezahlen, was allein auf die Sperlinge gehet; was soll ich denn von der andern Vögel, als Raben, Dohlen, Krähen, Zeisig, Stiglitz, Finken und dergleichen Vögel Speise sagen? So denn nun Gott die Vögel so reichlich und überflüssig ernähret, wer wollte denn vom Menschen verzweifeln, daß Gott ihm nicht Nahrung, Futter, Decke und alle Nothdurft geben sollte?
    
Die Sperlinge sind die geringsten und lösten Vögel, noch haben sie die allergrößtste Herrlichkeit. Sie haben das ganze Jahr über die allerbesten Tage und thun auch den größten Schaden. Im Winter liegen sie in Scheunen und auf den Kornböden; im Lenzen fressen sie den Samen auf dem Felde, item Pflanzen und andere Gewächse; zur Erntezeit haben sie aber auf dem Felde genug zu essen; im Herbst sind die Weinberge und Obst ihr Labsal. Ergo digni sunt omni persecutione

Es ist am Brauch der Güter am meisten gelegen.

Da M. Ph. (Melanchthon) sagte, daß ein reicher Bürger zu Leipzig, Simon Leubel, ein groß, schön, lustig, wohlgebaut Haus hätte, antwortet D. Martinus: »Es liegt nicht daran, daß man die Erben reich mache, sondern daran ists am meisten gelegen, daß sich die Erben darein schicken lernen und Gottes Segen recht brauchen. Und wir Aeltern sind große Narren, daß wirs uns blutsauer werden lassen, arbeiten Tag und Nacht, daß wir unsern Kindern viel Gutes lassen; aber sie in Gottes Furcht, guter Zucht und Ehrbarkeit zu ziehen und unterweisen, da sind wir sehr nachlässig. Es ist gar eine böse, verkehrte Welt.«

Was in Amtsverrichtung zu betrachten.

»Wenn ich mirs nicht von Herzen ließe sauer werden um des Mannes willen, der für mich gestorben ist, so sollt mir die Welt nicht können Gelds genug geben, daß ich ein Buch schreiben oder etwas in der Bibel verdolmetschen wollte. Ich will meine Arbeit von der Welt unbelohnet haben, sie ist zu gering und arm dazu; ich habe noch nie meine Herrn zu Sachsen um einen Pfennig gebeten, weil ich bin hie gewest.«

Der Schatz gehört mir

Der Welt Narrheit.

»Groß ist der Welt Thorheit, sie achtet Edelgesteine nicht nach ihrer Dignität und Würde, sondern nach dem sie viel gelten. Dürfen einen Türkis um fünfhundert Gulden achten, der doch keine bewährte Kraft hat und den gemeine Leute würden kaum einen Groschen werth achten. Darum hat Claus Narre (wie man sagt, dem Kurfürsten, der Edelgestein kaufte, und fragte ihn, wie theuer er sie schätzte) eine feine Antwort gegeben und gesagt: ›So theuer ist er und werth, so hoch ihn ein reicher Narr achten und bezahlen darf.‹«

Anmerkung: Claus Narr lebte ungefähr von 1486 bis nach 1530. Sein Beruf war Hofnarr, er gilt als einer der berühmtesten, war unter anderem am Hof Kurfürst Friedrich II. und Friedrich dem Weisen tätig. (angemerkt von read MaryRead)

Die Welt thut Niemand etwas umsonst.

WEITERE FABELN VON LUTHER:
> Fabeln: Etliche Fabeln aus Esopo verdeutscht

Die Welt ist so eigennützig, daß sie Niemand etwas umsonst thut, sondern Alles will verlohnet haben. »Wie diese Fabel anzeiget,« sprach D. Martinus: »Einer vermiethet dem Andern seinen Esel und ging neben ihm; der aber drauf saß, da die Sonne so heiß schien und stach ihn, bat er den Herrn, er wollte drauf sitzen und ihn auch ein wenig im Schatten gehen lassen. Aber er wollte nicht und sagte: Er hätt ihm den Esel zu reiten vermiethet und nicht den Schatten davon, denselben sollt er ihm sonderlich bezahlen, da er ihn haben wollte. Diese Fabel ist ein Contrafeit und Bild der Welt, die thut nichts umsonst, will einem auch nicht den Schatten mittheilen und vergönnen!«

Der Welt Güter und Schätze.

»Die Fugger können,« sprach Doctor Martinus, »in einer Eile aufbringen ein Tonne Goldes, fünf oder sechs, das der Kaiser nicht vermag. N. Fugger hat bei 18 Tonnen Golds verlassen. Man sagt, daß die Fugger und Welser haben dem Kaiser einmal zwölf Tonnen Goldes im Kriege für Padua geliehen. Augsburg vermag in dreien Wochen dreißig Tonnen Goldes aufzubringen; das vermag der Kaiser nicht.«
     Und sagte der Herr Doctor: »Daß ein Bischofs von Brixen einmal zu Rom gestorben, welcher auch war ein Kardinal gewesen und sehr reich, und als er war todt gewesen, hatte man bei ihm kein Geld gefunden, denn allein ein Zettelein eines Fingers lang, das in seinem Aermel gesteckt war. Als nun Papst Julius denselbigen Zettel bekommen, hat er bald gedacht, es würde ein Geldzettel sein, schickt bald nach der Fugger Factor in Rom und fraget ihn, ob er die Schrift nicht kenne? Derselbige spricht: ja, es sei die Schuld, so der Fugger und seine Gesellschaft dem Kardinal schuldig wären und machte dreimal hundert tausend Gülden. Der Papst fraget: Wenn er ihm solch Geld erlegen könnte? Des Fuggers Diener sprach: alle Stunde. Da fodert der Papst zu sich den Kardinal aus Frankreich und England, und fraget: Ob ihr König auch vermöchte drei Tonnen Goldes in einer Stunden zu erlegen? Sie sagten: Nein. Da sprach er: das vermag ein Bürger zu Augsburg zu thun. Und hat der Papst Julius dasselbige Geld bekommen.«
    
Es sagete auch der Herr Doctor: »Daß der Fugger dem Rath zu Augsburg einmal hätte sollen die Schatzung geben, da hätte er die Antwort gegeben: Er wüßte nicht, wie viel er hätte oder wie reich er wäre, darum könnte er die Schatzung nicht geben. Denn er hätte sein Geld in der ganzen Welt, in Türkei, Griechenland, zu Alexandria, in Frankreich, Portugal, England, in Polen und allenthalben; jedoch wollte er die Schatzung geben von dem, das er zu Augsburg hätte.«
    
Der Herr Doctor sagete auch, »daß er von einem gehört hätte, der da gesaget, daß er von dem Kaiser Maximiliano ein Kartenblatt hätte empfangen, darauf wenig Wort waren geschrieben gewesen, damit war er zum Fugger gen Augsburg kommen, der hätte ihm darauf sechs tausend Gülden gegeben, die hätte er in einen Aermel gesteckt und bei sich geführet, daß es seine Knechte nicht wären gewahr worden.« Aber der Doctor sagete, »daß er das mit dem Kartenblatt gerne gläubete, denn vor Zeiten hätte man kleine Briefe geschrieben und wäre großer Glaube gehalten worden. Aber das Geld zu führen, daß mans nicht gewahr würde, däuchte ihn etwas zu milde geredet sein.«

Von denen, die an der Welt Reichthum hangen.

»Ein Mensch, der sich ergeben hat auf der Welt Reichthum und Ehre, und indeß vergisset seiner Seelen und Gottes, der ist gleich einem kleinen Kindlein, das in der Hand hält einen Apfel, der schön ist von Gestalt und äußerlicher Farbe, und meinet, es habe etwas Gutes; inwendig aber ist er faul und voller Würmer.«

Von Händeln und Wucher.

»Ein bürgerlicher und rechtmäßiger Handel wird von Gott gesegnet, daß einer von zwanzig Pfennigen einen hat, aber ein gottloser und unleidlicher Gewinn im Handel wird verflucht. Wie Melchior Lotther Buchdrücker, der aus seinen Büchern, die ich ihm zu drucken gab, ein groß Geld gewonnen hat, daß ein Pfennig zweene erworben. Es hat in der Erste mächtig viel getragen, also daß Hans Grünenberger, der Drucker, mit Gewissen sagte: Herr Doctor, es trägt allzu viel; ich mag nicht solche Exemplaria haben. Es war ein gottfürchtiger Mann, darum war er auch von Gott gesegnet.
     Ein billiger Gewinn ist, daß man von zwanzig Pfennigen einen habe, von hundert Gülden einen Gülden; aber der schändliche verfluchte Geiz schreitet gar über die Schnur und Maß; jetzt will man für einen Pfennig zweene haben, ein Pfennig muß ihr zweene, hundert Gülden müssen zwei hundert dazu gewinnen; darum ist auch kein Segen Gottes dabei. Wie unsern Buchführern geschieht, die alles auf den höchsten Gewinn treiben und aufs Theuerste geben; darum werden sie auch nicht reich, und wenn sie gleich reich werden, so druhets nicht, entweder sie oder ihre Kinder und Erben verarmen und werden drüber zu Bettlern, kriegen einen bösen Namen zu den Exemplaren.
    
Die Römer haben verboten zwölfe vom Hundert zu nehmen, jetzt aber dürfen sie alle Leipzigsche Märkte vom hundert fünfzehn Gülden nehmen, das thut jährlich achtundvierzig Gülden, ist eben der XXV. Pfui dich mal an! Wenn Sünde nicht mehr für Sünde gehalten wird, da ist weder Rath noch Hülfe; aber ich hoffe, Gott wird mit dem jüngsten Tage kommen, alsbald das Wort des Evangelii wird aufhören.«

Was über Reichtum sonst noch zu sagen ist

Leihen.

»Leihest du, so kriegst du es nicht wieder. Gibt man dirs wieder, so geschiehts doch nicht so balde und so wohl und gut. Geschiehts aber, so verleurest du ein guten Freund.«

Wie Bauern sind gestraft worden, die ihrem Pfarrherrn nicht wollten den Zehnten geben.

Man sagt von einem Fürsten, welches Bauern ihrem Pfarrherrn nicht hatten wollen den Zehnten geben, als sie nun deßhalben vor dem Fürsten verklagt waren, und die Bauern Ursach anzeigen sollten, warum sie dem Pfarrherrn nicht hätten seinen Zehnten gegeben, und sie geringe lose Ursachen anzeigeten, da sprach der Fürst: Es ist Recht, lieben Bauren, Ihr sollt dem Pfarrherrn den Decem nicht geben; ich will denselbigen ihm reichen, und Ihr sollt hinförder frei von ihm sein, aber mir sollt Ihr zwiefach so viel geben. Und sprach D. Luther darauf: »Also muß man die groben Gesellen Mores lehren!«

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