Kurzgeschichte: Leben unter einer Schnellstraße

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Nutzlosigkeit

Auf Schotter liege ich, auf Dreck und Staub. Solange ich nützlich war, solange ich etwas von mir geben konnte, trug man mich herum, jedes schütteln und rütteln hielt man von mir fern.

Nie wieder kann ich in meinem Leben ein Wort von mir geben, ich bin zum Schweigen verurteilt ohne das es jemals ein Gerichtsverfahren gegeben hätte. Nur ein einziges Mal in meinem Leben durfte ich etwas sagen, doch selbst über den Zeitpunkt konnte ich nicht selber bestimmen. Je nachdem, wie behutsam man mit meiner Art umgeht, kann unser einziges Wort, was wir in unserem Leben aussprechen, laut oder leise sein. Als meine Zeit gekommen war, habe ich nur leise gesprochen, aber das ist Vergangenheit.

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Um mich herum liegen Zigarettenstummel, große Steine sind meine Nachbarn. Den ganzen Tag höre ich nahezu immer dieselben Geräusche, ein dumpfes heran sausen, das leiser wird, welches von anderen dumpfem Heran sausen überlagert wird, eine Melodie, die man keinem auf Dauer zumuten möchte. Leer und ausgebrannt bin ich. Ameisen sind meine einzigen Gesprächspartner, doch die sind beschäftigt, würdigen mich keines Blickes. Zum Schweigen verurteilt. Dabei hätte ich eine Menge zu sagen. Beispielsweise würde ich gerne darüber berichten, wie unangenehm es ist, wenn man nur von kaltem Metall umringt ist, aber immerhin, solange ich zwischen all den Metallen verweilte, war ich nicht allein. Ab und wann tanzten wir miteinander und hey! es war lustig, wenn unsere Körper aufeinander prallten, wenn sie aneinander rieben, weil irgend jemand beim Verladen in die LKWs und später in die Regale nicht aufgepasst hatte. Vorbei, vorbei, vorbei. Eine Zumutung ist das hier ohnegleichen, für niemanden bin ich mehr nützlich, liege nutzlos in einer trostlosen Umgebung. Im Sommer verirrt sich ab und wann ein Schmetterling hierher und jedes Mal hoffe ich inständig, dass sie mich nicht als ein neues Zuhause betrachtet. Sobald der Schmetterling in mich hinein kriechen würde, wäre es verloren, es müsste sterben. Richtig Übel wäre es, wenn ein Igel seine Schnauze in mich hineinstecken würde, auch dieser wäre zum Sterben verurteilt. Was ist das bloß für ein Leben, in dem ich zur Gefahr für andere werde, indem ich nur ein einziges Mal nützlich sein konnte, indem ich nur ein einziges Mal etwas sagen durfte, ansonsten wertlos bin. Ohhhhh was würde ich dafür geben, dass ich noch einmal, bevor man mich an die Lippen setzt, das prickelnde Getränk aus mir heraus schlürft, wenn ich noch einmal „zisch“ sagen könnte.

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(Teil 1), Fortsetzung Autobiografie:Theodor Fontane: Meine Kinderjahre (Autobiografie)

… unbedeutend. In eben dieser Wohnung erlebte meine Mutter den Brand der Petrikirche, ein Ereignis, das einen großen Eindruck auf sie machte und bis in ihre letzten Lebensjahre hinein einen bevorzugten Gesprächsstoff für sie bildete. Sie entsann sich jedes Kleinsten, das dabei vorgekommen war. Ihre damals schon kränkelnde Mutter starb wenige Jahre später, und da die von vieler Not begleiteten Kriegszeiten nicht Zeiten waren, in denen Familienangehörige sich der Verwaisten annehmen konnten, so kamen die jüngeren Kinder in das französische Waisenhaus und nur meine Mutter in ein Pensionat, wozu die Zinsen ihres Vermögens vollkommen ausreichten. Sie wurde bald ein Liebling des Kreises, den sie vorfand, und hatte den vollsten Anspruch darauf, denn sie war jederzeit gütig und hilfsbereit. Erst in meinen alten Tagen ist mir der Sinn für ihre Superiorität aufgegangen. Als ich selber noch jung war, erschien mir vieles in ihrer Haltung, besonders meinem Vater gegenüber, zu hart und zu herbe, später indes habe ich einsehen gelernt, wie richtig alles war, was sie tat, vor allem auch, was sie nicht tat, und beklage jetzt jeden gegen sie gehegten Zweifel. Sie war dem ganzen Rest der Familie, der damaligen wie der jetzigen, weit überlegen, nicht an sogenannten Gaben, aber an Charakter, auf den doch immer alles ankommt. Ihre ganz südfranzösische Heftigkeit, die mitunter geradezu ängstliche Formen annahm, war vielleicht nicht immer zu billigen, aber doch schließlich nichts anderes als eine beneidenswerte Kraft, sich über Pflichtverletzung und unsinnige Lebensführung tief empören zu können, und ich muß es als ein großes Unglück ansehen, daß diese mir jetzt klar zutage liegenden Vorzüge von uns allen zwar immer gewürdigt, aber in ihrem vollen Wert und Recht nie ganz erkannt wurden. Ich werde in weiterem vieles zu berichten haben, das diese Worte bestätigt.
     Das schon erwähnte Pensionat, in das meine Mutter, achtzehn Jahre alt, eintrat, war das der Madame Lionnet, und unter den verschiedenen Freundinnen, die sie hier fand, stand Louise RogéeAnm 1 obenan, damals eine sehr beliebte, fast gefeierte Schauspielerin, aber wie’s scheint, in der Pension verblieben. Eines Tages hieß es, Louise Rogée habe sich verlobt, und zwar mit einem jungen Architekten, dem ältesten Sohne des Kabinettssekretäts Pierre Barthélemy Fontane. Die Nachricht bestätigte sich, und auf einem der gelegentlichen Besuche, die Louise Rogée, jedesmal von einer Pensionsfreundin begleitet, im Hause ihres künftigen Schwiegervaters machte, lernte meine Mutter den zweiten Sohn Pierre Barthélemys kennen – meinen Vater. Man fand rasch Gefallen aneinander, und da die Verhältnisse glücklich lagen, kam es sehr bald zur Verlobung, und das Haus meines Großvaters sah auf kurze Zeit zwei Brautpaare unter seinem DacheAnmF 1.
    
Der Verlobung meines Vaters folgte das Staatsexamen, damals nicht viel mehr als eine Form, und an das glücklich bestandene Examen schloß sich, beinah unmittelbar, der Ankauf der Neu-Ruppiner Apotheke. Am 24. März, dem Geburtstage meines Vaters, war Hochzeit, und drei Tage später traf das junge Paar in seiner neuen Heimat ein.

Zweites Kapitel

Gascogne und Cevennen
Französische Vettern
Unsere Ruppiner Tage

In ihrer Ruppiner Apotheke verlebten meine Eltern die ersten sieben Jahre ihrer Ehe, vorwiegend glückliche Jahre, trotzdem sich schon damals das zeigte, was dieses Glück früher oder später gefährden mußte. Von diesen sieben Jahren werde ich hier zu berichten haben; aber ehe ich zur Darstellung des wenigen übergehe, was ich aus jener Zeit noch weiß, möchte ich, wozu mir das vorige Kapitel nicht Gelegenheit bot, hier noch einiges über den französischen Ursprung meiner Eltern, über ihre Heimat und Abstammung sagen dürfen.
     Nicht weit von der Rhonemündung, auf dem etwa zwischen Toulouse und Montpellier gelegenen Gebiet, stoßen von Westen her die Vorlande der Gascogne, von Norden und Osten her die Ausläufer der Cevennen zusammen, und auf diesem verhältnismäßig kleinen Stück Erde, wahrscheinlich im jetzigen Departement Hérault oder doch an seiner Peripherie, waren meine Vorfahren, väterlicher- wie mütterlicherseits, zu Hause. Nächste … Fortsetzung folgt


Anmerkungen:

AnmF 1: Anmerkung von Theodor Fontane: Nur auf kurze Zeit, denn noch im selben Jahre ging die Verlobung Louise Rogées zurück, weil diese mittlerweile Karl von Holtei kennengelernt hatte, dessen Gattin sie wurde. Mit ihrem ersten Verlobten, der sich neben der eminenten Holteischen Liebenswürdigkeit nicht zu behaupten wußte, würde sie wahrscheinlich glücklichere oder doch minder unglücklichere verlebt haben, aber es war damals nicht vorauszusehen und würde, wenn doch, mutmaßlich unbeachtet geblieben sein.
Anm 1: Anmerkung der Herausgeberin: Louise Rogée: Louise von Holtei, geborene Louise Rogée (1800 – 1825): Sie gab ihr Debüt als Schauspielerin kurz vor der Geburt von Theodor Fontane (1819). Später heiratete sie den Schriftsteller Karl von Holtei.