Unwort des Jahres 2018: Anti-Abschiebe-Industrie

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Was sagt es über den Zustand in der BRD aus?

Die Jury von „Unwort des Jahres“ hat sich für den Ausdruck „Anti-Abschiebe-Industrie“ entschieden, welches sie am 15.01.2019 bekannt gaben. Diesen Ausdruck nahm Alexander Dobrindt gegenüber der Bild am Sonntag in den Mund („Es ist nicht akzeptabel, dass durch eine aggressive Anti-Abschiebe-Industrie bewusst die Bemühungen des Rechtsstaates sabotiert und eine weitere Gefährdung der Öffentlichkeit provoziert wird.“, 06.05.2018), als die CSU noch darauf hoffte, mit Begriffen dieser Art Wähler*innen für die Bayernwahl im bevorstehenden Herbst für sich zu gewinnen. Zur selben Zeit wurden die sogenannten „Ankerzentren“ in den Parteien wie in den Medien und in der Bevölkerung diskutiert. Außerdem wurde eine Unzufriedenheit in der Bevölkerung von über 80% mit der Asylpolitik bis Ende April 2018 ermittelt.
     Den Ausdruck „Anti-Abschiebe-Industrie“ nahm Alexander Dobrindt nicht im luftleeren Raum in den Mund sondern er konnte mit einer großen Zustimmung aus der Bevölkerung rechnen.

Es gibt gute Gründe, den Ausdruck „Anti-Abschiebe-Industrie“ als „Unwort des Jahres 2018“ anzuführen, denn wie die Jury in ihrer Pressemitteilung anmerkte:

Der Ausdruck unterstellt denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen. Der Ausdruck Industrie suggeriert zudem, es würden dadurch überhaupt erst Asylberechtigte „produziert“. Wir stimmen einem/einer der Einsendenden zu, dass es sich hierbei um ein Unwort handelt, weil „mit diesem Begriff das geltende Gesetz verhöhnt wird, welches Grundlage unserer Wertegemeinschaft ist“. Als das Unwort 2018 gilt es uns, weil die Tatsache, dass ein solcher Ausdruck von einem wichtigen Politiker einer Regierungspartei prominent im Diskurs platziert wird, zeigt, wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie in bedenklicher Weise verändern. Der Ausdruck Anti-Abschiebe-Industrie wurde 10x eingesandt.“

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Zugleich sagt es eine Menge aus, dass der Ausdruck „Anti-Abschiebe-Industrie“ nur insgesamt zehnmal eingesandt wurde. Man muss davon ausgehen, dass eine große Mehrheit weder den Ausdruck erschreckend finden noch weniger skandalös. Und das macht einen wirklich fassungslos. Natürlich tragen Politiker*innen für ihre gesprochenen Worte Verantwortung, doch in der Beurteilung sollte man die allgemeine Stimmung miteinbeziehen und vielleicht wird durch die Entscheidung von „Unwort des Jahres“ eine verantwortungsbewusste Diskussion über Asylpolitik wieder möglich.

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Mindestens genauso erschreckend ist aber, dass solche Ausdrücke nicht nur von konservativen Parteien in den Mund genommen werden, sondern auch von den links-liberalen, wie das Folgende zeigt:

Menschenrechtsfundamentalismus“: Dieser zynische Ausdruck wurde von Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und Grünen-Politiker, anlässlich einer Debatte um die Seenotrettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer verwendet, um damit die politische Haltung von ihm sogenannter „moralisierender Kreuzzügler“ in der Flüchtlingspolitik zu kritisieren. Der Ausdruck zeigt in erschreckender Weise (ähnlich wie eine dazu in den Medien geführte Pro- und Contra-Debatte), dass es in Deutschland diskutabel geworden zu sein scheint, ob ertrinkende Menschen gerettet werden sollen oder nicht. Menschenrechte sind fundamentale Rechte – sie zu verteidigen, ist mehr als eine bloße Gesinnung, die als „Fundamentalismus“ diskreditiert werden könnte. Wir kritisieren den Ausdruck, weil er in besonderem Maße zeigt, dass wir – wie der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse schon 2016 auf dem Katholikentag in Leipzig mahnte – „Humanität neu zu lernen“ haben und „elementare Regeln des politisch-menschlichen Anstands, des Respekts vor der persönlichen Ehre und der Menschenwürde […] für nicht wenige im Lande nicht mehr zu gelten [scheinen]“ (siehe (): Wolfgang Thierse).
     Der Ausdruck Menschenrechtsfundamentalismus wurde 2x eingesandt.“

Apropos Ankerzentren, dass immerhin 13x als mögliches „Unwort des Jahres“ eingereicht wurde:

„„Ankerzentrum“: Der Ausdruck Ankerzentrum findet sich im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD und bezeichnet besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge, die dort eine „Bleibeverpflichtung“ haben, bis sie auf die Kommunen verteilt oder abgeschoben werden oder freiwillig in ihre Heimat zurückkehren. Im Koalitionsvertrag wird durch die Schreibweise noch verdeutlicht, dass der erste Bestandteil des Ausdrucks eigentlich eine Abkürzung ist: AnKER steht dort für „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung“. Durch die inzwischen fast durchgängige Klein- und Zusammenschreibung (= Ankerzentrum) wird der Ausdruck zu einem aus unserer Sicht unangemessenen Euphemismus, der die komplizierten Prüfverfahren in diesen Zentren und zudem die strikte Aufenthaltspflicht für Flüchtlinge verschleiert, indem die positiven Assoziationen des Ausdrucks Anker (u.a. Festmachen in einem Hafen, Sicherheit, zudem christliches Symbol der Hoffnung) gezielt ausgenutzt werden.“

Statistik, Kuchen, bunt, read MaryRead, Literaturmagazin online,Die Jury der institutionell unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier SprachwissenschaftlerInnen Prof. Dr. Nina Janich/Sprecherin (TU Darmstadt), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und freien Journalisten Stephan Hebel.
     Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Autor und Kabarettist Jess Jochimsen beteiligt.

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Bordbuch

Außerdem: (): Bevorstehende Fotoausstellung „15 Jahre Unwort-Bilder“ in der Schader-Stiftung in Darmstadt ab dem 16.03.2019

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(Teil 1, vorheriger Teil), Fortsetzung Autobiografie:Theodor Fontane: Meine Kinderjahre

… hing ein großes, ganz vor kurzem erst von der Hand Professor Wachs‘ gemaltes Ölbild des Großvaters. Es war sehr gut und lebensvoll, aber ich hätte den ausdrucksvollen Kopf und vielleicht die ganze Besuchsszene vergessen, wenn nicht die schwarz und schwefelgelb gestreifte Weste gewesen wäre, die Pierre Barthélemy, wie ich später erfuhr, gewohnheitsmäßig trug und die auch, dementsprechend, einen wesentlichen Teil des ihm zu Häupten hängenden Bildes ausmachte. Wir nahmen selbstverständlich an dem Frühstück teil, und die Großeltern, fein geschulte Leute, ließen nicht allzuviel davon merken, daß ihnen der ganze Besuch mit seinen voraussichtlich geschäftlichen Auseinandersetzungen eigentlich eine Störung war. Aber freilich, von Zärtlichkeit gegen mich war den ganzen Tag über keine Rede, so daß ich herzlich froh war, als es am Abend wieder nach Hause ging. Erst viel später ist mir klargeworden, daß die Nüchternheit, der ich begegnete, nicht mir armem Kinde, sondern, wie schon angedeutet, meinem Vater galt. Ich mußte nur mit leiden. Der äußersten Solidität des Großvaters war der sichere, lebemännische Ton seines Sohnes, der sich durch seinen glücklichen Verkaufscoup mit einem Male selbständig und als Mann von Vermögen fühlte, derart unbequem und bedrücklich, daß meine blonden Locken, auf deren Eindruck meine Mutter so sicher gerechnet hatte, ganz und gar versagten.
     Ich bemerkte schon, daß solche Ausflüge nach Berlin damals öfters stattfanden, aber noch häufiger waren Reisen in die Provinz, weil es meinem Vater oblag, sich nach einem neuen Apothekenbesitz umzutun. Wär‘ es nach ihm gegangen, so hätte er diesen Zustand der Dinge wohl nie geändert und das Interim in Permanenz erklärt; denn er hatte, während ihm die Spielpassion eigentlich nur durch den Wunsch, die Zeit hinzubringen, aufgedrungen war, eine ganz aufrichtige Passion für Pferd und Wagen, und sein Lebelang in der Welt umherzukutschieren, immer auf der Suche nach einer Apotheke, ohne diese je finden zu können, wäre wohl eigentlich sein Ideal gewesen. Er sah aber ein, daß das unmöglich sei – wenige Reisejahre würden sein Vermögen aufgezehrt haben – und so war er denn nur beflissen, sich, weil’s ihm so paßte, vor Ankaufsübereilungen zu bewahren. Je kritischer er verfuhr, je länger konnte er seine Fahrten fortsetzen und seinem geliebten Schimmel, einem übrigens reizenden Tiere, jeden Abend ein neues Quartier bereiten. Ich sage seinem Schimmel, denn ein gutes Quartier für diesen lag ihm mehr am Herzen als sein eignes. Dreiviertel Jahre, bis Weihnachten 26, ist er denn auch vielfach, um nicht zu sagen meistens, unterwegs gewesen, und zwar auf einem ziemlich umfangreichen Gebiete, das außer der Provinz Brandenburg auch noch Sachsen, Thüringen und zuletzt Pommern umschloß. Diese Reisezeit war später ein bevorzugter Unterhaltungsstoff beider Eltern, auch meiner Mutter, die sich sonst ziemlich ablehnend gegen die Lieblingsthemata meines Vaters verhielt. Daß sie hier einen Ausnahmefall eintreten ließ, hatte zum Teil seinen Grund darin, daß mein Vater in dieser seiner Reisezeit viele an seine junge Frau gerichtete »Liebesbriefe« geschrieben hatte, die nun als solche zu persiflieren zeitlebens ein Hauptvergnügen meiner Mutter war. »Ihr müßt nämlich wissen, Kinder«, so hieß es dann wohl, »ich habe noch eures Vaters Liebesbriefe; so was Hübsches hebt man sich eben auf, und einen kann ich sogar auswendig, wenigstens den Anfang. Dieser eine kam aus Eisleben, und darin schrieb er mir: ›Ich bin hier heute nachmittag angekommen und habe ein recht gutes Quartier gefunden. Auch für den Schimmel, der sich vorn etwas gedrückt hat. Aber davon will ich dir heute nicht schreiben, sondern nur davon, daß dies der Ort ist, wo Martin Luther am 10. November 1483 geboren wurde, neun Jahre vor der Entdeckung von Amerika‹… Da habt ihr euren Vater als Liebhaber. Ihr seht, er hätte einen Briefsteller herausgeben können.«
    
Dies alles war seitens meiner Mutter nicht bloß ziemlich ernsthaft, sondern leider auch bitter gemeint; sie litt darunter, daß mein Vater, so sehr er sie liebte, von Zärtlichkeitsallüren auch nie eine Spur gehabt hatte.
    
Das Reisen dauerte dreiviertel Jahr und ging zuletzt in östlicher Richtung auf die Odermündung zu. Kurz vor Weihnachten fuhr er mit der Fahrpost, weil ihm sein Schimmel zu schade für die Winterstrapazen sein mochte, nach Swinemünde, das er bei 26 Grad … Fortsetzung folgt