Eröffnung des Reformationsjahres 2016

Martin Luther, Bundesregierung, CDU, Siegen, Geisweid, Talkirche, Mototrrad, mittendrin, Gemeindehaus

Vor einem Jahr hielt die Bundeskulturministerin Prof. Monika Grütters (CDU) folgende Rede (kompletter Wortlaut) zur Eröffnung des Reformationsjahres:

Rede von Staatsministerin Grütters zur Eröffnung des Reformationsjubiläums

Datum: 31. Oktober 2016
Ort: Berlin

Am Reformationstag wurde das Reformationsjubiläum mit einem Gottesdienst und einem staatlichen Festakt in Berlin feierlich eröffnet. Es solle Anlass für möglichst viele Menschen gleich welchen Glaubens sein, die reformatorischen Herausforderungen unserer Zeit öffentlich zu reflektieren, erklärte Staatsministerin Grütters in ihrer Rede.
     Wer wäre Martin Luther heute, als Bürger Deutschlands im 21. Jahrhundert? Welche Glaubensfragen würden sein Gewissen herausfordern? Wogegen würde er wortgewaltig zu Felde ziehen? Wäre er ein gefürchteter Debattenredner, ein gefeierter Autor, ein gern gesehener Gast in Talkshows? Wie viele Follower hätte er mit seinen deftigen Formulierungen bei Twitter? Würde er für seine sprachschöpferischen und stilistischen Leistungen für den Literaturnobelpreis gehandelt? Vor allem aber: Was hätte er uns heute zu sagen?
    
Fest steht: Martin Luther irritiert, provoziert und fordert uns heraus – bis heute. Man kann ihn bewundern als Wegbereiter einer einheitlichen und einigenden deutschen Schriftsprache, als – wenn auch unfreiwilligen – Geburtshelfer des mündigen Bürgers und der pluralistischen Gesellschaft. Man kann ihn verabscheuen wegen seiner Tiraden gegen Andersdenkende und Andersglaubende und wegen seiner abstoßenden antijüdischen Äußerungen. Ignorieren jedoch kann man ihn nicht. Man kommt nicht an ihm vorbei, wenn man die Entwicklung unserer bürgerlichen Ideale und demokratischen Werte verstehen will. Mit seinem streitbaren Vermächtnis widersetzt er sich der Musealisierung ebenso wie der politischen Vereinnahmung. Er nötigt uns, Licht und Schatten der Reformationsgeschichte zu erkunden und dem reformatorischen Geist der Veränderung durch die Jahrhunderte bis heute nachzuspüren.
     Dieser Herausforderung haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Landeskirchen sich gemeinsam mit Bund, Ländern, Kommunen und Zivilgesellschaft im Rahmen der Lutherdekade zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum gestellt – ein Jubiläum, das man angesichts der enormen geistigen und politischen Prägekraft der Reformation weit über die Grenzen Deutschlands hinaus getrost als „Kulturereignis von Weltrang“ begreifen darf und dessen Vorbereitung Kirche, Staat und zivilgesellschaftliche Organisationen deshalb gemeinsam in die Hand genommen haben. Als Verantwortliche innerhalb der Bundesregierung und stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums danke ich allen Mitwirkenden für ihr beeindruckendes Engagement.
    
Wir waren – um es aus Sicht einer Katholikin in den Worten Martin Luthers zu sagen – gewiss nicht immer „ein Herz und eine Seele“ in der Bewertung des Lutherschen Vermächtnisses. Umso mehr freut es mich, dass es uns gelungen ist, die Reformation im Geiste der Ökumene und der Aufklärung als Teil eines gewaltigen europäischen Umwälzungs- und Lernprozesses zu würdigen und verschiedenen Perspektiven Raum zu geben. Das Ergebnis der Lutherdekade jedenfalls kann sich sehen lassen:
    
Mehr als 1.000 Veranstaltungen deutschlandweit bieten Gelegenheit, sich mit der Reformation und ihren religiösen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen auf unser Land, auf Europa und die Welt auseinander zu setzen – nicht zuletzt an den historischen Stätten der Reformation, die vielfach frisch saniert in neuem Glanz erstrahlen.
    Als gesellschaftliches Großereignis kann und soll das Reformationsjubiläum für möglichst viele Menschen gleich welchen Glaubens Anlass sein, die reformatorischen Herausforderungen unserer Zeit öffentlich zu reflektieren:
    
·        beispielsweise die Verteidigung der hohen moralischen Standards, der grundlegenden Werte eines geeinten Europas – nicht zuletzt im Angesicht des Leids so vieler Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen;
    
·        oder auch die Notwendigkeit, zu einer gemeinsamen Sprache zurück zu finden, wo unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen nicht imstande sind, sich zu verständigen und das Bedürfnis nach kultureller Selbstvergewisserung in Fremdenhass und Ressentiments zum Ausdruck kommt.
    
Was hätte Martin Luther uns heute zu sagen – und was hätten wir ihm heute kritisch zu entgegnen? Seien Sie alle herzlich eingeladen, liebe Festgäste – und ich schließe hier ausdrücklich auch all jene mit ein, die als Fernsehzuschauer dabei sind -, seien Sie alle herzlich eingeladen, die Ausstellungen und Veranstaltungen zum Jubiläum zu besuchen und darüber nachzudenken, zu diskutieren und zu streiten! Das ist lebendige Erinnerungskultur. Ich jedenfalls wünsche uns allen, dass das Reformationsjubiläum zum Volksfest der Verständigung über unsere Wurzeln und Werte wird und dass wir dabei auch etwas lernen über die revolutionäre Kraft des Glaubens und ihre Bedeutung für eine Demokratie – für unsere Demokratie.
     „Ein Christ, der kein Revolutionär ist, ist kein Christ“: Mit diesen Worten wirbt Papst Franziskus für einen Glauben, der sich einmischt. „Ein Christ, der kein Revolutionär ist, ist kein Christ“. Martin Luther, wäre er heute Bürger Deutschlands, würde ihm gewiss zustimmen.

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