Logbuch: Schubladendenken

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Heiteres Ordnungsprinzip

Vor einiger Zeit bekam ich ein Bild geschenkt, auf dem eine große Wand mit etlichen verschlossenen Schubladen zu sehen ist. Ein Kind steht davor und ist dabei, eines der Schubladen zu öffnen.

Schubladen sind die kleinste Einheit von einem Ordnungsprinzip in einem geschlossenen Raum. Je nachdem um welchen Raum es sich handelt, können darin Schreibutensilien, Besteck, Kleidung, oder, oder, oder verstaut sein. Im Alltag sind Schubladen unsere kleinen Helfer um Ordnung aufrecht zu erhalten.

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Bedauerlich ist, dass Menschen in die kleinste Ordnungseinheit gesteckt werden, man steckt sie nicht in einen Schrank, noch in einen Raum, geschweige denn, dass man sie nach draußen entlässt, wo sie sich frei bewegen könnten.
     Zuerst steckte man die Menschen in die Schublade „Armut“ und „Reichtum“, als es darin zu eng wurde, teilte man sie auf in Ober-, Mittel- und Unterschicht, später teilte man diese Schichten jeweils nochmals in drei Bereiche auf. Demnach gibt es neun Schubladen, in der über sieben Milliarden Menschen festsitzen, fein säuberlich voneinander getrennt. Wer in welcher Schublade feststeckt, bestimmt materielles Haben oder dessen Abwesenheit. Würde allein der Maßstab des materiellen Habens über die Zugehörigkeit der Schublade bestimmen, wäre es traurig aber nicht dramatisch. Mit der Zugehörigkeit der Schublade geht die Einschätzung des Bildungsgrads, Jobchancen, das Auftreten in der Öffentlichkeit einher. Dem nicht genug, gibt die Zugehörigkeit auch darüber Auskunft, welche Partei man wählt. Da man sich jedoch vor Pauschalisierungen schützen möchte, gibt man den Aussagen kleine Wörter bei wie „tendenziell“, „wahrscheinlich“ und „bevorzugt“. Diese Wörter dienen aber nur dazu, um die Sprecher*innen und Autor*innen zu schützen, nämlich vor dem Vorwurf der Pauschalisierung. Das ist Augenwischerei, weil die Zusatzwörter schnell vergessen sind, im Gedächtnis bleiben einfache Aussagen hängen.
    
Wer schon mal gutgeschriebene Biografien gelesen hat, weiß, dass die Schubladen, um einen oder mehrere Menschen zu verstehen, mehr hinderlich sind als das sie einem zur Einordnung nützen. Ein reicher Mensch kann ungebildet sein, ein armer Mensch kann über eine hohe Bildung verfügen. Genauso sieht es bei der Wahl der Parteien aus. Jede Partei wird von Menschen aus allen neun Schubladen gewählt. All diese Erkenntnisse ignoriert man aber, stattdessen werden die vermeintlichen Schubladenkoordinaten munter genutzt und trägt so zu den Spaltungen in der Gesellschaft bei. Dass die Spaltungen von Parteien genutzt werden, um Stimmen zu bekommen, ist nichts Neues und doch fragt man sich, woher kommen die Parteien, die nur die eigene Nation im Blick haben, die sehr engstirnig von ihnen definiert werden, die Gemeinsamkeiten wie die EU mutwillig zerstören wollen; und warum bekommen diese Parteien solch einen hohen Zuspruch?

Der Geist ist längst aus der Flasche entwichen, weltweit treibt er sein Unwesen. Um ihm zu begegnen ohne von ihm erfasst zu werden, könnte man ihn verwirren, indem man alle Schubladen öffnet. Deshalb sollte der Wahlspruch dieser Tage lauten:

„Menschen aller Länder, öffnet die Schubladen!“

© read MaryRead 2019

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