Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2018: Am Vorabend der Preisverleihung

Klagenfurt, ,

42. Tage der deutschsprachigen Literatur: Leserinnen ‖ ORF/ORF-K/ © Puch Johannes

Donnerstag (05.07.2018)

siehe: Erster Tag

Folgende Autoren lasen am Freitag, 06.07.2018
– Corinna T. Sievers, Deutschland
– Ally Klein, Deutschland
– Tanja Maljartschuk, Ukraine
– Bov Bjerg, Deutschland
– Anselm Neft, Deutschland
Folgende Autoren lasen am Samstag, 07.07.2018
– Jakob Nolte, Deutschland
– Stephan Groetzner, Deutschland
– Özlem Özgül Dündar, Türkei
– Lennardt Loß, Deutschland

Ein Wagnis: Blick in die Glaskugel

Der Literaturwettkampf für die 14 Autor*innen in Klagenfurt ist vorbei, so wie bei einer Prüfung haben sie nun keinen Einfluss mehr darauf, ob ihr Können ausreicht, um eines der begehrten Preise zu bekommen.

Zum alljährlichen Ritual rund um den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gehört auch, dass irgendeine Zeitung, irgendein Magazin sich kritisch bis sehr kritisch zum Wettbewerb im allgemeinen und dem Verhalten der Autor*innen (meist in die Richtung der Unterwerfung) insbesondere geäußert wird, in diesem Jahr wurde ein Artikel im „Standart“ dazu veröffentlicht. Kritik ist immer dann sinnvoll, wenn sie Substanz hat, wenn sie möglichst frei ist von persönlichen Animositäten. Natürlich gilt dieser Grundsatz auch bei den Juroren, denen sollte es ein noch ein größeres Anliegen sein als Journalisten oder ähnliches.

Es ist Ansichtssache ob man bereit ist, sein Können in der Öffentlichkeit, Mitstreiter*innen und Juroren zu stellen, 14 Autor*innen haben es heuer wieder getan. Themen waren: der Umgang mit neuen Medien, deutsche jüngere Geschichte, die Auflösung des Ich´s, Sterben und Tod, Sexualität im allgemeinen und dem Missbrauch insbesondere.
     Einige Jahre herrschte in der Buchbranche das Gefühl vor, dass sämtliche Themen und deren literarische Umsetzung durchgelutscht seien, allmählich dreht sich jedoch der Wind. Seit dem der Roman „Lincoln im Bardo“ von dem amerikanischen Schriftsteller Georges Saunders auf dem Markt ist, weicht das Gefühl von „kenne ich schon“. Bei den diesjährigen 42. Tagen der deutschsprachigen Literatur konnte man sich bestätigt sehen, es waren neben den Themen auch die Machart in Sprache und Form, die vielversprechend sind. Montagetechnik, lyrische Prosa, dramaturgische Elemente und noch einiges mehr wurde mit neuen Variationen in Klagenfurt gelesen. Bibliophilen konnte hierbei das Herz aufgehen, endlich werden Themen literarisch bearbeitet, die nicht allesamt unbedingt ganz neu sind, doch aufgrund ihrer teilweise einzigartigen Bearbeitung kann man eine andere Sicht auf das jeweilige Thema bekommen.
    
Am Vorabend der Verleihung möchte man gerne in die Glaskugel schauen, um zu wissen, wer morgen welchen Preis erhalten wird. Hinweise, wer Anwärter*in sein könnte, gab es im Verlauf des Wettbewerbs. Die Jury muss morgen von den 14 Autor*innen davon sieben Schriftsteller*innen nominieren, davon werden vier einen Preis mithilfe der Jury bekommen, die fünfte Preisvergabe ist von der Jury unabhängig, da diese das Publikum bestimmt.
    
Jede Glaskugel ist automatisch eine Spekulation, die auf Beobachtungen und Gefühl beruhen kann. Trotz dem Spekulativen, kann folgende Prognose für morgen gegeben werden:
    
Vermutlich wird Tanja Maljartschuk, die von Stefan Gmünder eingeladen worden war und gestern mit ihrer Prosa „Frösche im Meer“ zu den Nominierten gehören. Nicht nur weil sie das Thema der Migration aufgriff, sondern auch durch ihre Art des Vorlesens die Jury weitestgehend überzeugte. Die erste Reaktion von Nora Gomringer war „Endlich Literatur!“, Insa Wilke sprach davon, dass es eine einfache Geschichte, aber eine komplizierte sei, Klaus Kastberger ist sehr zuversichtlich, dass die Verlage sich darum reißen werden, Hildegard Elisabeth Keller fand es als eine „interessante Gemengelage“, Stefan Gmünder bezeichnete es als eine „hintergründige Parabel“, „große Literatur“, Hubert Winkels fand, dass es eine gute Geschichte sei, die aufgeht und stimmig ist, doch geistig umgarnen muss man sie nicht und Michael Wiederstein trat in den selbigen Chor ein und sagte, dass es endlich eine richtige Geschichte sei.

Hingegen wird Anna Stern, die von Hildegard E. Keller eingeladen wurde und sie las am am ersten Tag, voraussichtlich nicht zu den Nominierten gehören, ihr Text „Warten auf Ava“ fiel bei den meisten Juroren durch, obgleich man meiner Ansicht nach ihr Unrecht tut, denn sie arbeitete mit Mitteln des „absurden Theaters“, die sie jedoch nicht absurd stehen ließ, sondern der Situation einer Patientin, die in Koma liegt, anpasste und somit das Absurde auf eine andere Ebene transportierte.

Stephan Lohse wird sicherlich zum Kreis der Nominierten gehören, eingeladen wurde er von Hubert Winkels und las am vergangenen Donnerstag. Er las aus „Lumumbaland“, darin handelt es sich um einen jungen weißen Europäer, der afrikanischer Freiheitskämpfer sein möchte.
     Insa Wilke fand den Text sehr gut, Stefan Gmünder schloss sich dem Eindruck von Insa Wilke an, Nora Gomringer fand, dass die Dialoge gut gelungen sind, Hildegard E. Keller fand den Romananfang gelungen, Hubert Winkels gefiel besonders das Lässige trotz des Themas, Klaus Kastberger war in Teilen einverstanden, doch die historischen Einlagen sind langweilig, der Text ist zu sehr erklärend, Michael Wiederstein fand zwar die Konstruktion allgemein interessant, doch die Figuren eher schwach („holzschnittartig“).

Stephan Groetzner würde unter einer anderen Konstellation seiner Mitstreiter eventuell zu den Nominierten mit seinem Text „DESTINATION:AUSTRIA“ zählen können, eingeladen wurde er von Stefan Gmünder und las am heutigen Tag, doch in diesem Jahr wird es wohl dafür nicht reichen. Auch wenn die allgemeine Gesellschaftskritik, in der eine Kritik am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingebettet ist, durchaus angenommen wurde, da sie auch mit einem gewissen Witz vorgetragen wurde, doch aufgrund seiner eher starken Mitstreiter reicht das nicht.

Klagenfurt, ,

42. Tage der deutschsprachigen Literatur: Corinna T. Sievers‖ ORF/ORF-K/ © Puch Johannes

Die Zahnärztin Corinna T. Sievers, eingeladen von Nora Gomringer und las gestern, wird vermutlich zu den Nominierten gehören, ihre Prosa über „Der nächste, bitte!“ hat zwar nicht alle Juroren überzeugt, doch die Herangehensweise aus der Sicht einer Zahnärztin an die männlichen Patienten und ihre zügellose sexuelle Handlungen fand in der Jury insofern Zustimmung, da männliche sexuelle Vorstellungen auf eine Frau übertragen wurde.
     Hingegen wird Raphaela Edelbauer voraussichtlich wohl leer ausgehen (außer dem möglichen Publikumspreis), da ihr Text über „Das Loch“ langweilig, zu glatt und wenig ansprechend gestaltet ist. Ähnlich sieht es auch bei Martina Clavadetscher aus, die aus „SCHNITTMUSTER“ las. Einige Juroren fanden die Erzählung der 92jährigen Frau zu überfrachtet. Anselm Neft stellte zwar eine Steigerung gegenüber den beiden letztgenannten dar, doch auch er konnte mit „Mach´s wie Miltos“ nicht die Jury überzeugen. Jakob Nolte eröffnete den heutigen Wettbewerbstag, las aus „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“. Man ist beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb schon gewohnt, dass der Zufall dem Geschehen in die Hände spielt und heute war es wieder mal so. Während Jakob Nolte las, brach eine junge Zuschauerin zusammen, die Lesung musste unterbrochen werden. Der Autor zeigte sich nervenstark, bemerkte den Zusammenbruch und fragte in das Publikum, ob ein Arzt anwesend sei. Später erfuhr man, dass es der Frau wieder besser geht. Allein wegen dieser ungewollten Unterbrechung müsste er eigentlich zu den Nominierten gewählt werden, doch beim Wettbewerb geht es nicht um das menschliche handeln, sondern die Literatur steht im Vordergrund und da auch er die Jury nicht so richtig überzeugen konnte, wird er wahrscheinlich nicht nominiert werden.

Klagenfurt, ,

42. Tage der deutschsprachigen Literatur: Jakob Nolte ‖ ORF/ORF-K/ © Puch Johannes

Obgleich die Themenwahl von Lennard Loß bei der Vergabe des Deutschen Buchpreises gute Chancen hätte, es wird in „Der Himmel über A9“ eine Verflechtung von Drittem Reich und der RAF dargelegt, so konnte er mit der jüngeren deutschen Geschichten die Juroren nur mäßig überzeugen, auch er wird wohl nicht zu den Nominierten gehören.

MEHR ZUM THEMA:
> Bachmann-Wettbewerb 2018: Erster Tag
> Speaking-Corner: Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2018

Und nun eine gewagte Prognose: Joshua Groß und Ally Klein werden nicht nur nominiert werden, sondern sie werden auch eines der Preise verliehen bekommen. Ally Klein debütierte mit ihrem Romanausschnitt „Carter“, dass voraussichtlich im August im Buchhandel erhältlich ist, trug es überzeugend vor, auch wenn Klaus Kastberger nicht so glücklich mit ihrer Lesart war, so waren doch die Juroren angenehm überrascht, trotz der anschließenden Kritik. Möglicherweise wird ihr Debütantendasein den Ausschlag geben. Joshua Groß hat in erster Linie mit seinem Sound in „Flexen in Miami“ den Großteil der Juroren überzeugt.
     Auch wenn es bei Ally Klein um eine tatsächlich gewagte Prognose handelt, so wird es bei den folgenden Autoren für die Jury schwierig, eine Entscheidung zu treffen. Özlem Özgül Dündar und Bov Bjerg konnten die Jury nicht nur überzeugen, sondern auch begeistern. Bov Bjerg las aus „SERPENTINEN“, beschreibt darin eine Vater-Sohn-Geschichte, angereichert mit Rückblicken, die Aufschluss über die Vaterfigur geben. Özlem Özgül Dündar griff in ihrem Romanauszug „und ich brenne“ ein Thema auf, dass uns seit längerem unter den Nägeln brennt. Es geht um Mütter, eine davon hat ihre Tochter verloren, die einen Säugling aus dem brennenden Haus rettete, die andere sucht nach einem Ausweg, da ihr Sohn höchstwahrscheinlich der Täter ist.
    
Obgleich die Juroren darum ringen werden, wer von den beiden morgen den Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen bekommen soll, ihnen die Entscheidung sehr schwer fallen wird, so denke ich, wird das Thema ausschlaggebend sein und Özlem Özgül Dündar wird den Hauptpreis erhalten.

Nach dem dreitägigen Wettbewerb freue ich mich auf die Neuerscheinungen im Herbst, ich fühle mich inspiriert, wie schon lange nicht mehr, denn auch das kann der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb sein: eine Inspirationsquelle, eine Quelle der Freude über neue Literatur.

Die Preisverleihung wird am Sonntag, 08.07.2018 ab 11 Uhr live auf 3sat übertragen.

© read MaryRead 2018

► Bordbuch

Folgende Texte stehen als pdf-Datei zum herunterladen vom ORF bereit:
– Corinna T. Sievers (): Der nächste, bitte!
– Ally Klein (): Carter
– Tanja Maljartschuk (): Frösche im Meer
– Bov Bjerg (): SERPENTINEN
– Anselm Neft (): Mach´s wie Miltos
– Jakob Nolte (): Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war
– Stephan Groetzner (): DESTINATION:AUSTRIA
– Özlem Özgül Dündar (): und ich brenne
– Lennardt Loß (): Der Himmel über A9

Home > Bordbuch > Hafenberichte > Speaking-Corner > Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2018: Am Vorabend der Preisverleihung


Weiteres

Gedicht, Sonnenuntergang, Siegen, Geisweid, Hüttental, Fotografie, Sonne lugt hinter Wolke, Literaturmagazin online, read MaryRead, grau-silber,Gedicht:
Schmidt, Emmy:
Die Universelle Wahrheit

Wir gucken uns den Himmel an, / und fragen uns: was ist falsch daran? / Doch dann wird uns klar; / das Ende ist nah. / Das ist der Lebenslauf, / wir nehmen ihn bei all unseren Entscheidungen in Kauf. / Ganz mehr >
04.07.2018

orange,

Auszeichnung:
Vorlesewettbewerb 2018
:
Siegerin steht fest
Beste Vorleserin Deutschlands 2018
16 Landessiegerinnen undsieger lasen heute beim rbb in Berlin / Rund 570.000 Teilnehmern aus 7.000 Schulen beim Vorlesewettbewerb mehr >
21.06.2018

Aleida Assmann, Jan Assmann, Ehepaar, Wissenschaftler, Ägyptologe, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft,

Auszeichnung:
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 – Autor*innen stehen nun fest

Aleida und Jan Assmann erhalten den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018
mehr >
Börsenverein des Deutschen Buchhandels / 12.06.2018


Treffpunkt Literatur

 

 

 

Immer gut informiert sein. Melden Sie sich bei unserem kostenlosen Service read MaryRead – Treffpunkt Literatur an.


Service: