Das literarische Quartett, April 2019

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Diese Bücher wurden besprochen:

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Diskussionsbedarf

Derzeit hätte das literarische Quartett das Potenzial, Akzente zu setzen. Seit Thea Dorn mit an Bord ist, gibt es Diskussionen, zuweilen kann man sogar von leidenschaftlichen Debatten sprechen, die nicht nur die verschiedenen Sichtweisen widerspiegeln, sondern auch vermitteln, wie man trotz alledem respektvoll miteinander umgehen kann.

Freitag Abend (12.04.2019) gab es eine weitere Ausgabe vom literarischen Quartett, als Gast war Sandra Kegel zugegen. Thea Dorn hatte den Roman Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling mit in die Runde gebracht und zwar nicht, weil sie davon überzeugt ist, sondern um darüber zu diskutieren, um zu erfahren, wie die anderen den Roman wahrgenommen haben.
Das literarische Quartett, April 2019     Aufmerksam wurde Thea Dorn zum einen durch die Besprechung von Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung1, zum anderen, weil Anke Stelling für den Roman mit dem diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde.
    
Der Literaturkritikerin ist dieses Buch ein wenig suspekt, da die Wut auf falscher Ebene verherrlicht wird, denn die Protagonistin macht sämtliche Menschen um sich herum für ihre Situation verantwortlich und man könnte ergänzen, anstatt sich mal hinzusetzen und zu überlegen, was sie ändern könnte. Man kann nicht die anderen Menschen ändern, nur sich selbst.
    
Christine Westermann bemerkt während der Diskussion ganz treffend, dass offenbar alle vier ein anderes Buch gelesen haben.

Das literarische Quartett, April 2019Apropos Christine Westermann. Mich hat es überrascht, dass sie das Buch HERKUNFT“ von Saša Stanišić vorstellte. Aber sie hat mich gestern Abend permanent überrascht, die völlig entspannt sich an der Diskussion beteiligte, zurückhaltend war, doch was sie sagte, hatte Hand und Fuß. Seit Maxim Biller nicht mehr in der Runde ist, konnte sie offenbar nach und nach die Habachtstellung aufgeben, muss nicht mehr mit Provokationen rechnen. Überrascht hat mich Christine Westermann deshalb, weil dieses Buch auch etwas Sperriges hat und sie ist nicht gerade bekannt, für Sperriges, doch das scheint sie gar nicht wahrgenommen zu haben, denn für sie ist es ein sehr poetisches Buch.

Literatursendung

„Das Literarische Quartett“: Sandra Kegel, Christine Westermann, Thea Dorn, Volker Weidermann ‖ © Jule Roehr, ZDF

Sandra Kegel ist dem magischem Realismus zugetan, dass wurde auch beim Das literarische Quartett, April 2019Bachmann-Wettbewerb 2016 deutlich (in der Rolle als Jurorin), als Sharon Dodua Otoo aus ihrer Prosa „Herr Gröttrup setzt sich hin“ las. Darin konnte das Frühstücksei sprechen.
     So war es nicht verwunderlich, dass sie gestern Abend das schmale Band Was habe ich gelacht“ von dem argentinischen Schriftsteller César Aira mitbrachte. Neben dem teilweise sehr grotesken Humor arbeitet er mit Stilmitteln aus dem magischen Realismus. Lektüre zum entspannen, in der man nicht mit dem gegenwärtigen Geschehen auf der Weltbühne konfrontiert wird. Volker Weidermann überschlug sich schon fast bei seinen Lobeshymnen auf dieses Buch.

Das literarische Quartett, April 2019Den schwierigsten Roman hatte Volker Weidermann mitgebracht, weniger, weil es inhaltlich schwierig nachvollziehbar wäre, sondern weil es Sprengkraft in sich birgt. Die Rede ist vom Monster“ von dem israelischen Schriftsteller Yishai Sarid. Es handelt von dem heutigen Umgang mit dem, was während des Holocausts im Nationalsozialismus geschehen ist. Gut ist, dass man solch einen Roman in die Sendung mitbringt, schlecht hingegen ist, dass man sich dafür nur wenige Minuten Zeit nimmt, denn genau zu diesem Roman müsste man viel mehr sagen, schon allein deshalb, um den Populisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

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Doch leider werden solche Diskussionen abgebrochen, weil man zum nächsten Buch greift oder die Zeit abgelaufen ist. Dabei wird man weder den Autoren gerecht, aber auch nicht den Teilnehmer*innen vom literarischen Quartett. Derzeit könnte man solche Debatten über ein einziges Buch sehr gut zulassen, da das Team sehr ausgewogen ist. Christine Westermann hat den Ansatz, Prosa einem möglichst großem Publikum schmackhaft zu machen, Thea Dorn vertritt den intellektuellen Ansatz und Volker Weidermann in der Rolle des Moderators ist der Vermittler zwischen den beiden Welten, der Diplomat, der dennoch mit seinen Ansichten nicht hinterm Berg hält. Also ideale Voraussetzungen für längere Debatten. Anstatt vier Bücher in 50 Minuten vorzustellen, könnte man genauso gut sich auf zwei beschränken, der jeweilige Gast bringt eines mit und einer aus dem feststehendem Team. Nach gestern Abend wurde mir das nochmals sehr deutlich, alle vier vorgestellten Bücher wären es wert, wenn dafür mehr Zeit wäre.

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Bordbuch

Literaturvorstellung mit Bibliographie

Vom Verbrecher Verlag wird der Roman „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling mit folgenden Worten beschrieben:

Resi hätte wissen können, dass ein Untermietverhältnis unter Freunden nicht die sicherste Wohnform darstellt, denn: Was ist Freundschaft? Die hört bekanntlich beim Geld auf. Die ist im Fall von Resis alter Clique mit den Jahren so brüchig geworden, dass Frank Lust bekommen hat, auszusortieren, alte Mietverträge inklusive.
     Resi hätte wissen können, dass spätestens mit der Familiengründung der erbfähige Teil der Clique abbiegt Richtung Eigenheim und Abschottung und sie als Aufsteigerkind zusehen muss, wie sie da mithält.
    
Aber Resi wusste’s nicht. Noch in den Achtzigern hieß es, alle Menschen wären gleich und würden durch Tüchtigkeit und Einsicht demnächst auch gerecht zusammenleben. Das Scheitern der Eltern in dieser Hinsicht musste verschleiert werden, also gab’s nur drei Geschichten aus dem Leben ihrer Mutter, steht nicht mehr als ein Satz in deren Tagebuch.

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Darüber ist Resi reichlich wütend. Und entschlossen, ihre Kinder aufzuklären, ob sie’s wollen oder nicht. Sie erzählt von sich, von früher, von der Verheißung eines alternativen Lebens und der Ankunft im ehelichen und elterlichen Alltag. Und auch davon, wie es ist, Erzählerin zu sein, gegen innere Scham und äußere Anklage zur Protagonistin der eigenen Geschichte zu werden.“

Das literarische Quartett, April 2019Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen
Roman
272 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 202 x 139 x 27 mm
Gewicht: 425 g
erschien: 30.08.2018
Verlag: Verbrecher
ISBN 978-3-95732-338-5
Preis: 22,00 € (D), 22,70 €

 

Vom Luchterhand Literaturverlag wird der Roman „HERKUNFT“ von Saša Stanišić mit folgenden Worten beschrieben:

HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.
     HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh.

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HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist.
    
In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden.
    
Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Sasa Stanisic.

Das literarische Quartett, April 2019Saša Stanišić: HERKUNFT
Roman
360 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 220 x 145 x 33 mm
Gewicht: 595 g
erschien: 14.03.2019
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87473-9
Preis: 22,00 € (D), 22,70 €

 

Vom Verlag Matthes & Seitz Berlin wird die Prosa „Was habe ich gelacht“ von César Aira mit folgenden Worten beschrieben:

Ist das Lachen nicht bloßer Reflex, gedankenloses Schafsblöken, das der komplexen Tragikomik des Lebens nicht gerecht wird? Ein sinnentleerter Epilog, der auf eine gute Geschichte folgt? Aira eröffnet in dieser überraschend intimen Erzählung, die mal Autofiktion, mal wilde Fabel ist, einen Raum zwischen Witz und Gelächter, jenen Spalt, der oft zwischen dem eigenen Bewusstsein und der Gegenwart des Moments klafft: Darin finden wir Träume, Erinnerungen, einen Ozean der Wehmut – und schließlich auch das Lachen. Eigensinnig und doppelbödig zeigt sich der argentinische Ausnahmeautor hier in seiner ganzen weltliterarischen Größe.

Das literarische Quartett, April 2019César Aira: Was habe ich gelacht
Originaltitel: Cómo me reí
Übersetzung aus dem Spanischen: Christian Hansen
Prosa
92 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 186 x 122 x 13 mm
Gewicht: 173 g
erschien: 12.02.2019
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
ISBN 978-3-10-038414-0
Preis: 16,00 € (D), 16,50  €

 

Vom Verlag Kein & Aber wird der Roman „Monster“ von Yishai Sarid mit folgenden Worten beschrieben:

Am Ende des Romans steht eine Eskalation: ein Faustschlag, mit dem ein Tourguide in Treblinka einen Dokumentarfilmer niederstreckt. Doch wie konnte es dazu kommen? In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef schildert der Mann, wie die Menschen, die er jahrelang durch NS-Gedenkstätten führte, mit der Erinnerung an den Holocaust umgehen. Er fragt nach der Verbindung zwischen Juden damals und Israelis heute, nach Machtverherrlichung und danach, was Menschen zu Mördern macht. Und er beobachtet Schülergruppen, die sich in Fahnen hüllen, scheinheilige Minister oder manipulative Künstler, er beobachtet, wie ein jeder in dem Grauen der Geschichte vor allem eines zu erkennen meint: einen Nutzen für sich selbst.
     Yishai Sarid, einer der bekanntesten Autoren Israels, wirft in seinem Roman ein neues Licht auf die Erinnerungskultur, wagt sich an vermeintlich unantastbare Fragen und stellt in stillem, unaufgeregtem Ton eingefahrene Denkmuster infrage.

Das literarische Quartett, April 2019Yishai Sarid: Monster
Übersetzung aus dem Hebräischen: Ruth Achlama
Roman
176 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 192 x 124 x 18 mm
Gewicht: 243 g
erschien: 28.01.2019
Verlag: Kein & Aber
ISBN 978-3-0369-5796-8
Preis: 21,00 € (D), 21,60 €

 

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Einzelnachweis:

1: Vgl. Jens Bisky (): Nehmt das, naive Freunde der Mittelklasse!, Süddeutsche Zeitung, 29.11.2018, zuletzt besucht am 13.04.2019


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