„Kleine Geschichte Finnlands“ von Edgar Hoesch

Sachbuch, Rezension, Buchbesrpechung, Literaturkritik, Simone Jawor

Foto: © Simone Jawor

Lasst uns Europäer sein

Das nordöstliche Land am Rande Europas ist uns zwar vom Namen her geläufig, vielleicht kennt man die ein oder andere Musikband, aber ansonsten ist Finnland für uns wie ein weißer Fleck auf der Landkarte. Die Geschichte Finnlands ist trotz Austausch von Handelswaren und Kultur uns ziemlich unbekannt. Um einen Überblick der Historie Finnlands zu bekommen, eignet sich das schmale Sachbuch Kleine Geschichte Finnlands von Edgar Hoesch.

Edgar Hoesch gibt in Raumkonstellationen der Ostseewelt einen ersten kurzen Überblick der Historie der „‚sanften‛ Völker“ (S. 14) wie sie Johann Gottfried Herder bezeichnet.
     Die gesellschaftlichen Strukturen des Mittelalters unter schwedischer Herrschaft sind der unsrigen sehr ähnlich, jedoch gibt es einen großen Unterschied: Den Finnen ist die Leibeigenschaft erspart geblieben, da diese seit 1335 im gesamten schwedischen Reich verboten wurde.
    
Während der Hansezeit gab es einen regen Austausch von Waren zwischen Norddeutschland und den Finnen. Zudem gab es Kontakte im Geistesleben. Hervorzuheben ist dabei der Philosoph Christian Wolff (1679 – 1754), der durch seine aufklärerische Sichtweise den Theologendisput an der Turkuer Akademie beeinflusst hat.
     In diesem Sachbuch wird aber auch die Stärke der Finnen sehr deutlich, denn sie kämpften während des Dritten Reichs an der Seite der Deutschen, aber sie setzten durch, dass ihre Soldaten, die dem jüdischen Glauben angehören mit in den Krieg zogen. Hitler „musste es widerwillig hinnehmen, dass in der finnischen Armee und damit an der Seite deutscher Truppen jüdische Soldaten und Offiziere kämpften.“ (S. 135)

Nazi-Kollaborateure Finnlands Allianz

Der Historiker beschreibt die Geschichte der Finnen fast durchgängig in chronologischer Abfolge, benennt die Lücken, wie beispielsweise, dass bis heute nicht geklärt ist, woher die Finnen ursprünglich stammen, zeigt die Stellen auf, bei denen die Wissenschaftler sich uneinig sind.
     Das Erschließen von Zusammenhängen wird durch die chronologische Erzählweise dem Leser erleichtert. Zudem stellt der Autor immer wieder Beziehungen zu Deutschland her, die mal ein Segen für die Finnen sind, wie die Hansezeit, mal ein Fluch wie die Konsequenzen nach dem Dritten Reich. Eine besondere Rolle in der Geschichte Finnlands haben die Schweden und die Russen, denn mal standen sie unter der Herrschaft der westlichen Nachbarn, mal der östlichen.
     Im Grunde ist für jeden Leser ein persönlicher Anknüpfungspunkt dabei, da die politischen, wirtschaftlichen, pädagogischen, kulturellen und religiösen Verhältnisse aufgezeigt werden.
     Soweit es möglich ist, vermeidet der Professor für Geschichte jegliche Nebenschauplätze, so dass man tatsächlich den roten Faden nicht verliert.

Edgar Hoesch wurde am 20.08.1935 in Aschaffenburg geboren. Er studierte Geschichte, Klassische und Mittellateinische Philologie sowie Germanistik von 1954 in München mit einem anschließenden Promotionsstudium in Slavistik und Byzantinistik mit dem Abschluss einer Promotion im Jahr 1962. Von 1971 bis 2007 war er Professor für Geschichte Ost- und Südeuropas an verschiedenen Universitäten. Mittlerweile ist er Korrespondierendes Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenmitglied der Finnischen Historischen Gesellschaft.
     Er hat zu verschiedenen historischen Themen Bücher veröffentlicht wie Geschichte Russlands. Von den Anfängen des Kiever Reiches bis zum Zerfall des Sowjetimperiums, dass 1996 im Kohlhammer-Verlag erschienen ist.

Um das Land am Rande Nordeuropas etwas näher kennenzulernen, ihre besondere Rolle innerhalb der Europäischen Union vor allem hinsichtlich Russlands, ist das Sachbuch gut geeignet. Edgar Hoesch gelingt es, den Spagat zwischen dem Gerecht-Werden der Finnen und dem anschaulich machen für den deutschen Leserkreis. Einerseits kommt uns einiges bekannt vor, andere Begebenheiten überraschen uns.

Nach 1945 mussten die Finnen zwischen Ost und West taktieren, denn sie konnten es sich nicht leisten, die Sowjetunion zu sehr zu verärgern. Als Ende der 1980er Jahre der Ostblock zusammenbrach, gelingt es ihnen in sehr kurzer Zeit, sich wirtschaftlich zu erholen.
     Auf die weitere Entwicklung Finnlands kann man sehr gespannt sein und vielleicht gelingt es ihnen, dass alle Bürger der Europäischen Union eines Tages sagen: „xy sind wir nicht mehr, xy wollen wir nicht werden, lasst uns Europäer sein!“ (vgl. S. 82)

Corinna Klein
© read MaryRead 2015

Sachbuch

 

Rezension, Buchbesrpechung, Literaturkritik, Sachbuch,Edgar Hoesch: Kleine Geschichte Finnlands
Sachbuch

168 Seiten
Taschenbuch
erschien: 17.03.2009
Verlag: C.H. Beck
ISBN 978-3-406-58455-8
Preis: 12,95 € (D), 13,40 € (A)

 Home > Rezensionen > Sachbuch > „Kleine Geschichte Finnlands“ von Edgar Hoesch


Ähnliche Beiträge:

Rezension, Literaturlritik, finnischer EposRezension
Spreckelsen, Tilman: Kalevala. Eine Sage aus dem Norden
Magischer
Norden
Alle Protagonisten verfügen über Zauberkräfte und machen sich somit das Leben gegenseitig schwer oder sie setzen die Magie ein um gegen dunkle Mächte zu bestehen oder um Aufgaben gelöst zu bekommen wiemehr > 
von Andrea Müller / 16.01.2015 /
Nacherzählung, finnischer Epos


Reisebericht, Bekannt und doch unbekanntRezension
Zweig, Stefan: Brasilien. Ein Land der Zukunft
Bekannt und doch
unbekannt
Der Autor beschreibt die Geschichte dieses Landes, die mit der Kolonialisierung durch die Portugiesen beginnt, deren wirtschaftlicher Aufstieg, die Stärken der Brasilianer und mit atemberaubendenmehr > 
von Christine Weber / 07.10.2013 /
Reisebericht

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar