„Kühn hat zu tun“ von Jan Weiler

Roman, Kriminalroman, Sorgen bereitet der Kommissar

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Sorgen bereitet der Kommissar

Mit Müdigkeit lässt sich nur sehr schwerfällig ein Gedanke fassen, bis in die frühen Morgenstunden habe ich den Roman Kühn hat zu tun von Jan Weiler gelesen. Als ich gestern Abend zu Bett ging, nahm ich das Buch in die Hand und konnte es nicht mehr auf Seite legen, zu spannend ist der Kriminalroman. Immerhin, ich kann mir nun ein weiteres Buch für den heutigen Abend als Bettlektüre vornehmen.

Kühn ist 44 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder – einen pubertierenden Sohn und eine achtjährige Tochter – arbeitet als Polizist; ein ganz normaler Familienvater mit eigenem Haus in der neuen Wohnsiedlung nahe bei München, finanziert durch Kredite, die noch abgetragen werden müssen. Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen, das viele Blut der Opfer ekelt ihn nicht an, keine Übelkeit macht sich bei ihm bemerkbar, selbst dann nicht, als eines Tages ein alter Herr ermordet vor seinem Grundstück liegt, so als würde eine Katze eine tote Maus auf die Fußmatte legen und auf Belohnung warten. Jedoch schwant ihm, das irgendetwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Er kann sich nur schwer und mit viel Mühe auf seine Fälle konzentrieren, ständig wird er von Gedankenketten mit Endlosschleifen abgelenkt.

Kindergeschrei wird herübergetragen aus der naheliegenden Grundschule. Ich besuchte gerne die Schule, bis auf die Tatsache, dass ich von den Kindern gehänselt wurde, heute würde man das Mobbing bezeichnen, ausgegrenzt wurde… Ich möchte jetzt nicht daran denken.

Eines Tages bricht jedoch der Protagonist zusammen. Man erkennt die Zuspitzung und dem Leser (oder wie Denis Scheck in der Sendung Druckfrisch vom 01.03.2015 sinngemäß sagte: Jan Weiler hat keine Leser sondern Fans) wird klar, dass mit Kühn etwas geschehen muss. Seine Merkwürdigkeiten beginnen harmlos, aber man kann – sofern man Kenntnisse aus der Psychologie hat – von Beginn an erkennen, dass Kühn irgendein Trauma erlebt haben muss, nur er kann sich nicht mehr daran erinnern; stattdessen wacht er nachts schweißgebadet auf, überall sieht er Blut wo keines ist. Traumata-Psychologen vertreten den Standpunkt, dass jedes schreckliche Erlebnis eine positive Seite hat, die zum Vorschein kommt, sobald ein Trauma verarbeitet wurde.

Traumata sollen eine positive Seite haben? Geht´s noch? Wenn ein Kind immer und immer wieder in den Keller gesperrt wird, so ist das Schrecklich und es wird sein leben lang daran zu knabbern haben. Was soll daran positiv sein?

Aber genau die positive Kehrseite eines Traumas lässt Jan Weiler in seinem Roman Kühn Tetris, Spielhat zu tun anklingen (zum Thema Traumata hat der aus Düsseldorf stammende Schriftsteller sauber recherchiert). Leider hat er noch weitere Handlungsstränge mit hinein genommen, die überflüssig sind. Der Roman beginnt mit einem Rückblick auf den Nationalsozialismus, genauer: es wird Rückschau auf die neue Wohnsiedlung Weberhöhe, die auch als Tetris-Siedlung aufgrund ihrer Verschachtelung genannt wird, gehalten.

Wie soll man sich eine Tetris-Siedlung vorstellen? Fällt immer wieder ein Baustein vom Himmel, um die Reihen zu füllen? Drehen die Vögel den Baustein und dirigieren sie den in die richtige Lage, um die Reihen zu füllen? Verschwindet die unterste Reihe, sobald diese vollständig ist? Fallen die Bausteine von Level zu Level immer schneller vom Himmel?

Die Namensgebung Weberhöhe beruht auf Rupert Baptist Weber, der der Legende nach ein „guter“ Nazi war. In Wirklichkeit war er einer der grausamsten, den man sich nur vorstellen kann, beispielsweise mussten die Arbeitssklaven in der Munitionsfabrik immerzu lächeln, ansonsten wurden sie auf bestialische Art bestraft. Die Wahrheit über die Wohnsiedlung wird von Journalisten aufgedeckt, aber weder kommt es in der Bevölkerung zu einem Aufschrei, noch gibt es irgendwelche Konsequenzen wie Umbenennung der Siedlung. Für das Verständnis des Romans und auch für die Handlung ist dieser Sachverhalt nicht notwendig, es erklärt nichts, es ist ein loser Faden. Auch die Verseuchung des Bodens, verursacht durch das ehemalige Munitionslager von dem besagten Rupert Baptist Weber, ist überflüssig, es ist wie ein Brocken, der einem vor die Füße geworfen wird, der aber den Leser ratlos zurücklässt. Es bleibt unklar, inwiefern die Verseuchung Auswirkungen auf den Menschen hat. Man gewinnt den Eindruck, als wollte Jan Weiler hiermit unbedingt einen Bezug zu einem der aktuellen Themen unserer Zeit herstellen, als wolle er unnötigerweise aufzeigen, wie Gedankenlos und Interessenlos der Mensch gegenüber der eigenen Historie ist. Nur, es wäre überhaupt nicht nötig gewesen.

Kühn ist seine Verhörmethode, kühn ist sein Umgang mit dem jungen Grünschnabel Staatsanwalt, kühn ist sein Verhalten gegenüber eines der Raufbolden und aggressiven jungen Nazi, kühn ist seine Idee für das Geburtsgeschenk seiner Tochter, die sich ein Pferd wünscht und besonders kühn ist die Festnahme des Mörders.

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Der alte Herr Beissacker wurde mit mehreren akkuraten Messerstichen ermordet aber nur der letzte Stich war tödlich. In sämtlichen literarischen Kriminalromanen sowie in Filmen ergeben die Taten der Mörder irgendeinen Sinn, doch bei Jan Weiler kann einem der Buchtitel Die Banalität des Bösen von Hannah Arendt einfallen. Der Mord war sinnlos sowie die zehn Morde zuvor.
     Wenn man unbedingt einen Zusammenhang zwischen dem Nationalsozialisten Rupert Baptist Weber und dem Mordfall herstellen möchte, dann verzahnt es sich an dieser Stelle, an dem die Sinnlosigkeit besonders deutlich wird. Hannah Arendt hat das Sachbuch Die Banalität des Bösen nach dem Prozess gegen Adolf Eichmann verfasst und zeigt darin auf, dass Mörder nicht wie Monster aussehen, sondern ein bürgerliches, meist unscheinbares, Leben führen. Auch der Mörder von Jan Weiler lebt scheinbar ein normales Leben, gilt als hilfsbereit, fällt nicht auf. Seine Herangehensweise an die Opfer ist schlicht, sein einziger Antrieb, die Messerstiche so glatt als irgend möglich zu führen und es muss Blut fließen, ohne Blut wäre für ihn die Tat langweilig. Und selbst dieser Serienmörder hat eine Moral, dem entführten Kind tut er kein Leid an, dass, was man von vielen Nazis auch kennt, bestimmten Menschentypen taten sie nichts an.

Kühn wird in all seinen Facetten psychologisch und realistisch so gut dargelegt, dass man immer mehr über ihn erfahren möchte; und der Roman lebt von seiner Spannung des Mordfalls, mehr kann und sollte man nicht von guter Unterhaltungslektüre erwarten.

 © read MaryRead 2016

Belletristik

 

Roman, Kriminalroman, rezension, Buchbesprechung, LiteraturkritikJan Weiler: Kühn hat zu tun
Roman
320 Seiten
erschien: 06.03.2015
Verlag: Kindler
ISBN 978-3-463-40643-5
Preis: 19,95 € (D), 20,60 € (A)

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