„Gleis 4“ von Franz Hohler

Roman, Was ist die Wahrheit

Was ist DIE Wahrheit?

Wir wünschen für unser Leben, dass nichts Unberechenbares geschieht, aber wie Friedrich Dürrenmatt sinngemäß formulierte: „Desto mehr der Mensch plant, desto eher wird er vom Zufall getroffen.“ Wie sehr man vom Zufall getroffen werden kann, wird in dem Roman Gleis 4 von dem Schweizer Schriftsteller Franz Hohler geschildert.

Isabelle möchte wie geplant mit dem Zug in den Urlaub fahren. Auf dem Weg zu Gleis 4 sieht sie einen älteren Mann, dem sie ihre Hilfe anbietet, dieser Mann fällt um und stirbt. Das ist der Auftakt zum Roman, man könnte es auch als Prolog bezeichnen.
     Wie der Zufall so will, ist Isabelle im Besitz des Handys vom toten Mann und erhält merkwürdige Anrufe, aber anstatt das Telefon zu entsorgen, geht sie der Sache auf den Grund und es kommen einzelne, teilweise widersprüchliche biografische Facetten über den Toten zu Tage.
    
Dieser Mann ist ein Adoptivkind, der bei einer Wanderung mit seinem Adoptivbruder anscheinend seinen Vater im Streit umgebracht hat. Er wird von einem Gericht verurteilt, kommt in eine Erziehungsanstalt, flieht von dort und wandert aus. Es wird noch undurchsichtiger: die einen sprechen über einen Marcel, die anderen über einen Martin.
    
Ist dieser Typ ein netter Nachbar von nebenan oder ist er ein durchtriebener Stratege, der sich jeder Verantwortung entzieht?

Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, stehen mitten im Leben und dennoch sind deren Lebensläufe ungewöhnlich, denn Isabelle war mit einem Afrikaner zusammen, mit dem sie eine Tochter hat. Doch weder sie noch ihre Tochter Sarah haben noch etwas mit diesem Mann zu tun. Sarah hat ein distanziertes Verhältnis zu Afrika, vor allem lehnt sie jegliche Ethnomoden ab. Sie verschließt sich aber nicht völlig der afrikanischen Kultur und als ihre Mutter durch den toten Mann in Unsicherheiten gerät, kann sie sich für Momente ganz dieser Kultur öffnen.
     Die ungewöhnliche Frau, Isabelle, ist eine starke Persönlichkeit, das aber erst im Laufe des Romans deutlich wird. Zuerst erscheint sie einem sehr gewöhnlich ohne Allüren, ohne aus der Reihe zu tanzen, doch als sie das Leben des toten Mannes für sich allmählich erschließen kann, zeigt sie, wie stark sie ist, denn der Mann, der sie auf dem Handy des toten Mannes in Bedrängnis bringt, trifft sich mit ihr. Dieser Mann möchte über die Umstände des Todes genaueres wissen, der nichts für den Toten übrig hat, ja, der am liebsten diesen toten Mann für immer verschweigen würde, dass sich nach Möglichkeit niemand mehr an ihn erinnert, der sich wundert, dass sie einem toten Mann helfen möchte. Der Mann fragt: „Einem Toten helfen?“ und sie antwortet sehr selbstbewusst: „Man kann einem Toten helfen, seine Würde zu bewahren. Zum Beispiel gegenüber Leuten wie Ihnen.“ (S. 104)

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Anhand der biografischen Facetten dieses toten Mannes bekommt man kleine Einblicke in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart der Schweiz.
     An einigen Stellen wird der Humor des Schriftstellers deutlich, an anderen wird Franz Hohler sehr ernst, vor allem wenn es um die Frage geht: Von welchen gesellschaftlichen Vorstellungen lässt sich ein Richter in seiner Urteilsbildung leiten? Inwiefern nehmen wir gerne ein gesprochenes Urteil von einer Autoritätsinstanz an und zeigen auf den Verurteilten ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und verurteilen diesen Menschen noch einmal? Dahinter verbirgt sich die Grundfrage: Was ist DIE Wahrheit? Können wir den Urteilen vertrauen?

Franz Hohler gelingt der Spagat zwischen das Aufbrechen eines Tabuthemas und humorvollen Anmerkungen. Die Frage nach der Wertung von Moral wird offen und mit einem Augenzwinkern gestellt: Ist die Moral die Mutter der Lügen? (vgl. S. 150)

Der gut lesbare, stilistisch fein ausgearbeitete Roman zeigt auf pointierte Weise eine Gesellschaftskritik, die stellenweise dem Leser ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht zaubert.
     Mit dem Schalk im Nacken zeigt der grandiose Schriftsteller Franz Hohler, dass es Zufälle im Leben gibt, aber dass man hin und wieder nicht zufällig mit einem Geschehen konfrontiert wird. (Liebe Grüße sendet Franz Hohler an Friedrich Dürrenmatt.)

© read MaryRead 2014

Belletristik

Roman aus der Schweiz, Was ist die WahrheitFranz Hohler: Gleis 4
Roman aus der Schweiz

gebunden
220 Seiten
erschien: 22.07.2013
Verlag: Luchterhand
ISBN 978-3-630-87420-3
Preis: 17,99 € (D), 18,50 € (A)
 

Angaben zum Taschenbuch:
224 Seiten / erschien: 06.12.2014 / Verlag: btb / ISBN 978-3-442-74832-7
Preis: 9,99 € (D), 10,30 € (A)

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