„Altes Land“ von Dörte Hansen

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Vererbung von Traumata?

Vorteilhaft ist ein Literaturkreis immer dann, wenn man etwas liest, was man ohne diesen Kreis nicht lesen würde. Der Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen ist so ein Buch, was ich ohne meinen Literaturkreis im Moment nicht gelesen hätte, zumal ihr neuer Roman „Mittagsstunde“ auf dem Markt ist. 2015 wurde der Roman mit dem Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels und 2016 mit dem Usedomer Literaturpreis ausgezeichnet. Dabei wurde dieses Buch landauf, landab besprochen, durchweg positiv. Mit den Literaturkritiken ist das jedoch so eine Sache, wenn ein Roman von etlichen Feuilletons und Buchbloggern besprochen wird, die sich allesamt mehr oder weniger einig sind, weckt es Erwartungen bei den Leser*innen. Man gewinnt den Eindruck, dieses Buch muss man unbedingt gelesen haben, um up to date zu sein. Aber muss man tatsächlich solch ein Buch gelesen haben?

Die geweckten Erwartungen werden zunächst eingelöst. Eine Familie versucht bei Hamburg Fuß zu fassen, nachdem sie Ostpreußen am Ende des Zweiten Weltkriegs verlassen mussten, besser gesagt, ihnen blieb nichts anderes übrig als die Flucht sofern sie überleben wollten. Doch dann muss die Familie feststellen, dass sie in Westdeutschland nicht willkommen sind.
     Doch mit jeder Seite mehr trat Unbehagen ein. Zunächst konnte ich nicht genau benennen, was mich an diesem Roman stört, es blieb vorerst konturlos. Dann häuften sich die holprigen Sätze, die grammatisch zwar nicht fehlerhaft sind aber eine merkwürdige Satzstellung aufweisen, in manch einem Zusammenhang würde man von einem schlechten Deutsch sprechen. Beispiele:

– „Wenn Elisabeth nicht gestorben wäre ein paar Tage danach, dann hätte Heinrich die Sache mit Georg …“ (S. 118)
– „Vera holte sie mit dem Mercedes ab am Hauptbahnhof in Hamburg, sie fuhren …“ (S. 272)

Diese Beispiele zeigen, dass da jemand sein Handwerk noch nicht ganz beherrscht und sie bringen einen aus dem Lesefluss, da man darüber stolpert, sich nochmals den Satz anschaut, nur um kopfschüttelnd festzustellen, es war wieder nur einer dieser holprigen Sätze. Auf eine gewollte Stilrichtung kann man es nicht zurückführen, da diese Sätze sehr willkürlich auftauchen, zum anderen, weil anderes sehr wohl einen flüssigen Text darstellen. Diese ungewollten Unterbrechungen sind auf Dauer nervig, womit man jedoch leben könnte.

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Eine Flucht bleibt nie ohne tiefgehende Verletzungen. Vera musste mit ihrer Mutter fliehen, sie bleibt ihr Leben lang eine Außenseiterin, gilt im Dorf als verschroben, mit der man sich besser nicht anlegen sollte. Ihre Schwester Hildegard wurde zwar erst nach der Flucht geboren, da aber die Mutter über die Vergangenheit schweigt, kann sie vieles nicht zuordnen und wird auf ihre Art ebenfalls etwas merkwürdig.
     Im Klappentext der Taschenbuchausgabe kann man nachlesen, dass der bekannte Literaturkritiker Denis Scheck im Roman eine Weitergabe eines Fluchttraumas sieht. Seit einiger Zeit wird die Frage gestellt, inwiefern ein Trauma an die nächste Generation und an die Enkelgeneration vererbt werden könnte.1 Eine durchaus sehr interessante Fragestellung. Sicherlich kann man in einigen Familien solche Tendenzen feststellen, nur im Roman sind kaum Anhaltspunkte dafür zu finden, auf Vera und Hildegard könnte, wenn man es unbedingt will, diese Theorie zutreffen, aber auf die Kinder von Hildegard trifft es schon nicht mehr zu, außer man beginnt zu spekulieren. Wie so häufig, wird auch hierbei, in diesem Fall vom Literaturkritiker, ein Phänomen aus der Psychologie aufgenommen, welches durchaus für Betroffene nützlich sein kann, nur um es dann überall zu „finden“. Man erlebt es beim Begriff „Trauma“, selbst ein Stich von einer Biene kann ein Trauma sein, beim Begriff „Gewalt“, wo schon das Husten eines Gegenübers als Gewalt beschrieben wird und nun hat man etwas Neues gefunden, die Vererbung von Traumata.
    
In Anne´s Leben läuft nicht alles glatt, sie gibt ihr Musikstudium trotz ihres Talentes auf, macht stattdessen eine Schreinerausbildung, heiratet, bekommt ein Kind, nur um dann festzustellen, dass ihr Mann eine andere hat. Daraufhin zieht sie mit ihrem Sohn Leon zu Vera. Hierbei auf eine Trauma-Vererbung zu schließen, ist dann doch ziemlich weit hergeholt. Es sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt: Dies hat Denis Scheck so auch NICHT behauptet, dafür andere.

Die Kriegserlebnisse werden zwar von Dörte Hansen angedeutet, vor allem in der Figur Karl werden sie sichtbar, insgesamt bleibt es aber vage, so, als wollte die Autorin auf keinen Fall ein Fass öffnen, wo sie eventuell hätte Stellung beziehen müssen. Eine Herangehensweise, die sich durch den gesamten Roman zieht und nur schwer zu fassen ist. Die Rolle Ostpreußens während des Dritten Reichs wird mit keiner Silbe erwähnt, hingegen wird einem das Gefühl vermittelt, die Geflüchteten aus der Gegend seien reine Opfer gewesen.
     Keine Gruppe bleibt ungeschoren, weder die Alteingesessenen im Alten Land, noch die Ökobewegung, am Ende haben sich dennoch die meisten lieb. Nichts Halbes, nichts Ganzes, alles bleibt im Ungefähren, bloß keine Position beziehen, wofür man sich vielleicht später rechtfertigen müsste.

Zur Unterhaltung kann man den Roman lesen, nur hohe Ansprüche sollte man besser an diesem Roman nicht haben.

© read MaryRead 2019

Rezension

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Roman
Taschenbuch
288 Seiten
Format (H x B x T): 188 x 121 x 22 mm
Gewicht: 280 g
erschien: 07.03.2017
Verlag: Penguin
ISBN 978-3-328-10012-6
Preis: 10,00 € (D), 10,30 € (A)

E-Book: 9,99 € (D, A)

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Zum Nachlesen über Vererbung von Traumata:
Michael Lange (): Narben im ErbgutTrauma vererbt sich über vier Mäuse-Generationen, Deutschlandfunk 01.09.2017, zuletzt besucht am 04.03.2019


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