„Unorthodox“ von Deborah Feldmann

Religion, Chassiden, USA, New York, Religion, Wissen ist Macht, Sigmund Freud,

Wissen ist Schuld

Es gibt Bücher, die man einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen kann. Deborah Feldman hat ein solches Buch geschrieben. Dieses Buch heißt „Unorthodox“ und beschreibt – autobiographisch geprägt – den Weg der Ich-Erzählerin aus dem Leben in einer Chassidischen Gemeinde in die umgebende Gesellschaft hinein. Das Buch wurde schon 2016 erfolgreich in Deutschland veröffentlicht, nachdem es bereits 2012 in Amerika für Aufsehen sorgte. Dabei setzt die Autorin keineswegs auf Knalleffekte. Es ist einfach ein gutes Buch über eine ungewöhnliche Frau in einer für Außenstehende kaum vorstellbaren Lebenswelt mitten in einem „westlichen“ Staat – eine Welt in der Welt, wo sie so nicht erwartet wird, wenn man sich noch nicht mit dem Thema befasst hat.
     In kurzen Worten: es ist ein Buch über Fremdheitserfahrungen, Ängste, Wissenshunger, die Macht von Geschichte und Geschichten, über verschiedene Formen festen Glaubens und nicht zuletzt über Schuld. Die Hauptfigur wird als Mädchen in eine Parallelgesellschaft jüdischer Orthodoxie mitten in New York hineingeboren. Das Buch beginnt mit einem Blick durch die Augen des jungen Mädchens, das sich allein und unangepasst fühlt. Doch wie fremd die Welt dem Leser ist, enthüllt sich mit jedem weiteren Schritt des Erwachsenwerdens. Die Widersprüche und überdeckten Signale werden dem Leser zugänglich, so wie die Ich-Erzählerin erlebt, die Befremdung des Lesers steigert sich mit dem Unbehagen der Figur. Die ganze Kindheit und Jugend werden Jungen und Mädchen voneinander strickt getrennt gehalten, bis sie schließlich, kaum überhaupt erwachsen, miteinander verheiratet werden und ein Leben miteinander aufbauen sollen. Die Ausgangsbasis für dieses gemeinsame Leben ist die schiere Unwissenheit und Unkenntnis des anderen und seiner Selbst. Ein an sich schon geradezu unmögliches Unterfangen, das noch überschattet wird vom beständig drohendem Damokles-Schwert der Regelübertretung und somit der Sünde. Und Regeln gibt es hier reichlich zu beachten. Bisweilen scheint es, als bestünde Sinn und Haupttätigkeit des Daseins hier das Erlernen und Beachten der Regeln. Wenn man genug Energie aufzubringen vermag, um unter diesen Bedingungen zu funktionieren, wie es die Gemeinschaft erwartet, wird das „Leben“ genannt.
    
Die Erkenntnis, dass sich der Mensch in seinen Begierden selbst beschränken muss, um in einer Gemeinschaft mit anderen funktionieren zu können, ist spätestens seit Freud bestens bekannt, doch die Überregulierung, die sich in dieser Gemeinde so beispielhaft zeigt, und die – wie in so vielen anderen Gemeinschaften – Frauen systematisch unterhalb der Männer ansiedelt, ist in so besonderem Maße befremdend, da sie selbst auferlegt ist. Hier wird ein Kreislauf und ein Zwangssystem aufrecht erhalten von Menschen, die gebildet sein könnten, große Zeiträume mit dem Lesen verbringen und in ihrer Familiengeschichte auf freie Menschen zurückblicken können. Das Trauma des Holocaust aber führt zu anhaltender Selbstkasteiung, Selbstbeschränkung und dem anhaltenden Versteckspiel vor der Außenwelt und sogar voreinander. Und hier liegt die Bruchstelle der Ich-Figur, die es wagt die Selbstbeschränkung der Gemeinde zu hinterfragen und sich schließlich weigert, ihr Ich weiterhin vor sich selbst und ihrer Umwelt zu verstecken, Ausgangspunkt und Spiegel ihrer Schritte in ein anderes Leben sind die Bücher, die sie liest. Anders als die so belesenen Männer in ihrer Umwelt, die zahllose Stunden in den heiligen Schriften lesen, jedoch nichts, das dazu in irgendeinem Widerspruch stehen könnte, und anders als die Frauen, die durchgehend zwar beschult werden, jedoch kein Interesse an Bildung und Lektüre anerzogen bzw. nahegelegt bekommen, schöpft die Ich-Figur Energie und Anregung aus ihrer Lektüre. Sie liest weil es ihr ein Bedürfnis ist, eine Möglichkeit auszubrechen und ihren Horizont zu erweitert, heimlich beschafft sie sich verstohlen Bücher und versteckt sie vor ihrer Familie in ihrem Zimmer.
    
Die öffentliche Debatte der Gegenwart ist bestimmt von einem Fokus auf den Islamischen Extremismus, eine Diskussion über extreme Gemeinschaftsordnungen unter Juden oder Christen, die ebenso Teil der so genannten „westlichen Welt“ sind, findet kaum statt. Aus Unwissenheit über diese Gemeinschaften? Weil sie sich bedeckt halten, oder weil man sie nicht sehen will? Weil es unvorstellbar scheint, dass vor der eigenen Haustür Menschen nach altertümlich anmutenden Restriktionen leben, um keine religiöse Schuld auf sich zu laden?
      Dabei leiden in vielen solchen Systemen Frauen besonders, Männer jedoch auch in anderer Weise. Doch was ist möglich, wenn das Ertragen von Leid und Entbehrung zur Zierde umgeformt und als Prüfung ausgelegt werden? Wer sich beklagt, fürchtet Gott nicht genug, wer sich selbst auf säkularen Wegen hilft, kann vor Gott nicht bestehen. In den Medien gewinnt man mitunter den Eindruck – und es scheint uns natürlich das anzunehmen – , dass weltweit Menschen nur an der Verbesserung ihrer Lebensumstände interessiert sind. Die meisten sind es wohl, aber es dürfen nicht diejenigen vergessen werden, die mit allen Mitteln für die Erhaltung eines Status Quo kämpfen, oder gar für eine Abschottung von modernen Ressourcen. Die machtvollste dieser Ressourcen ist das Wissen. „Wissen ist Macht“, sind wir gewohnt als geflügeltes Wort vor uns her zu tragen. Wie sehr dies zutrifft, zeigt sich besonders dort, wo Wissen bewusst unterdrückt werden soll. „Wissen ist Schuld!“, muss man plötzlich annehmen, oder in einer derzeitigen Variation in Afrika „Boko Haram“.
    
Das Erlangen von Informationen und der Umgang damit wird moralisch aufgeladen. Dem gegenüber steht die Tradition der Aufklärung, die Wissenstransfer explizit und in jahrhundertelanger Kleinarbeit vom moralischen Impetus befreite. Zu sehr vielleicht, wie mancher zu bedenken gibt. Feldman thematisiert in ihrem Buch die Schuld ihrer kindlichen Lektüre im Kontrast zur chassidischen Vorstellung geradezu kindlicher Unschuld, vielleicht Naivität, die es um jeden Preis zu erhalten gilt. Unschuld durch Unwissenheit ist auch dem Christentum tief eingeschrieben, was natürlich in der Grundsatz-Geschichte von Adam Eva, dem Baum und der Schlange überdeutlich zu Tage tritt. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis beendet den Aufenthalt im Paradies. Kann man deutlicher werden? Wissen ist Schuld. Aber wie kann man unschuldig bleiben? Ist das überhaupt vorgesehen? Kindliche Unschuld ist gar nicht möglich, wo man die ausgefeilten Regeln kennen und beachten muss. Der hier mit dem Stichwort „Unschuld“ bezeichnete Zustand ist eine Utopie, das Leben mit diesem Ziel ist gekennzeichnet durch das permanente Bewusstsein zu versagen, oder zumindest die anhaltende Furcht davor. Die von der Ich-Figur erlebte und artikulierte Angst ist die individualisierte Form der allgemeinen Angst von der Gemeinde ertappt zu werden, nicht zu genügen, die zurück geht auf die Angst vor Verfolgung und Vernichtung in der Großelterngeneration.
      Ironischerweise ist es auch hier die Frau, die zur Frucht des Baumes der Erkenntnis greift und sie in Form dieses Buches dem Leser reicht, auf dass er die Welt um sich herum erkenne und ein jeder sich selbst erkennen möge. So wie aber der Vorgang des Erkennens in der Bibel auch eine sexuelle Komponente hat, wirkt sich der Themenkomplex von Wissen, Schuld und Gehorchen auch auf die Ordnung der Geschlechter bis hinein in das Intimleben der Figuren aus. Ein Intimleben aber, das von Angst und Unwissenheit geprägt ist, ist zum scheitern verurteilt oder kann sich doch zumindest nie wirklich entfalten.

Deborah Feldmann macht vor keinem Bereich des Lebens halt und schildert schonungslos alle Lebensbereiche dieser fremden Welt, in der selbst die dort hineingeborene Frau sich fremd fühlt, das macht Ihr Buch so faszinierend. Wenn es die Person der Autorin nicht gäbe, die für die autobiographische Authentizität der Schilderung bürgt, wäre die Geschichte zu literarisch um wahr zu sein: die unbedingte Konsequenz mit der eine so junge Frau die Befreiung aus dem orthodoxen Milieu entgegen der eigenen Ängste vollzieht, gestärkt durch die Lektüre von Büchern, das ist ganz große Literatur, die sich zufällig ins wahre Leben verirrt und sich doch in Form von Literatur selbst wieder begegnet.

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

► Belletristik

 

Roman, Buchbesprechung, Literaturkritik, Rezension, Religion,Deborah Feldmann: Un-orthodox
Originaltitel: Unorthodox
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Christian Ruzicska
Roman
gebunden
319 Seiten, mit Lesebändchen
Format (H x B x T): 209 x 135 x 24 mm
Gewicht: 496 g
erschien: 23.02.2016 (inzwischen: 5. Auflage)
Verlag: Secession Verlag für Literatur
ISBN 978-3-905951-79-0
Preis: 22,00 € (D), 22,60 € (A)

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