„Kampfsterne“ von Alexa Hennig von Lange

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Spieglein, Spieglein an der Wand…

Beklemmend ist der Roman „Kampfsterne“ von Alexa Hennig von Lange. Schauplatz des Geschehens von drei Familien mit jeweils zwei Kindern ist eine Siedlung, in der ausschließlich die wohnen, die es geschafft haben, die beruflich erfolgreich sind. Wie überall so gibt es auch in dieser Siedlung ungeschriebene Gesetze, die da lauten: mein Kind soll das Schönste, Musikalischste und Intelligenteste sein. Kontakte außerhalb der Siedlung gibt es so gut wie keine, nur einmal fährt man raus um die kleine entführte Alexa, die von allen nur Lexchen genannt wird, bei ihrer Großmutter abzuholen. Der Wohnort gleicht einer Mischung aus Tetris-Siedlung wie sie Jan Weiler in seinem KriminalromanKühn hat zu tun“ beschreibt und einer hermetisch abgeschlossenen Gegend wie im Roman „Die Donnerstagswitwen“ von Claudia Piñeiro.

Dass Fassaden mehr Schein als Sein sind, ist kein neues Thema, vielfach sind sie einem in der Literatur schon begegnet, insofern macht Alexa Hennig von Lange kein neues Fass auf. Die Besonderheit des Romans liegt wenn eher darin, dass drei befreundete Familien miteinander konkurrieren, ja, gar sich spinne feind sind, keiner gönnt dem anderen etwas, selbst das Opferdasein nicht. Alles kreist ständig um die Fragen, wer hat den liebsten Ehemann, wer hat die besten Kinder und wer hat die attraktivste Ehefrau, im Grunde dreht sich fast alles nur um oberflächliches Geschwätz. Sie leben fast alle immer nur darauf bedacht, wie sie von der Außenwelt wahrgenommen werden könnten, bis auf die Ausnahme Georg, doch der gehört auch nicht so richtig zur Community. Er ist Kulturwissenschaftler, ein ruhiger zurückgezogener Typ, lamentiert nicht lange sondern handelt lösungsorientiert, kümmert sich liebevoll um seinen behinderten Bruder.
     Es sind die Kinder, die den Schein ihrer Familien aufdecken, die die Brüchigkeit sichtbar machen, vor allem Constanze, genannt Cotsch, bringt mit ihrer derben intellektuellen Art ihre Mutter Ulla zur Verzweiflung. Constanze ist etwa 16, 17 Jahre alt, sexy und verzaubert mit ihrem Gesang die Menschen. Sämtliche Männer in der Siedlung begehren sie sexuell. Mit wie vielen Männern Constanze eine Affäre hatte, bleibt ihr Geheimnis.
    
Die Ehefrauen kommen im Roman nicht besonders gut weg, ihr Innenleben und ihr gelebter Alltag weisen besonders hohe Diskrepanzen auf. Hingegen ist man bei den Männern eher dazu geneigt, ihr Verhalten zu entschuldigen, auch dann, wenn sie wie Rainer ihre Ehefrau schlagen.
    
Dramatisch werden die Rissen in den Familien als Constanze von einem jungen Geigenlehrer vergewaltigt und ihre jüngere Schwester Alexa von einer Nachbarin entführt wird; beides geschieht am selben Tag.

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Für diesen Roman benötigt man vor allem Muße und einen möglichst klaren Kopf, um die Protagonisten zugeordnet zu bekommen. Man ist stellenweise darauf angewiesen, wer zu welcher Familie gehört und wie ihr außerfamiliäres Beziehungsgeflecht aussieht, beides kann man schnell aus dem Auge verlieren. Abwechselnd erzählen sie jeweils in der Ich-Perspektive ihre Version der Geschichte, keiner von ihnen hat einen eigenen Sound, sie verwenden alle dieselbe Sprache unabhängig von ihrem Alter und Geschlecht. Auf diese Weise werden schon mal merkwürdige Blüten getrieben, wenn die acht- und neunjährigen Kinder über das selbe Wissen und über dieselben analytischen Fähigkeiten verfügen wie ihre älteren Geschwister und ihre Eltern.
     Allzu hohe Erwartungen sollte man an den Roman nicht stellen, obgleich Alexa Hennig von Lange mehrmals ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Mit Geschlechterklischees räumt sie nicht auf. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass sie selbst mit den Figuren konkurriert, zumindest versucht sie zu beweisen, dass sie über allerhand Autoren Bescheid weiß, ihren Charakteren legt sie meist überflüssige literarische Bezüge in den Mund und selbst die kleine Alexa scheint schon ganze Bibliotheken gelesen zu haben.

© read MaryRead 2018

Rezension

Roman, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Literaturmagazin online, read MaryRead, geometrische Formen, Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne
Roman
gebunden, Leinen
224 Seiten
Format (H x B x T): 1180 x 190 x 25 mm
Gewicht: 292 g
erschien: 20.08.2018
Verlag: DuMont
ISBN 978-3-8321-9774-2
Preis: 20,00 € (D), 20,60 € (A)

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