„Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ von Alex Capus

Literarischer Diamant
Aquarell: „Die Tür zur Welt“, © Claudia Bröcher

Literarischer Diamant

Zu Beginn der Industrialisierung und in den 20er Jahren des gerade abgelaufenen Jahrhunderts ist allgemeine Aufbruchstimmung in Deutschland: sie glauben an die Zukunft, sie haben noch Illusionen. In beiden Zeiten werden die Menschen von der Realität eingeholt, die bittere Armut greift um sich.
     Während der Industrialisierung können die Menschen als Leibeigene den Fürsten entrinnen, um als Arbeitssklaven zu enden. In der Weimarer Republik ist gesellschaftlich und politisch alles offen und sie mündet in eine nie dagewesene grausame Diktatur.
    
In welchen Formen Illusionen platzen können, erzählt Alex Capus in seinem Roman Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer.

Im Mittelpunkt des Romans stehen drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Felix Bloch, der etwas Zweckfreies und bloß kein Studium im technischen Bereich machen möchte, wird Physiker. Wie sich später herausstellt, ist er jüdischer Herkunft und muss unter dem Nazi-Regime den deutschen Sprachraum verlassen und geht in die USA.
     Laura d`Oriano träumt von einer großen Sängerinkarriere, wird aber Sängerin für alleinstehende Männer. Von ihrer angeheirateten Familie ausgestoßen, kehrt sie zurück nach Südfrankreich, um ihr Dasein zu fristen.
    
Emile Gilliéron ist ein hervorragender Maler, doch seiner Begabung schenkt er wenig Beachtung. Er wird im 19. Jahrhundert von Heinrich Schliemann angeworben und geht mit ihm nach Griechenland.

So unterschiedlich die drei Hauptpersonen in ihren Charakteren sind, so verbindet sie, dass sie das Beste, was sie in ihrer jeweiligen Situation tun können, für sich herausholen. Es sind drei völlig verschiedene Lebenswelten, in denen sie leben, aber sie sind alle Außenseiter. Alle drei sind keine nachhaltigen Berühmtheiten, obwohl sie teilweise mit berühmten Persönlichkeiten einen alltäglichen Umgang haben.
     Emile Gilliéron arbeitet mit dem Milliardär Heinrich Schliemann, doch als der reiche Mann stirbt, verblasst für die Nachkommen seine Leistung. Die Leistung besteht darin, dass Emile Gilliéron die archäologischen Funde kreativ malt. Wäre Schliemann als Archäologe ohne den kreativen Kopf denkbar? Aus Pragmatismus wird der gleichnamige Sohn Emile Gilliéron zum guten Fälscher. Apropos Fälscher: Ab wann kann man einen Menschen als einen Fälscher bezeichnen? Ist man ein Fälscher, wenn man in der Absicht handelt, dass man etwas nachbaut um es dann zu einem lukrativen Preis zu verkaufen? Oder sind Zwischenhändler Fälscher, die beim Verkauf der Ware geflissentlich vergessen zu erwähnen, dass es sich um eine Nachbildung handelt?
    
Felix Bloch hat Umgang mit Werner Heisenberg und Robert Oppenheimer, er erhält sogar 1952 den Nobelpreis für Physik, doch heutzutage kennen nur die Wenigsten seinen Namen. Er wird auf Wunsch des Präsidenten Roosevelt am Bau der Atombombe beteiligt sein.
    
Als der Faschismus immer mehr um sich greift, wird die Sängerin Laura d`Oriano zu einer Spionin und wird dafür in Italien hingerichtet. Selbst die Frauenbewegung hat sie nicht im Bewusstsein, obwohl sie ein ausgezeichnetes Vorbild wäre.

Dieser spannende Roman, der viele biografische Elemente beinhaltet, stellt dar, wie Menschen an und für sich Helden sind und dennoch von der Nachwelt vergessen werden. Alex Capus macht deutlich – so ähnlich wie in den Werken von Friedrich Dürrenmatt das nur noch der Fall in die Komödie bleibt – wie eigentliche Helden zu Antihelden werden, dass nur noch der Fall vom Helden zum Antihelden möglich ist.
     Die Frage, warum die einen zu Ruhm gelangen und die anderen in Vergessenheit geraten, bleibt offen.

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Der Roman lässt sich flüssig lesen und wie man es von Alex Capus gewohnt ist, stilistisch gut ausgearbeitet und dennoch hat der Schriftsteller mit diesem Roman Neuland betreten. Er lässt den Leser zunächst etwas ratlos zurück.
     Das Buch ist geschickt aufgebaut: Die drei Personen agieren unabhängig voneinander aber für alle drei geht es um Wurzeln, Identität, kurzum, um Heimat: Die Sängerin kehrt in ihre Heimat zurück, der Maler lernt erst gar nicht das Land seiner Vorväter kennen und der Physiker muss sein Geburtsland verlassen.
    
Beim Thema „Heimat“ deutet sich ein Drei-Stufen-Modell schon an. Dieses Modell zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, der in sehr unterschiedlichen Facetten auftaucht.

Der Leser wird von Beginn an in eine spannende und interessante Handlung gezogen und will den Berührungspunkt der drei Protagonisten erfahren.
     Nach dem Lesen der letzten Seite braucht man Zeit, um die Facetten zu begreifen und sobald man beginnt, den Roman in seiner Tiefe zu erfassen, löst sich die zuerst entstandene Ratlosigkeit auf und der literarische Diamant beginnt zu glänzen.

© read MaryRead 2013

Belletristik

Roman, RezensionAlex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer
Roman
282 Seiten
gebunden
erschien: 29.07.2013
Verlag: Carl Hanser 
ISBN: 978-3-446-24327-9
Preis: 19,90 € (D), 20,50 € (A)

Angaben zum Taschenbuch:
288 Seiten / Taschenbuch / erschien: 17.12.2014
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv) / ISBN: 978-3-423-14374-5
Preis: 9,90 € (D), 10,20 € (A)

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