Nachruf: Tomi Ungerer

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Der Mondmann nimmt Abschied und die drei Räuber ziehen den Hut / © read MaryRead

Ironie war sein Lebenselixier

In den Fernsehnachrichten am Samstag, den 9. Februar 2019 erfuhr ich (so wie viele andere auch) vom Tod Tomi Ungerer. Mit seinen Illustrationen für Bilderbücher kam ich als erstes in Berührung, später bekam ich von dem einen oder anderen mit, dass man sich an seinen Grafiken rieb, zuweilen wurden sie gar als obszön bezeichnet. Nun ja, mit freizügiger Sexualität kann man die Menschen immer noch schocken, auch im 21. Jahrhundert.
     Abends zappte ich mich durch die Sender und blieb beim deutsch-französischen Sender arte hängen, die derzeit eine 15minütige Hommage in ihrer Mediathek über Tomi Ungerer haben. In dieser Hommage erfährt man unter anderem, dass er sich zum Teil für seine Illustrationen vom Elsass inspiriert wurde. In Colmar wuchs er auf, eine kleine Stadt, die zuweilen auch als Kleinvenedig bezeichnet wird, scheint im Mittelalter stecken geblieben zu sein. Es ist eine gemütliche kleine Stadt, in der es dennoch eine Menge zu entdecken gibt, für Fotografen und Künstler eine kleines Eldorado. So ist es wenig verwunderlich, dass die Kulisse von Colmar sich in einigen Illustrationen von Tomi Ungerer spiegeln, wie in seinem Märchenbuch und Liederbuch. Ebenso finden seine Kindheitserlebnisse, von wohlbehalten bis zum Einmarsch der Deutschen in den Elsass seinen Widerhall. Der Schrecken der Nazis war eines der großen Themen von dem französischen Schriftsteller. Angsteinflößende Figuren sind in fast allen seinen Büchern zu finden, doch diese werden besiegt.

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     Neben seinem enormen Bildervermächtnis war er auch als Bildhauer tätig, wie man in seiner Geburtsstadt Straßburg eines seiner Entwürfe bewundern kann. Der Kopf ist ab oberhalb des Mundes zu sehen, man könnte es als Sprachlosigkeit deuten oder, wie es Tomi Ungerer sah, dass jede Sprache seine Berechtigung hat. Seinen Ursprung für „Fontaine de Janus“ ist in der deutschen Besatzungszeit zu finden, als den Elsässern verboten wurde, französisch zu sprechen.
     Besucher des Elsass, vor allem rund um Colmar, können in Gaststätten häufig eines seiner Werke bewundern. Diese stammen vermutlich aus einer Zeit, als Tomi Ungerer ziemlich klamm war und mithilfe seiner Bilder seine Mahlzeit bezahlte. Dann wurde es ihm zu eng und er ging 1956 nach New York, wurde dort sehr erfolgreich bis er die lustvolle Sexualität in seinen Zeichnungen aufnahm und es dann auch noch wagte, Kritik an Amerika zu üben. Um Ruhe zu finden, zog er zunächst nach Kanada, 1976 kehrte er nach Europa zurück, lebte teilweise in Straßburg und Irland. In Irland verstarb er im Alter von 87 Jahren.
    
Ironie der Geschichte ist, dass Tomi Ungerer in Frankreich nicht einen ganz so hohen Bekanntheitsgrad genießt, wie in den USA und Deutschland. Doch Ironie war ja bekanntlich sein Lebenselixier.

© read MaryRead 2019

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