Nachruf: Mirjam Pressler

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Mirjam Pressler, Herbst 2018 / © read MaryRead

Eine bewundernswerte Schriftstellerin ist von uns gegangen

Am Mittwoch Nachmittag kehrte ich nach einem Gespräch mit einer Buchhändlerin in die Redaktion zurück. Noch war ich gedanklich im Gespräch, öffnete nichts ahnend den Mail-Account, blieb an der Pressemitteilung aus dem Beltz & Gelberg Verlag hängen. Bevor ich die Mitteilung las, dachte ich, es sei eine Ankündigung über das neue Buch „Dunkles Gold“ von Mirjam Pressler, wann es konkret erscheinen wird. Anstelle der Ankündigung war es die Mitteilung, dass Mirjam Pressler am 16. Januar 2019 gestorben ist. Mir ging es durch und durch, stöhnte kurz auf und murmelte laut vor mich hin: Oh nein!

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Wie schon häufig in der Vergangenheit, wenn mich die Todesnachricht von guten und wichtigen Schriftstellern unserer Zeit erreicht, stand ich auf, ging zum Regal, zog das eine oder andere Buch von Mirjam Pressler hervor, blätterte darin, las hie und da eine Stelle. Ich war nicht richtig bei der Sache. Stattdessen hatte ich das Bild, welches sie bei mir durch ihre Lesung an der Universität Siegen im vergangenen Herbst hinterließ, im Kopf. Ich erinnere mich, wie sie den Seminarraum betrat, die Studierenden ihr mit wohlwollenden neugierigen Blicken verfolgten, als sie sich an den ihr zugewiesenen Tisch setzte. Im ersten Augenblick war ich mir nicht sicher, ob es sich tatsächlich um Mirjam Pressler handelte, hatte ich sie doch anhand der kursierenden Bilder im Netz anders abgespeichert, jünger, mit längerem Haar. Als sie den Raum betrat, wirkte sie auf mich zunächst alt, gebrechlich, doch als sie zu erzählen begann, erlebte ich eine Autorin voller Lebensfreude, ihre Augen sprühten vor Lebensenergie, dass sie möglicherweise krank sein könnte, schob ich in die Kiste des Irrtums.
     Nun muss ich davon ausgehen, dass mich der erste Eindruck nicht täuschte, dass sie bei der Lesung im vergangenen Herbst schon längst schwer krank war. Habe ich sie schon zuvor bewundert, so bewundere ich sie mit dem diesem Wissen noch viel mehr. Sie war hochkonzentriert, mit hoher Aufmerksamkeit ging sie auf die Fragen der Studierenden ein und war dabei durch und durch gelassen. Sie, die ihren Tod vielleicht schon erahnte, hatte offenbar Frieden mit ihren Lebensereignissen geschlossen, zugleich war sie voller Engagement für all jene, die unterdrückt wurden und werden.

Es macht mich glücklich, dass ich Mirjam Pressler im vergangenen Herbst erleben durfte und ja, auch wenn es wie eine Phrase klingt, weil diese Worte von so vielen in den Mund genommen werden, ihre Stimme, ihr geschriebenes Wort wird fehlen. Ihre Geschichten über jüdische Kinder bleiben, doch wer wird diesen Geschichten neue hinzufügen, wer wird sie dem Vergessen entreißen?

© read MaryRead 2019

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