Nachruf: Hermann Kant

Der ordentliche Schriftsteller-Schuft ist gestorben

Nachruf, 2016 gestorben, Schriftsteller, DDR,

ADN-ZB/Brüggmann- 21.4.1986 – Hermann Kant, Schriftsteller, Mitglied des ZK der SED, Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR, Abgeordneter der Volkskammer der DDR.
Aufn. 5.10.1982

Im Alter von 90 Jahren starb der Schriftsteller Hermann Kant in den Morgenstunden des 14. August 2016. Am Mittag des gleichen Tages verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer und nur wenige Stunden später braucht man nur seinen Namen in die Suchmaschinen des Internets einzugeben, schon erhält man die Nachricht in zig-verschiedener Form, die ersten Nachrufe sind ebenfalls schon zu lesen. Jemand, der mit dem Namen Hermann Kant nicht allzu viel anzufangen weiß, könnte annehmen, dass ein Star, eine bekannte Persönlichkeit aus der Politik oder aus der Gesellschaft gestorben sei. Und die letzte Annahme könnte mehr zutreffen, als es auf den ersten Blick scheint.

Geboren wurde Hermann Kant am 14. Juni 1926 in Hamburg. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Als er etwa 14 Jahre alt war, nahm die Gefahr der Bombardierung der Stadt Hamburg immer mehr zu und so entschloss sich die Familie, ihre wenige Habe zu packen und nach Parchim zu ziehen. Dort wurden sie von einem nahen Verwandten erwartet, der sie mit dem Notwendigsten versorgte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs geriet Hermann Kant als Soldat in die polnische Gefangenschaft. In dieser Zeit begann seine politische Tätigkeit als Antifaschist, er begegnete Anna Seghers, holte nach der Haft sein Abitur nach, studierte Germanistik in Berlin.
     Im Rahmen von Zeitzeugen-TV sagte der Schriftsteller über seine Kindheit folgendes:

Auch wenn das familiäre Umfeld zwar einen Zusammenhalt kannte, so war es dennoch nicht vorhersehbar, dass Hermann Kant sowie sein Bruder den schriftstellerischen Weg einschlagen würden. Sein erster Erzählband Ein bißchen Südsee erschien 1962, mit seinem Roman Die Aula von 1965 wurde er in Ost- und Westdeutschland bekannt. Je nach politischem System fiel die Lesart aus. In der ehemaligen DDR wurde vor allem die Entwicklung der Protagonisten hin zum Sozialismus positiv bewertet, in der BRD hingegen sah man darin zu wenig Wahrheit über die Realität. Auffällig ist, dass man sich Hier wie Dort an der Satire stieß. Hermann Kant ist zwar einer der umstrittensten Schriftsteller der Gegenwart, vor allem hinsichtlich seiner politischen Tätigkeit, dennoch hielt er nicht durchweg an dem sozialistischen Held fest, wie der Roman Der Aufenthalt von 1976 beweist.
     Alle seine Werke weisen starke autobiografische Bezüge auf. Man kann sich nicht dem Gedanken erwehren, dass sich hier einer abgearbeitet hat, abgearbeitet an seiner persönlichen Biografie, abgearbeitet an den gegenwärtigen Umständen, abgearbeitet im Allgemeinen und im Besonderen, aber immer mit einem Schuss Ironie. Die Ironie war sein ständiger Begleiter, so auch bei der beschriebenen Recherche-Arbeit im Roman Kino von 2005. Darin setzt sich mitten in seiner Geburtsstadt in die Fußgängerzone der Schriftsteller Hermann Kant, beobachtet dabei die Vorübergehenden. Dieter Hildebrandt nannte ihn deshalb den Don Quichotte des Sozialismus in Die Zeit vom 2. Juni 2005. Marcel Reich-Ranicki beschrieb ihn mal als „ein vorzüglicher Spaßmacher“, Christoph Geiser umschrieb ihn als „Feuerwerk der literarischen Einfälle“.

Mehr über Hermann Kant:
> zum 90. Geburtstag

Von jedem bekannten Schriftsteller, der in einer Diktatur lebt und arbeitet, wird erwartet, dass er eine klare Gegenposition zum Regime einnimmt und so wird jedes Buch inner- und außerhalb der Diktatur genauestens unter die Lupe genommen und bewertet, die eigentliche literarische Kunst tritt dahinter zurück. Ebenso wird jede politische Handlung oder deren Unterlassung von außen betrachtet und je nachdem geht der Daumen nach oben oder nach unten. Die Beobachter wissen auch sehr genau, wer die richtige Überzeugung hat und wer eine falsche. Das bleibt solange für den Autor ohne Belang, wie ein Regime existiert, bricht dieses zusammen, wird abgerechnet. Christa Wolf und Stefan Heym haben es bitter zu spüren bekommen, ebenso Hermann Kant. Zwischentöne werden von den Außenstehenden geflissentlich überhört. So sind auch die Worte von Hermann Kant, nachdem seine Mitarbeit im Staatssicherheitsdienst an die Öffentlichkeit gelangte, fast vergessen: „Und dass ich jenseits von allem anderen Gut und Böse hin und wieder gesagt kriege: Schuft magst du ja wohl sein, aber schreiben kannst du ganz ordentlich! Das reicht mir!“1  Schreiben konnte er ganz ordentlich.

Hannah Tiger
© read MaryRead 2016

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1 (): Matthias Eckold: „Ein bisschen was extra braucht man“. Der Schriftsteller Hermann Kant, Deutschlandradio Kultur, zuletzt besucht am 15.08.2016


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