Der Herr ist mein Hirte – Martin Luther sein Stichwortgeber

Der Herr ist mein Hirte – Martin Luther sein Stichwortgeber

Der Herr ist mein Hirte – Martin Luther sein Stichwortgeber

Martin Luther
Porträt von 1528, Lucas Cranach der Ältere

Religiöse Menschen verbinden mit dem 1546 verstorbenen Martin Luther Gedanken über sein Verhältnis und seine Prägung der christlichen Kirche(n) in Deutschland, mit unterschiedlichen Vorzeichen. Für Menschen ohne nennenswerte religiöse Bindung ist er der dickliche Mönch mit der komischen Mütze, der die christliche, also hier die katholische, Kirche gespalten hat. Selbst völlig ignorante Zeitgenossen wissen oft noch, dass Luther als Urheber der Reformation gilt. Für Menschen mit einem Hang zum Pathos und einem Bewusstsein für Sprachgeschichte und Sprachentwicklung hingegen ist er, blumig gesprochen, der Stichwortgeber Gottes.
     Dass er die Bibel übersetzte, gehört – in Maßen – noch zum allgemeinen Bildungsstand der Normalbevölkerung mit Schulabschluss. So wurde er 1521 entführt und auf der Eisenacher Wartburg festgesetzt, in Schutzhaft genommen, gewissermaßen, wo er etwa ein Jahr als „Junker Jörg“ lebte. Er übersetzte zunächst das Neue Testament und in den Folgejahren auch das alte Testament ins Deutsche. Mit großem Erfolg und nachhaltiger Wirkung, wie sich zeigte. Luther als Stichwortgeber Gottes zu bezeichnen meint natürlich nicht, zu unterstellen er hätte den Text selbst beeinflusst, doch er hat dem Inhalt eine neue Form und den Deutschen erstmals einen Bestseller in ihrer eigenen Sprache verschafft.

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 Luther mag nicht der einzige und nicht der erste Übersetzer der Bibel in die deutsche Sprache gewesen sein, aber er lieferte die Übersetzung, die bestand hat und verdeutlicht damit Essentielles: erstens muss eine Schrift zur richtigen Zeit am richtigen Ort entstehen und zweitens kann auch die dringlichste Botschaft für das Seelenheil nicht die Massen bewegen, wenn das WIE nicht stimmt. Kurz: auch der um seine Seele besorgte Normaluntertan möchte unterhalten werden, Spannung, Furcht und Erlösung schon beim Lesen unter den Fingerspitzen und Fußsohlen spüren können. Die bekannte Wendung Luther wolle „dem Volk aufs Maul schauen“ machte seine Übersetzung zum Erfolg und prägte en passant die deutsche Sprache nachhaltig. Und was haben wir Luther nicht alles zu verdanken: die Durchsetzung mittel- und norddeutscher Sprachformen, die in Süddeutschland eher unüblich waren, wie etwa Ernte (statt Schnitt), Hügel (statt Bühel), Lippe (statt Lefze), Peitsche (statt Geißel), Stufe (statt Staffel), Topf (statt Hafen), Träne (statt Zähre), Ziege (statt Geiß). Seltener bevorzugte er süddeutsche statt mittel- und norddeutscher Formen, wie etwa Schwanz (statt Zagel). Wir verdanken ihm Impulse für Wortschatz (Feuertaufe, friedfertig, Bluthund, kleingläubig, Selbstverleugnung, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Gewissensbisse, Lästermaul und Lockvogel), Satzbau und besonders auch für den Sprichwortschatz des Deutschen: „Ein Dorn im Auge“; „der Geist ist willig aber das Fleisch ist schwach“, „wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, „sein Licht unter den Scheffel stellen“, „mit seinem Pfunde wuchern“, „sein Scherflein beitragen“, „Perlen vor die Säue werfen“, „ein Buch mit sieben Siegeln“, „die Zähne zusammenbeißen“, „etwas ausposaunen“, „im Dunkeln tappen“, „ein Herz und eine Seele“, „auf Sand bauen“, „Wolf im Schafspelz“, um nur manche zu nennen. Luthers Ausdruck ist bildreich und daher leichter verständlich. Das machte Luther langfristig nicht nur zu einem der bekanntesten Theologen der Kirchengeschichte, sondern über das Relais der Sprache als Kernthema des Nationalismus und über seine schiere Bekanntheit auch zu einer Art nationalem Mythos und einem Vorkämpfer deutscher Sprache.
    
In diesem Sinne ist das Sprechen ohne Luther gar nicht mehr möglich, zumindest in deutscher Sprache. Er hat seine Ausdrücke, Formulierungen und Bonmots uns allen in den Mund gelegt, angefangen bei der höchsten Instanz…

– Simone Jawor –
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