„Otto, die kleine Spinne“ von Guido van Genechten

Genechten_Otto, die kleine Spinne

Au revoir und Goodbye

Spinnen gehören nicht gerade zu den beliebtesten Tieren in Europa. Bei manch einem ruft sie sogar Ekel hervor. Sie sind nahezu auf jedem Flecken dieser Erde zu finden und die jeweilige Reaktion der Menschen hört sich in den verschiedenen Sprachen unterschiedlich an. In dem mehrsprachigen Bilderbuch Otto, die kleine Spinne von dem niederländischen Autor Guido van Genechten wird man über die verschiedenen Ausrufe überrascht sein.

Die freundliche Spinne ist in der Handlung von Guido van Genechten kugelrund. Sie hat ein bisschen Ähnlichkeit mit den kleinen süßen kleinen Monstern oder Außerirdischen (wie Der Galimat und ich von Paul Maar), die man aus Kinderbüchern kennt. Wie jede Spinne hat auch Otto acht Beine, wobei er davon zwei Beine als Arme benutzen kann. In dem einen Fuß / in der einen Hand trägt er von Beginn an eine Papierrolle, die umwickelt ist mit einem roten Geschenkbändchen.

Man ist einiges aus Kinderbüchern gewohnt: aus gefährlichen Tieren werden handzahme wie der Bär, anderen Tieren wird eine Klugheit nachgesagt wie dem Fuchs. Dass Tiere sprechen können, ist in Erzählungen für Kinder völlig normal.
     Die Aufmerksamkeit wird häufig auf große Tiere gelenkt oder auf Tiere, die in einigen Haushalten zu finden sind, wie Hunde oder Katzen. Insekten
finden selten Platz in Bilderbüchern und kommen allenfalls als Randfigur vor. Von daher ist es ungewöhnlich, dass eine Spinne zur Protagonistin eines Bilderbuchs wird.
     Der Schriftsteller und Illustrator, der 1957 in der Stadt Mol geboren ist, erzählt im Grunde aus dem Leben der Menschen, die in Kontakt mit Spinnen geraten. Ähnlich wie die Menschen reagieren die Insekten in der tirozinierten Fabel. Die Heuschrecke, die Biene und der Schmetterling sind angewidert, andere Tiergattungen wie Weichtiere und zwittrige Wenigborster reagieren massiv auf die Spinne. Dabei werden Schnecken von uns Menschen als besonders eklig empfunden. Regenwürmer werden jedoch seit den Untersuchungen von Charles Darwin als sehr nützliche zwittrige Wenigborster eingestuft und stehen somit unter besonderem Schutz, im Gegensatz zu Spinnen. Das Spinnen ebenfalls sehr nützliche Tiere sind, die massenweise Insekten fressen, hat sich noch nicht weit herumgesprochen. Ohne Spinnen hätten wir jedes Jahr mindestens eine Plage.

Wenn man die übersichtlich gestalteten Illustrationen mit den jeweiligen Aussagen der Tiere vergleicht, fragt man sich, inwieweit dieses Tier auf die Spinne reagiert oder ob es eine Aussage über sich selbst trifft. Bienen beispielsweise gelten als nützlich, aber auch als sehr unangenehm, wenn sie zur ihrer Verteidigung zustechen. Guido van Genechten hat in der monoszenischen Darstellung der Biene eine große rote Nase gemalt. Sie wirkt somit als aggressiv und gefährlich. Die Biene spricht über die Spinne, betitelt sie als ein „schwarzhaariges Monster“. Oder die Schnecke, die man im Alltag als schleimig wahrnimmt und manchmal wird sie als ein „schleimiges fieses Etwas“ bezeichnet, reagiert im Bilderbuch mit den Worten: „fieses fettes Etwas“.

Woher kommt die Ablehnung von Spinnen?
     Zum einen hängt es mit ihrem Körperbau zusammen. Häufig haben Spinnen neben ihren acht Beinen auch acht Augen. Diese Tatsache macht sie schon etwas unheimlich. Zum anderen spinnt sie Netze, die häufig giftige Substanzen enthalten, die für viele Insekten tödlich sind. Einige Arten sind aus menschlicher Sicht besonders perfide. Die schwarze Witwe beispielsweise ist ein Synonym für Unterdrückung der Männlichkeit, da sie nach dem Geschlechtsakt das Männchen auffrisst.
In der Literatur wird die Spinne des Öfteren als ein Symbol des Unheimlichen, des Undurchschaubaren, die aus dem Hinterhalt ihre Feinde angreift, verwendet. Ein Beispiel dafür ist der Horror-Roman Es von Stephen King, in der eine große Spinne unterhalb einer Stadt in einer großen Höhle lebt und wer ihr zu Nahe kommt, hat sein Leben verwirkt.
Spinne suggeriert Fessel, Schlinge und die ‚Falle des Teufels‘. Wir sprechen von Netzen der Verschwörung und Lügen. Unsere unglückseligen Verstrickungen in Missverständnisse entsprechen den Angelegenheiten derSpinne‚.“1 

  Zum anderen opfern sich einige Arten zugunsten ihrer Nachkommen, indem sich die Mutter von den Frischgeschlüpften auffressen lässt.
     Diese Kehrseite spiegelt sich ebenfalls in der Literatur. Als die Heilige Familie (Maria und Josef mit ihrem Kind Jesus) laut des Matthäus-Evangelium vor Herodes nach Ägypten fliehen, dichtet man später hinzu, dass sie durch eine Spinne und ihrem Netz geschützt waren.
Da sie die Fäden ihres Netzes aus sich selbst hervorbringt wie die Sonne ihre Strahlen, ist sie auch ein Sonnen-Symbol, das Netz kann unter diesem Gesichtspunkt auch die Emanation des göttlichen Geistes symbolisieren.“2 

     Spinnennetze üben auf den Menschen eine Faszination aus. Oft finden wir sie schön, vor allem dann, wenn Tautropfen daran perlen.
     Zudem liefern einige Arten durch ihre Netze den Rohstoff Seide. „Bei der Seiden-Gewinnung werden bei der Verpuppung der Maulbeerspinnerraupe (edle Seide) oder der Eichenspinnenraupe (wilde Seide) entstandenen Kokons in heißem Wasser eingeweicht, abgehapselt und die Fäden zum Strang gezwirnt.“3 Echte qualitativ gute Seide ist bis heute eine der teuersten Stoffe. In der Antike ließen sich die chinesischen Könige darin einkleiden. Die alten Handelsstraßen zwischen China und Syrien bezeichnet man bis heute als Seidenstraßen.
Im Laufe der Zeit hat sich das Schreckensszenario über die „Mutter der Weber
2b in unserem Denken sich immer mehr durchgesetzt, hingegen sind die Netze unter Fotografen ein willkommenes Objekt.

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Neben der ungewöhnlichen Wahl des niederländischen Autors, die charmante Spinne in den Mittelpunkt eines Bilderbuchs zu rücken, bricht der Schriftsteller mit literarischen Stilmitteln wie der Dreierkonstellation. In einigen literarischen Texten müssen die Helden drei Aufgaben lösen wie in den Volksmärchen oder es sind drei Personen, die eine Einheit bilden wie die Heilige Familie. Otto hingegen begegnet fünf Tieren und nimmt sechs Anläufe um von sich zu sprechen.

Die Darstellungen sind an dem Genre Comic angelehnt. In Sprechblasen ist der jeweilige Dialog zwischen den Tieren zu lesen, dass heißt, die Illustrationen ergänzen den Text und umgekehrt.
     Otto verabschiedet sich von seinen Lesern in verschiedenen Sprachen: „!وداعاً“ (arabisch), „Au revoir!“ (französisch), „Adiós!“ (spanisch), Hoşşakal! (türkisch), „Arrivederci!“ (italienisch), „Do zobaczenia!“ (polnisch), „Довиждане!“ (bulgarisch), 再见 (chinesisch), La revederre! (rumänisch) und auf EnglischGoodbye!“

Meisterhaft ist die Wahl der sympathischen Spinne, meisterhaft ist der Einsatz von sprachlichen Stilmitteln, aber absolut meisterhaft ist das Ende des mehrsprachigen Bilderbuchs, dass kein Happy End hat und dennoch liegt ein glückliches Ende vor.

 © read MaryRead 2015

Kinderbuch


 

Au revoir und Goodbye, mehrsrpachiges Bilderbuch

 

 

Guido van Genechten: Otto, die kleine Spinne
In elf Sprachen
Originaltitel: Jonnie
Illustration: Guido van Genechten
Übersetzung ins Deutsche: Eva Schweikart
Übersetzung ins Arabische: Lobna Abdolla-Hadeed
Übersetzung ins Bulgarische: Rossitza Yotkovska
Übersetzung ins Chinesische: Minya Lin
Übersetzung ins Englische: Birgit Grischow
Übersetzung ins Französische: Djenabou Diallo Hartmann
Übersetzung ins Italienische: Maria Francescatti
Übersetzung ins Polnische: Ewa Mazurek
Übersetzung ins Rumänische: Mădălina Sander
Übersetzung ins Spanische: Ramona Blanco Garcia-Wolff
Übersetzung ins Türkische: Aylin Keller
Alter: ab 3 Jahre
28 Seiten
gebunden
erschien: 08.04.2015
Verlag: Talisa
ISBN: 978-3-939619-46-8
Preis: 21,50 € (D), 22,20 € (A)

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1 Ami Ronnberg: Das Buch der Symbole, Taschen Verlag – Köln 2011, S. 222, Spalte 1
2, b Udo Becker: Lexikon der Symbole, Herder – Freiburg – Basel – Wien, 1998 (7), S. 283, Spalte 2
3 Das aktuelle Universallexikon in 8 Bänden, Lingen Verlag – Bergisch Gladbach 1994, Bd. 7, S. 1655, Sp. 1


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