Literacy – Kindern Literatur erschließen: Leseförderung

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Inhaltsverzeichnis:

Über das Vorlesen
> Kopf-Kino für Kinder: Vorlesen mit Cherno Jobatey

Spielbilderbücher
> Kein Pappenstiel
> Mit Büchern spielen
> Vorlesen für Kinder: Reiner Kunze zu Gast bei der Kinderlehrkirche Memmingen
> Und was leisten Bilderbücher sonst noch?

Pädagogische Hilfestellung

Maßnahmen des Vorlesers
> Vorlesetipps von „Lesestart“: Jeder kann vorlesen
> Und hier ein paar Tipps für Bücher zum Vorlesen

Einzelnachweise

Über das Vorlesen

Bildung ist seit einigen Jahren immer wieder ein Thema und das nicht nur zu Wahlkampfzeiten. Ein Schlüssel für eine gute Bildung ist die Heranführung an das Medium Buch im frühen Kindesalter, gleichzeitig ist es eng mit der Leseförderung verknüpft. Zwar wird ein Kindergartenkind nur seltenst die Buchstaben entziffern können, aber es dechiffriert die Illustrationen, es lernt zu verstehen, wie Bilder richtig gedeutet werden, in welchem Zusammenhang die Details stehen. Das Vorlesen unterstützt diese Fähigkeit, aber das Vorlesen und Bilderbücher bieten noch mehr.

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth sieht den Wert des Vorlesens darin, dass Kinder mit Wissen in Berührung kommen, an das sie anknüpfen können. Kinder freuen sich, wenn sie in der Wirklichkeit etwas wieder erkennen, was sie zuvor durch ein Kinderbuch kennengelernt haben und umgekehrt. Das können alltägliche Situationen wie Straßenverkehr, Entdeckung des eigenen Körpers sein oder außergewöhnliche Begebenheiten wie ein Zoobesuch.

Bewusstseinsinhalte werden umso effektiver im Gedächtnis niedergelegt, je anschlussfähiger sie sind, also je mehr Vorwissen vorhanden ist.“1aa 

Anders ausgedrückt: Desto häufiger ein Kind mit Sachkenntnissen in Berührung kommt, umso eher kann es sich diese merken. Solche Beobachtungen kann man sehr gut an sich selber feststellen: uns fällt es leichter die Dinge zu merken, die wir zugeordnet bekommen, die an ein Vorwissen anknüpfen, während wir uns mit völlig neuen Themen schwer tun.

Manfred Spitzer vom Transferzentrum für Neurowissenschaften in Ulm und Autor zahlreicher Bücher, setzt sich seit etlichen Jahren mit dem Lernen im Kleinkindalter auseinander, hat hierzu mehrere Beiträge für digitale Medien veröffentlicht, zuletzt „Wie zweijährige lernen“ (2013). Für ihn ist klar:

Neue Informationen bewegen sich im Gehirn auf Spuren, die man sich bildlich als Trampelpfade vorstellen kann. Je mehr eigene Erfahrungen ein Kind macht, desto schneller werden die Trampelpfade zu Straßen und schließlich zu Autobahnen ausgebaut und somit Informationen schneller und leichter verarbeitet.“1ab

Kleinkinder nehmen zunächst Bilder wahr, aus denen werden Worte und später werden daraus Geschichten. Mithilfe von Sprache und Geschichten können sich Kinder besser in der Welt zurechtfinden.1ac

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man Kinder an Büchern heranführen kann:
– durch Vorlesen, gemeinsam Bilder anschauen
– ein Kind betrachtet selbstständig die Bücher
– mit einigen Büchern können Kinder spielen, weil diese beispielsweise reißfest sind oder da sie dreidimensional angelegt sind

Kopf-Kino für Kinder: Vorlesen mit Cherno Jobatey

Spielbilderbücher

Kein Pappenstiel

Unter dem Begriff Elementarbücher“ werden sämtliche Kinderbücher zusammengefasst, die mit einer sehr schlichten Illustration und meist ohne Text ausgestattet sind. Es sind Darstellungen aus dem Alltag eines Kleinkindes, wie Ball, Ente, Auto etc. auf einfarbigem Hintergrund. Diese Bücher können aus weichem kuscheligem Stoff sein oder in Form von Buggybüchern, aus Holz oder Pappe.
     Zuweilen sind die Stoffbilderbücher mit Seidenpapier ausgestattet, das beim anfassen raschelt. Mithilfe des akustischen Reizes kann die Neugier auf das Buch zusätzlich geweckt werden. Andere Bücher haben aufgesteckte Figuren, die zum abtasten einladen.1ba
    
Pappbilderbücher haben abgerundete Ecken, sind „speichel- und schweißecht“. Manch ein Pappbilderbuch enthält eine kurze einfache Geschichte.1bb
    
Auf Kinder übt es eine Faszination aus, wenn Erwachsene eine Hand in den Kopf eines Stofftieres stecken, wenn es „nach rechts und links“, nach „oben und unten“ bewegt wird, „während sich das Umfeld durch umblättern der Seiten verändert“. Geschichten werden somit erfahrbar, selbst wenn es den Text noch nicht versteht.1bc

Auch diese einfachen Abbilder müssen von Kleinkindern verstanden werden, sie werden von ihnen mit ihrer Erfahrungswelt abgeglichen, ein- und zugeordnet, alles erste Schritte für das spätere Lesen.

Mit Büchern spielen

Manchmal entsteht durch das Aufklappen eines Bilderbuchs ein dreidimensionaler Raum mit Figuren, Häusern u.v.m. Je nach Machart laden sie zum Theaterspiel ein indem man Figuren durch den Raum bewegt, bei anderen kann der Betrachter Teil der Handlung werden.
     Eine weitere Variante sind solche Kinderbücher, deren Seitenbreite der Buchblätter unterschiedlich groß sind und ähnlich wie ein Daumenkino funktionieren.
    
Und dann gibt es auch solche, an denen man seitlich, unten oder oben an einer Masche ziehen kann, sodass sich Positionen einzelner Figuren verändern und ggf. auch die Handlung.

All diese Bücher werden unter der Sammelbezeichnung Pop-up-Buch“ zusammengefasst, die im Bereich fiktiver Handlungen genauso anzutreffen sind wie im Bereich Sachbuch, auch einige moderne Kinderbuchklassiker sind damit ausgestattet.
     Der Vielfalt der Pop-up-Bücher sind keine Grenzen gesetzt, alle unterstützen spielerisch den Umgang mit Büchern.

Vorlesen für Kinder: Reiner Kunze zu Gast bei der Kinderlehrkirche Memmingen

Und was leisten Bilderbücher sonst noch?

Mithilfe des Betrachtens von Bildern wird die visuelle Wahrnehmung sensibilisiert, Kinder lernen genau hinzuschauen, eine Eigenschaft, die im digitalen Zeitalter wichtiger ist denn je, da Bilder, auch in Form von Filmen, zunehmend unsere Freizeit und Alltag begleiten. Desto besser man Bilder „Lesen“ kann, umso eher kann man sich auch den Manipulationen entziehen, desto eher kann man die eigentliche Botschaft verstehen.
     Kinder lernen durch Bücher wie Geschichten funktionieren, darüber hinaus halten Kinderbücher pädagogische Möglichkeiten bereit, es werden „kunsterzieherische Ziele mit dem Bilderbuch verknüpft“, und leisten im Hintergrund Sozialisationsfunktionen.2aa

Pädagogische Hilfestellung

Während oder nach dem Vorlesen bietet es sich an, mit dem Kind gemeinsam die Illustrationen anzuschauen und darüber zu sprechen. Das Kind benennt die sichtbaren Gegenstände beispielsweise. Dadurch können Gespräche entstehen. Es werden Zusammenhänge zwischen Bilder und Texte hergestellt „bis hin zu Deutungen und der Darstellung persönlicher Sichtweisen.“3aa Beim gemeinsamen Gespräch über ein Buch können folgende Ziele erreicht werden:
– „Formulieren und Nachdenken über Zusammenhänge“
– „präzisieren von Gemeintem“
– „kreativer Umgang mit Sprache“3ab  

Für das Kind wird deutlich, „dass Schrift und Sprache als Kommunikationsmittel bedeutsam sind“3ac und es beginnt sich für die Welt der Buchstaben zu interessieren, es möchte damit eigene Erfahrungen machen. Gut ist es, wenn neben den Büchern für das Kind die Erwachsenen selber Bücher und Zeitungen lesen. (Vorbildfunktion)
     Außerdem werden Kinder durch das Vorlesen mit einem anderen Sprachniveau vertraut gemacht, was ein tägliches Gespräch oft nicht leisten kann: Die Ausdrucksweise ist meist komplexer, es lernt komplexere Zusammenhänge zu verstehen.

Hilfreich ist das regelmäßige und ritualisierte Vorlesen. Es „schafft Nähe und Geborgenheit, denn Geschichten sind Geheimnisse, die man teilen kann, ohne sie aufzudecken: weil sie uns auf immer neue Ideen und Rätsel bringen, die fortan ein Eigenleben führen können.“1ca  

Es ist gut, wenn es für das Vorlesen feste Zeiten gibt, wie beispielsweise eine Gute-Nacht-Geschichte zur Schlafenszeit und / oder feste Situationen, die man einleiten kann mit anzünden einer Kerze oder ähnliches. Während des Vorlesens sollte man auch immer wieder den Blickkontakt zum Kind herstellen,3ba schon allein deshalb, um eher mitzubekommen, wie es dem Kind mit dem Text ergeht: Ist das Kind verängstigt? Findet es den Text lustig? Macht sie eine Figur traurig?
     Neue Wörter und Fremdwörter sollten dem Kind erklärt werden. Manche Textstellen kann man auch mehrmals vorlesen, vor allem wenn sie wichtig sind oder weil das Kind diese Stellen besonders mag.

Maßnahmen des Vorlesers

Gut und sinnvoll ist es, wenn man im Vorfeld das Bilderbuch selber liest, um sich mit dem Text und den Darstellungen vertraut zu machen. Desto klarer, desto eher man einen Text mit unterschiedlichen Stimmlagen vorlesen kann, desto interessanter wird es für das Kind. Und das Vorlesen kann man üben, indem man eine klare Aussprache mithilfe eines Korks übt. Versuchen Sie mit dem Kork im Mund einen Text deutlich zu sprechen. Auch das Aussprechen von Zungenbrechern sind hilfreich, da sie die Beweglichkeit der Zunge und Lippen fördern. Verschiedene Stimmlagen, Lautstärke, Tempo und Pausen sind für das Vorlesen von Bedeutung, da Gefühle der handelnden Figuren und die Stimmungen eines Textes somit hervorgehoben werden können. Üben kann man so etwas mit einzelnen Worten, die man mal leise, mal laut, mal mit Zwischentönen, mal traurig, mal wütend, mal zärtlich ausspricht. Pausen können die Spannung sowie die Aufmerksamkeit der Zuhörer erhöhen, wörtliche Reden sollten betont vorgelesen werden.3ca  

Vorlesetipps von „Lesestart“: Jeder kann vorlesen

Und hier ein paar Tipps für Bücher zum Vorlesen:

 Pappbilderbücher:

Rezension, Bilderbuch, ab 2 Jahre     mehrsprachiges Bilderbuch, mehrsprachiges Kinderbuch, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik,Kleinkind

Moderner Kinderbuchklassiker

zweisprachiges Bilderbuch, Vom Nordpol bis nach Australien

– Regina Hennings –
© read MaryRead 2017

► Ankerlichtung

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Einzelnachweise:

1aa, 1ab, 1ac: Nicola Bardola, Stefan Hauck, Mladen Jandrlic, Susanna Wengeler: Mit Bilderbüchern wächst man besser, Thienemann Verlag GmbH – Stuttgart, Wien – 2009, S. 9
1ba, 1bb, 1bc: S. 10
1ca: S. 115

2aa: Gina Weinkauff, Gabriele von Glasenapp: Kinder- und Jugendliteratur, Verlag Ferdinand Schöningh . Paderborn – 2014 (2), S. 183

3aa, 3ab (alle drei Ziele), 3ac: Sylvia Näger: Literacy – Kinder entdecken Buch-, Erzähl- und Schriftkultur, Verlag Herder – Freiburg im Breisgau 2005 (3),  S. 13
3ba: S. 45
3ca: S. 42 ff.

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