„Tschick“ nach dem gleichnamigen Roman von Wolfgang Herrndorf

Tristan Göbel,Anand Batbileg Chuluuntbaatar,Regie Fatih Akin,Abenteuer, erwachsen werden, Autounfall,Road-Movie,Eine sehenswerte Literaturverfilmung, die misslungen ist

Zwei Jugendliche aus unterschiedlichen Milieus, die die Sommerferien auf ihre Art verbringen. Ein lohnenswerter Film, eine lohnenswerte Lektüre

Die Verfilmung des Romans Tschick macht ähnlich Furore wie zuvor schon das Buch und auch das Theaterstück.

Es ist kein Zufall, dass die Geschichte der beiden Jungs, die so um die 14 Jahre alt sind, zwei Büchern ähneln, die vor etwa 230 Jahren in Großbritannien und den USA erschienen. Zwischen Huckleberry Finn und Tom Sawyer von Mark Twain und Tschick von Wolfgang Herrndorf gibt es zahlreiche Ähnlichkeiten. Diese beiden Bücher von Mark Twain gehörten für den Autor zur Lieblingslektüre.
     Maik Klingenberg wächst in einer Familie auf, die zunächst den Sprung in die High-Society schaffen könnten, doch die Natur spielt ihnen einen Streich und seitdem kämpfen sie gegen den sozialen Abstieg. In seiner Schulklasse wird er Psycho genannt. Tschick lebt in einer Familie, die man als am Rande einer Gesellschaft sieht. Sie stammen aus Russland, wobei die Herkunft nicht eindeutig geklärt wird, der Junge kommt häufig alkoholisiert in den Schulunterricht, seine Kleidung spiegelt seine Herkunft. Eigentlich heißt er Andrej Tschichatschow, aber weil kein Deutscher sich diesen Nachnamen merken kann, nennt er sich Tschick.
     Maik Klingenberg wird in der gleichnamigen Verfilmung von Tristan Göbel und Tschick von Anand Batbileg Chuluuntbaatar gespielt. Tristan Göbel steht nicht das erste Mal vor einer Kamera. Er hatte kleinere und größere Rollen wie in Goethe! von Philipp Stölzl oder Rico, Oskar und die Tieferschatten (Grundlage des gleichnamigen Kinderbuchs) von Andreas Steinhöfel. Hingegen war für den Sprößling aus einer mongolischen Fürstenfamilie, Anand Batbileg Chuluuntbaatar Tschick seine erste Tätigkeit als Schauspieler. Und auf Anhieb war es eine der beiden Hauptrollen.
     Fatih Akin übernahm für den Film die Regie. Er wurde schon mehrmals für seine Filme und Dokumentationen ausgezeichnet. Vorgesehen war aber zuerst David Wnendt, doch dann kam es zu Zerwürfnissen, ein juristisches Verfahren scheint noch anhänglich zu sein.

Wolfgang Herrndorf liebte Filme und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch der Roman Tschick gleichzeitig eine Vorlage für eine Literaturverfilmung ist. Für den verstorbenen deutschen Schriftsteller war es aber immer wichtig, dass eine Verfilmung etwas Eigenständiges darstellt, er mochte es nicht, wenn Filmemacher an ihren Vorlagen kleben, wie er gegenüber dem Drehbuchautor Lars Hubrich mal gestand (vgl. Wolfgang Höbel, Spiegel Online vom 14.10.2015).

Es freut einen, dass der Roman verfilmt wurde, auch dann, wenn einem zunächst die Lektüre nicht in allen Details geläufig ist. Eine Verfilmung sollte man erst mal losgelöst von der Vorlage betrachten. In diesem Fall kann man sagen, die Verfilmung ist gelungen, vor allem die Wahl der beiden Protagonisten. Beide sind wie geschaffen für den Film, in ihnen steckt am Anfang noch das Kindliche, die auf dem Weg sind, Erwachsen zu werden, reifen während ihrer Fahrt mit einem geklauten Auto heran. Der alte griechische Schriftsteller Homer hätte seine Freude an den beiden gehabt und hätte wahrscheinlich, wenn er sie schon gekannt hätte, ein Plätzchen neben Odysseus gefunden. Ähnlich wie Odysseus, der nach seinen Irrfahrten endlich zu Hause ankommt, wartet vor allem auf Tschick eine böse Überraschung.
     Ein geklautes Auto das zwei Jugendliche zur Heranreifung dient, widerspricht jeglicher pädagogischer und erzieherischen Vorstellung und doch müssen sie auf dem Weg in die Walachei einige Schwierigkeiten aus dem Weg räumen und sie finden Lösungen. Dann kommt es zu einem Unfall, an dem sie eigentlich unschuldig sind und wenn sie einen vorschriftsmäßigen Führerschein gehabt hätten, wären sie mit aller Wahrscheinlichkeit freigesprochen worden aber so werden sie von einem Richter verurteilt, der nach Gesetz handelt aber sein Herz am richtigen Fleck hat. Während des Prozesses wird ganz besonders deutlich, dass sie manch einem Erwachsenen weit voraus sind, Maik Klingenberg lässt sich nicht von seinem Vater, gespielt von Uwe Bohm, verführen, er bleibt gradlinig.

Und nun ein Blick in die Vorlage. Fast nahezu alles wurde aus dem Roman in den Film übernommen oder für jeden, der die Lektüre kennt, ist direkt ersichtlich, welche Sequenzen von Fatih Akin an einer anderen Stelle zusammengeführt wurden, dass der Verfilmung aber keinen Abbruch tut. Wolfgang Herrndorf erzählt die Geschichte aus der Sicht von Maik Klingenberg und legte hierbei vor allem auf die Dialoge und inneren Monologe großen Wert, hingegen werden Landschaften und ähnliches nur angedeutet. Aus diesen Andeutungen setzte der Regisseur die beiden Jugendlichen in großartige Landschaften, ein wenig erinnert es einen an die Träume derer, die mit einem alten Wagen durch Europa touren wollten oder es auch getan haben, ein Road-Movie ist es dennoch nicht.
     Es lohnt sich, die Verfilmung anzuschauen und es lohnt sich, das Buch zu lesen. In der Verfilmung werden die Gegensätze der Herkunft der beiden Jugendlichen sehr gut herausgearbeitet, schon allein mithilfe der Kleidung wird dies zum Ausdruck gebracht. Jedoch wurde jegliche mögliche Demütigung von Tschick vermieden. Im Film wird nicht klar, woher Tschick plötzlich den Anzug für die Geburtstagsfeier hat, im Roman wird dies beschrieben. Zudem wird in der Verfilmung die Ebene des Ich-Erzählers des öfteren verlassen und der Genre-Wechsel im Abspann in Form von Comic oder Graphic Novel ist für den Zuschauer nicht deutlich. Das Buch bietet zwar weniger Landschaftsbeschreibungen, doch dafür wird die Innenschau von Maik Klingenberg umso deutlicher, insbesondere, was die Freundschaft der beiden ausmacht. Auch wenn Wolfgang Herrndorf nicht allzu viel von Literaturkritik und Literaturwissenschaft hielt, so ist dennoch sein Roman vielschichtig und wird (hoffentlich) noch einige Germanisten beschäftigen, zahlreiche Anspielungen im Roman sind dafür nur ein Zeichen.

Tschick ist sehenswert und doch ist die Verfilmung misslungen. Dieser Widerspruch entsteht durch den Anspruch von Wolfgang Herrndorf, der eine Literaturverfilmung nur dann gut fand, wenn sie sich von der Vorlage weitestgehend gelöst hat. Fatih Akin hielt sich sehr nah an der Vorlage, so als hätte er große Sorge gehabt, einen Fehler zu begehen. Dieser Eindruck entsteht aber nur dann, wenn man das Buch gelesen hat.

Hannah Tiger
© read MaryRead 2016

Bordbuch

Pubertät, zwei Jugendliche, Abenteuerroman, roman, erwachsen werden, Road-Movie, Jugendroman,Wolfgang Herrndorf: Tschick
Mit einem Anhang zum Film
Roman / Jugendbuch
272 Seiten
Taschenbuch
Format: 190mm x 125mm x 20mm
Gewicht: 237g
erschien: 23.08.2016
Verlag: Rowohlt
ISBN 978-3-499-27257-8
Preis: 9,99 € (D), 10,30 € (A)

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