Lettersea für den Jugendroman „Letztendlich geht es nur um dich“ von David Levithan

Jugendroman, Literaturpreis, Philosophie, Erkenntnistheorie,Rene Descartes, Hilary Whitehall Putnam,

Februar 2017

Der Jugendroman „Letztendlich geht es nur um dich“ von David Levithan bietet wesentlich mehr als eine Abhandlung über das Erwachsen werden, es enthält substantielle philosophische Fragen.

Als der Handlungsträger A in das Leben von Rhiannon tritt, kann zuerst der Eindruck beim Leser entstehen, dass er unter einer multiplen Persönlichkeit leidet, doch dann wird deutlich, dass er jeden Tag in einem anderen Körper aufwacht. Der amerikanische Schriftsteller unternimmt erst gar nicht den Versuch, dieses Phänomen zu erklären, vielmehr rührt er an Fragen. Eine Frage, die zwischen den Zeilen mitschwingt, lautet: Kann ich mir sicher sein, dass ICH ich bin?
     René Descartes war einer der ersten Philosophen, der sich in „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ (lateinischer Originaltitel: Meditationes de prima philosophia, 1641) sich der Fragestellung näherte, inwiefern man sich sicher sein kann, dass man derjenige ist, der eigenständig denkt und handelt und nicht von außen unbemerkt gelenkt wird. Er kam zu dem Schluss: cogito ergo sum (deutsch: ich denke, also bin ich). In seinen sechs Meditationen nähert roman, rezension, buchbesprechung, literaturkritik, ab 13 jahre, erwachsen werden, verwandlunger sich der Frage, woran man zweifeln kann und vielleicht auch muss, um von dieser Fragestellung aus sich Erkenntnissen zu nähern; Gewissheiten werden dabei infrage gestellt.
    
Der französische Philosoph gilt als Begründer der Erkenntnistheorie, einem Zweig der Philosophie. Hierbei handelt es sich um existentielle Fragen, die mehr sind als Gedankenspiele, da sie an das ureigenste des Menschen rühren. Im Alltag stellen sich solche Fragen nicht, obwohl wir heutzutage dem mehr ausgesetzt sind denn je. In unserem digitalen Zeitalter, in dem Trolle (Wesen, die maschinell arbeiten, Texte verfassen im Auftrag von Regierungen und anderen Institutionen) immer häufiger von den meisten unbemerkt unsere Meinung und Weltvorstellung direkt beeinflussen, in dem mit künstlicher Intelligenz experimentiert wird, in dem es Platinen mit bestimmten digitalen Funktionen unter die Haut injiziert werden können, wächst zunehmend die Verunsicherung, da niemand ausschließen kann, von einer Maschine beeinflusst zu sein, ja, selbst die Vorstellung von Hilary Whitehall Putnam (1926 – 2016) von dem Gehirn im Tank wird plötzlich denkbar. Der amerikanische Philosoph entwickelte die Vorstellung, dass einem Menschen sein Gehirn entnommen wird, das entnommene Gehirn in einem Tank mit Nährlösung gesteckt wird und nun durch einen Supercomputer verschiedene Reize ausgelöst werden und zwar so, dass der Mensch nicht bemerkt, dass er von einer Maschine gelenkt wird. Zugegeben, ganz so weit sind wir (hoffentlich) noch nicht, aber dieses Gedankenspiel übernimmt David Levithan in seinem Roman. Hierbei ist der Protagonist A zwar keine Maschine, aber er wacht jeden Tag in einem anderen Körper auf und in den meisten Fällen bleibt es für die betroffenen Personen, die für einen Tag A sind, unbemerkt. Man bekommt eine Idee, was alles möglich wäre. A ist zwar sehr Literaturauszeichnung von read MaryReadverantwortungsbewusst, dennoch handelt er nach eigenen Vorstellungen und Wünschen. Der betroffene Jugendliche behält zwar seinen Körper, seine äußere Hülle, aber sein Denken übernimmt nun A. Und da ist wieder die Frage: Wann kann man sicher sein, dass man derjenige ist, der etwas macht oder unterlässt, der etwas sagt oder schweigt?

Solche Fragestellungen sind für einen Jugendroman ein Wagnis, dass von David Levithan in eine sinnvolle und anmutende Handlung gerahmt wurde, eingebettet ist in die Alltagswelt von jungen Menschen, in der es unter anderem um die erste große Liebe geht, um Verunsicherungen, in der sie manchmal nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist. Für dieses Wagnis bekommt der amerikanische Schriftsteller die Auszeichnung Lettersea.

– Judith Schlitz –
© read MaryRead 2017

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