Ausgezeichnet: Peter-Huchel-Preis 2018

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Wolkenflug spielt Zerreißprobe

Dieses Jahr erhält der gebürtige tschechische Lyriker, Schriftsteller, Übersetzer, Mediziner und Psychiater Farhad Showghi mit persischer Abstammung den Peter-Huchel-Preis für sein Gedichtband „Wolkenflug spielt Zerreißprobe“.

In der Begründung der Jury, die aus sieben unabhängigen Literaturkritikerinnen und -kritikern sowie Autorinnen und Autoren besteht, heißt es:

Vom Hinschmeißen reden, vom Leichtfüßigsein. Farhad Showghis unter dem Titel „Wolkenflug spielt Zerreißprobe“ versammelte Gedichte stoßen mit leisem Nachdruck vor in seelische Bezirke, die erst durch diesen Aufbruch in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. So entstehen entschiedene Modelle einer heutigen Wirklichkeit zwischen Orient und Okzident, die es ohne körperliche Wahrnehmung nicht gäbe. Es sind streng phänomenologische Gedichte, in denen Abstraktion und Konkretion zueinander in Beziehung, aber nicht in eins gesetzt werden; poetische Beobachtungen, die immer wieder am Anfang beginnen, um zu einem neuen Infinitiv zu gelangen – einer neuen Vorstellung von Landschaft zwischen den Himmelsrichtungen. Doch wo beginnt, was kein Ende hat? Den Kopf zurückwerfen, das Hinschmeißen verlängern. Bis eine schöne, vergebliche Geste steht.“

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Der mit 10.000 Euro dotierte Peter-Huchel-Preis wird am 3. April 2018 dem Multitalent Farhad Showghi, dem Geburtstag Peter Huchels, in Staufen im Breisgau verliehen. Preisstifter sind der Südwestrundfunk und das Land Baden-Württemberg. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten u. a. Barbara Köhler, Ernst Jandl, Durs Grünbein, Thomas Kling, Friederike Mayröcker und Orsolya Kalász.

Zum Buch „ Wolkenflug spielt Zerreißprobe“

Ein eher bei sich selbst verweilendes Sprechen, das sich mitunter erinnert, vernetzt, verwirft, abkoppelt, entbindet, doch nicht negiert, mit wiederholtem Re-entry in der Landschaft. Ein Sprechen zwischen dem Denken des Blicks und dem aktiven Schauen. Niemand befiehlt und niemand gehorcht. Omnipräsenz der Sehnsucht gibt’s weiterhin schon bei leichtestem Tun. Zwiesprache zwischen Hiesigem und Dortigem. Bis hin nach Persien. Mir ging es auch um Wege der Wahrnehmung: Wie komme ich noch ganz unwissend um den Körper herum? Wie beschäftige ich mein Sehen weiter? Und wie die nächstbeste Geste in der Luft? Es gibt Dinge hinter mir, ein Erinnern, das sich an den Rändern kräuselt und dann selbst überlappt. Weil vieles ab sofort auch vor mir liegen will. Ich werde ja gerne nicht nur auf einen Entwurf von mir selbst zurückgeworfen.

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Vielerorts bin ich über kurz oder lang ganz Zeit geworden. Die Hände waren schon viele Tage. Mindestens zum eigenen Körper hin. Wie das Atemholen. Ticktack, hier ist meine Nase, gleich folgt der Hals. Aber dort, wo das Alphabet die Sprache wechselt, wo die Dinge kurz aufhören zu heißen, bevor sie sich neue Buchstaben, Klänge suchen, herrscht nicht nur Stille, die Bedeutung ist fort, Namenlosigkeit lässt sich erinnern, das Reale erahnen. Und eine Weile später kann ich vielleicht noch einmal von vorn den Faden verlieren und auch ein Wort wie Garten mitten oder hinten im Garten, sicherheitshalber unter jedem Himmel, stehen und sich weiten lassen. Und schließlich wollte auch das Sentiment gleich in der Nähe des Körpers neue Wege finden.

– Farhad Showghi –

Gedichte, Peter-Huchel-Preis 2018, PersienFarhad Showghi: Wolkenflug spielt Zerreißprobe
Illustrationen: Andreas Töpfer
Gedichte
gebunden
88 Seiten
Format (H x B x T): 210 x 131 x 10 mm
Gewicht: 154 g
erschien: 16.10.2017
Verlag: kookbooks
ISBN 978-3-937445-87-8
Preis: 19,90 € (D), 20,50 € (A)

Leseprobe

Vom Hinschmeißen reden, vom Leichtfüßigsein. Vom Weiterflug der verletzten Hand. Trotz Feinjustierung des Worts Armlänge im Wechselspiel mit Halbtrockenrasen und Buschbraunelle. Vorerst den Wasserhahn öffnen, vielleicht ausgeruht wirken, das Prasseln zitieren: „Eins, zwei, drei, geh’n vorbei, wissen nicht, wer das wohl sei.“ Den Wasserhahn schließen. Das Gewicht verlagern. Mit der gewaschenen Hand das Hinschmeißen beginnen, das Leichtfüßigsein. Die Fußsohlen in den Schuhen bedenken. Das mitmischende Ausgeruhtwirken nicht außer Acht lassen. Der Vollständigkeit halber das Gewicht halten, und kurzerhand wie aus dem Fenster schauen. Es fängt an zu regnen. Diese Szene vorläufig als anschließbar betrachten. Vergleiche nicht scheuen. Das Hinschmeißen fortsetzen. Ohne sich immer wieder umzusehen. Allmählich keinen Gedanken mehr an den Wasserhahn verschwenden. Keine Schere holen. Lieber Picknick mit der Schulter machen. Im gegebenen Moment auf die Armlänge verzichten. Auch später, viel später an diesem Tag. Es fängt an zu regnen. Es gibt manchmal irgendeinen äußeren Impuls. Und den zusammenhanglosen, riesigen Fehler, der ein Nachspiel der Lichtverhältnisse ist. Dennoch „Ich bin leichtfüßig“ sagen. Sich in nächster Nähe dann mit dem ganzen Körper verhalten. Alles aufscheinen, aber nichts zurücklassen. Keine Schläfe, kein einziges Knie. Die Unnachvollziehbarkeit dieses Geschehens nicht beachten. Ruhig noch einmal Halbtrockenrasen sagen und sich deutlicher verlaufen. Mit wachsender Distanz trotzdem Orangensaft trinken. Den Kopf zurückwerfen, das Hinschmeißen verlängern. Bis eine schöne, vergebliche Geste steht.

– Farhad Showghi –

© read MaryRead 2018

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