Bertolt-Brecht-Preis 2018 geht an die Autorin Nino Haratischwili

Literaturpreis, Büchereule, türkiser Hintergrund, blauer Streifen, rote Schrift, goldene Schrift, Pokal, goldener Pokal,

Hymne an eine Familiensaga

Der mit 15.000 Euro dotierte Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg wird im Jahr des 120. Geburtstags Brechts, der sich am 10. Februar 2018 jährte, an die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili für ihre Theaterstücke und ihren Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ vergeben.

Die 1983 in Tiflis geborene und heute in Hamburg lebende Dramatikerin, Romanautorin und Theaterregisseurin gilt seit ihrem Studium an der Hamburger Theaterakademie mit ihren zahlreichen Theaterstücken, ihren Romanen aber auch mit ihren Inszenierungen, ihrer innovativen praktischen Theaterarbeit, die sie in die Tradition Brechts stellt, in der deutschen Theater- und Literaturlandschaft als großes Talent. Sie ist spätestens seit dem Erscheinen ihres Romans „Das achte Leben (Für Brilka)“ aber auch einem breiten Publikum bekannt.

Zum Roman bzw. Stück „Das achte Leben (Für Brilka)“

In diesem 2017 mit großem Erfolg am Hamburger Thalia Theater für die Bühne bearbeiteten Roman schildert Nino Haratischwili den Aufstieg und Fall des Sozialismus von der vorrevolutionären Zeit bis ins Nachwende-Europa aus der Perspektive einer georgischen Familie. Das Theaterstück feierte am 8. April 2017 Premiere. Von der Frankfurter Verlagsanstalt heißt es zum Roman:

Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht auf und heiratet jung den Weißgardisten Simon Jaschi, der am Vorabend der Oktoberrevolution nach Petrograd versetzt wird, weit weg von seiner Frau. Als Stalin an die Macht kommt, sucht Stasia mit ihren beiden Kindern Kitty und Kostja in Tbilissi Schutz bei ihrer Schwester Christine, die bekannt ist für ihre atemberaubende Schönheit. Doch als der Geheimdienstler Lawrenti Beria auf sie aufmerksam wird, hat das fatale Folgen.
     Deutschland, 2006: Nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der UdSSR herrscht in Georgien Bürgerkrieg. Niza, Stasias hochintelligente Urenkelin, hat mit ihrer Familie gebrochen und ist nach Berlin ausgewandert. Als ihre zwölfjährige Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Tbilissi zurückkehren möchte, spürt Niza sie auf. Ihr wird sie die ganze Geschichte erzählen: von Stasia, die still den Zeiten trotzt, von Christine, die für ihre Schönheit einen hohen Preis zahlt, von Kitty, der alles genommen wird und die doch in London eine Stimme findet, von Kostja, der den Verlockungen der Macht verfällt und die Geschicke seiner Familie lenkt, von Kostjas rebellischer Tochter Elene und deren Töchtern Daria und Niza und von der Heißen Schokolade nach der Geheimrezeptur des Schokoladenfabrikanten, die für sechs Generationen Rettung und Unglück zugleich bereithält.“

Sie beschreibt die Freuden und Verwerfungen eines Jahrhunderts und deren Folgen für die politischen Krisen und Konflikte der Gegenwart.

Trailer zum Theaterstück:

Geschichten und Figuren erzählen von Menschenströmen

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Nino Haratischwili / © Danny Merz / Sollsuchstelle

Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Ihre Begabung, komplizierte historische Prozesse, Revolutionen und Kriege ebenso wie menschliches Versagen, Opportunismus und Machtmissbrauch sowie individuelle Katastrophen in sinnliche Geschichte und großartige Frauenfiguren zu fassen, erinnert an Bertolt Brechts „Mutter Courage“ und seinen „Kaukasischen Kreidekreis“. Dabei erzählen die Geschichten und Figuren Nino Haratischwillis von den historischen und aktuellen Menschenströmen, die als Folge von Krieg und Revolution damals wie heute durch Europa ziehen. Während in „Die acht Leben (Für Brilka)“ in einem der Autorin eigenen, beeindruckenden epischen Pathos, das niemals den analytischen Blick verstellt, ein Jahrhundert aus osteuropäischer Sicht für uns Westeuropäer völlig neu erfahrbar wird.
     Dabei wird deutlich, dass es sich bei Haratischwili um eine genuine Theaterautorin handelt. Ein allwissendes Ich vermeidet sie in dieser großartigen Prosa ebenso wie ein Übermaß an Kulisse. In ihrem Theaterstück „Radio Universe“ (2010) attackiert sie uns in einer schmerztrunkenen Nacht mit dem Kaukasuskonflikt. Sie erzählt mit magischem Realismus von Anpassung, Verrat und Widerstand, Liebe, Hass und (Über-)Lebenswillen. Wie am Beispiel des Lebens der Tochter eines ehemaligen Dissidenten und ihren Dialogen mit der Pflegekraft Natalia im „Land der ersten Dinge“ (2014) oder des wütenden Monologes der Putzfrau Marusjas gegen die neuen Flüchtlingen in „Die Barbaren“ (2017), der als ein Teil des Projekt „Das Europäische Abendmahl“ am Wiener Burgtheater uns mit unserer eigenen Wohl(an)ständigkeit konfrontiert. Obwohl die Autorin in ihren Theaterstücken niemals den analytischen, vielfach schmerzlichen wie verstörenden Blick auf die Systeme scheut, ist sie fern jeglicher Selbstgerechtigkeit.

Schreiben als eine Suche, das Leben als Versuch

Nino Haratischwilli kam als Zwölfjährige mit ihrer Mutter 1995 erstmals nach Deutschland. Später ging sie zurück nach Tiflis, begann an einem alternativen Gymnasium Theater zu spielen, schrieb eigene Texte und gründete eine deutsch-georgische Theatergruppe. Auch nach ihrem Regiestudium in Tiflis und Hamburg kehrte sie immer wieder in ihre georgische Heimat zurück. Sie ist eine Grenzgängerin zwischen Ost und West, die wie Bertolt Brecht das Schreiben als eine Suche und das Leben als Versuch gelten lässt. Zur Arbeit an ihrem, in seiner eigenwilligen Poesie und sprachlichen Schönheit faszinierenden Roman „Das achte Leben“ befragt, sprach sie in einem Radiointerview über ihre Motive und den intensiven Entstehungsprozess:

Nicht nur im Westen, auch im Osten ist die Geschichte der Sowjetunion in der Bevölkerung überhaupt nicht aufgearbeitet. Viele Vorgänge, die jetzt in Georgien und Russland stattfinden, habe ich nicht verstanden. Darum habe ich angefangen, mich mit der Geschichte zu befassen, ich wollte den Ursprung finden. Und so bin ich immer etwas weiter in die Zeit zurückgegangen, bis ich bei der Oktoberrevolution landete. Da fragte ich mich: Tu ich’s mir an? Ich hab’s mir angetan. Das Fatale an der westlichen Interpretation der Geschichte ist, anzunehmen, dass es eine Zäsur gab 1989. Das stimmt nicht, die Gegenwart Europas ist die Fortsetzung der Geschichte seit der Oktoberrevolution.“

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Nino Haratischwili ist eine preisgekrönte Schriftstellerin. Im vergangenen Jahr wurde sie mit dem Hertha Koenig-Literaturpreis und am 28. Januar 2018 erhielt sie das Stipendium zum Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg.

Zu Ehren des am 10. Februar 1898 in Augsburg geborenen Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht verleiht die Stadt Augsburg seit 1995 (zunächst alle drei Jahre, seit 2016 im Zwei-Jahres-Rhythmus) den Bertolt-Brecht-Preis an Persönlichkeiten, die sich in ihrem literarischen Schaffen durch die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart auszeichnen.
     Gleichzeitig ehrt die Stadt ihren großen Dichter mit dem jährlich stattfindenden Brechtfestival, das in diesem Jahr vom 23. Februar bis 4. März stattfindet.

Die öffentliche Preisverleihung vom Bertolt-Brecht-Preis findet am Donnerstag, 19. April 2018, um 20 Uhr im Goldenen Saal im Rathaus statt. Andreas Platthaus, Ressortleiter Literatur und literarisches Leben bei der FAZ wird die Laudatio sprechen.

– Stadt Augsburg, Pressemitteilung / read MaryRead –

Alle Infos (): zum Programm vom Brechtfestival

Das Theaterstück „Das achte Leben (Für Brilka)“ wird weiterhin am Thalia Theater Hamburg aufgeführt. Daten und weitere Infos erhalten Sie hier (): Thalia Theater Hamburg

© read MaryRead 2018

Literaturpreis

 

Roman, Bertolt Brecht Preis 2018,Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka)
Roman
gebunden
1280 Seiten
Format (H x B x T): 212 x 133 x 47 mm
Gewicht: 1115 g
erschien: 26.08.2014
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00208-4
Preis: 34,00 € (D), 34,95 € (A)

Angaben zum Taschenbuch:
1280 Seiten / Format (H x B x T): 200 x 139 x 56 mm
Gewicht: 965 g / erschien: 04.09.2017 / Verlag: Ullstein
ISBN 978-3-548-28927-4
Preis: 18,00 € (D), 18,50 € (A)

E-Book: 16,99 € (D, A)

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