Unwort des Jahres 2016: Volksverräter

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Verneinung der Grundrechte ALLER Menschen

Die Jury von „Unwort des Jahres“ wählte aus den 594 eingeschickten Wörtern von denen etwa 60 Wörter den Kriterien für das „Unwort des Jahres“ entsprachen, aus der engeren Wahl das Stichwort „Volksverräter“ aus.

Der Begriff „Volksverräter“ stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde in der Epoche vom „Vormärz“ von Georg Büchner gebraucht. In der Flugschrift „Der Hessische Landbote“ heißt es im ersten Kapitel:

Was ist von Ständen zu erwarten, die an eine solche Verfassung gebunden sind? Wenn unter den Gewählten auch keine Volksverräter und feige Memmen wären, wenn sie aus lauter entschlossenen Volksfreunden bestünden?!“.

Der deutsche Schriftsteller verwendete den Begriff „Volksverräter“ als Synonym für die Obrigkeit, für den ersten und zweiten Stand (Adel). Nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen rechtsgerichtete Gruppierungen das Wort, die Nationalsozialisten führten es dann als „Tatbestand“ in das Gesetzbuch ein, jegliche Kritik an ihrer Politik wurde als „Volksverrat“ gewertet und mit dem Tode bestraft.
     Heutzutage wird es im Strafgesetzbuch § 81 unter dem Titel „Hochverrat gegen den Bund“ geführt und kann je nach Schwere von einem Jahr bis zu über zehn Jahren mit Freiheitsstrafe geahndet werden.
    
Seitdem rechtspopulistische Gruppen sich zu Demonstrationen und anderen Veranstaltungen treffen, ist der Begriff „Volksverräter“ wieder in alle Munde, ähnlich wie im Dritten Reich werden wieder jene so bezeichnet, die anders denken, die nicht mit dem rechten Gedankengut konform sind.

Die Jury begründete ihre Entscheidung so:

Die Jury hat in diesem Jahr sehr lange diskutiert, ob das „Unwort des Jahres 2016“ wirklich aus dem plakativen und polemischen Sprachgebrauch stammen sollte, den Angehörige und AnhängerInnen von Pegida, AfD oder ähnlichen Initiativen verwenden – und eine Einigung auf ein konkretes Wort fiel schwer. Es ist uns auch bewusst, dass wir mit Volksverräter ein Wort gewählt haben, das sich dem bereits 2014 gewählten Wort Lügenpresse an die Seite stellen lässt. Doch die Einsendungen zeigen, dass sich der Großteil öffentlicher Sprachkritik gegen einen diffamierenden Sprachgebrauch im Themenfeld Migration richtet.“

Und weiter heißt es:

Volksverräter ist ein Unwort im Sinne unserer Kriterien, weil es ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten ist. Als Vorwurf gegenüber PolitikerInnen ist das Wort in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt. Der Wortbestandteil Volk, wie er auch in den im letzten Jahr in die öffentliche Diskussion gebrachten Wörtern völkisch oder Umvolkung gebraucht wird, steht dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt. Damit ist der Ausdruck zudem antidemokratisch, weil er – um eine Einsendung zu zitieren – „die Gültigkeit der Grundrechte für alle Menschen im Hoheitsgebiet der Bundesrepublik“ verneint.“

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Die Jury der institutionell unabhängigen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier SprachwissenschaftlerInnen Prof. Dr. Nina Janich/TU Darmstadt (Sprecherin), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und freien Journalisten Stephan Hebel. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beteiligt.

Die zehn häufigsten Einsendungen waren laut Jury von „Unwort des Jahres“:
– postfaktisch [48],
– Populismus/Rechtspopulismus [38],
– (bedauerlicher) Einzelfall [21],
– Gutmensch [18],
– (Flüchtlings-)Obergrenze [17],
– Flüchtlingsdeal [15],
– Biodeutscher/biodeutsch [14],
– Umvolkung [12],
– Wir schaffen das! [11] und eine
– Armlänge/eine Armlänge Abstand [10].
„Der Ausdruck Volksverräter wurde insgesamt dreimal eingesendet.“

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Bekannt gegeben wurde das „Unwort des Jahres 2016“ am 10. Januar 2017.

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