Paul Lindau: Der König von Sidon

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li: Alexandersarkophag in Istanbul / made by © read MaryRead

INHALTSVERZEICHNIS:
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> Einzelnachweise

 

Vorwort:

Abenteuer trifft auf literarische Moderne

Im 19. Jahrhundert gab es einen regelrechten Hype um die Archäologie, dem auch der deutsche Schriftsteller Paul Lindau erlegen war. Man machte sich auf nach Nordafrika, bevorzugt nach Ägypten oder in den Nahen Osten, immer auf der Suche nach Sensationellem.

Obgleich die Novelle „Der König von Sidon“ nicht als literarisches Meisterwerk bezeichnet werden kann, gibt es dennoch Aufschluss über das gesellschaftliche Selbstverständnis im Allgemeinen und über die Archäologie insbesondere. Die Handlung beginnt in Berlin. Professor Andreas Möller lebt in einem Mietshaus, er gilt als verschroben aber sympathisch. Eines Tages lernt er Sabine Kreutzer, eine Mieterin des Hauses kennen, ist von ihr entzückt, verliebt sich in sie. An ihr wird deutlich, dass das Frauenbild am Ende des 19. Jahrhunderts ein anderes ist als noch zu Beginn des Jahrhunderts. Sie lebt allein, geht dem Beruf der Sekretärin nach und im Gegensatz zum Professor kann sie die Menschen richtig einschätzen und weiß das auch für sich zu nutzen, nicht bösartig oder intrigenhaft aber doch zu ihrem Vorteil. Sie ist eine selbstbewusste Frau.
Porträt, türkischer Künstler, Archäologe,     Andreas Möller hat eine Affinität zum Orient, dann kommt endlich der heißersehnte Ruf aus der Türkei, von keinem geringeren als von Osman Hamdi Bey. Diese Figur beruht auf Realität, den türkischen Archäologen Osman Hamdi Bey hat es gegeben. Er lebte von 1842 – 1910, war Museumsgründer und gilt als Pionier der Archäologie in der Türkei. Als junger Mensch genoss er eine westliche Ausbildung, studierte in Paris. Im Libanon, in Sidon, leitete er die Ausgrabungen, sein Team entdeckte den sogenannten Alexander-Sarkophag.1a
    
Während Osman Hamdi Bey erklärbar ist, kann man den Protagonisten Andreas Möller nicht eindeutig zuordnen. Vermutlich handelt es sich um den Universalgelehrten, der von 1598 – 1660 lebte, als Chronist mit „Theatrum Freibergense Chronicum“ sich seit 1653 einen Namen machte. Er ist vor allem unter den Historikern und Archäologen bekannt.1b Seit 2002 wird der Andreas-Möller-Preis von dem Freiberger Altertumsverein vergeben.2
    
Auf dem Alexander-Sarkophag liegt ein Fluch. Auch hierbei nimmt Paul Lindau Bezug zu dem, was im 19. Jahrhundert kursierte, der „Fluch des Pharaos“ war in aller Munde. Der schaurige Fluch kann mit einigen Erzählungen von E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe konkurrieren. Doch noch etwas wird deutlich: der Idealismus. Andreas Möller brennt darauf, endlich im Alleingang einen sensationellen Fund zu machen, Ruhm und Ehre sind ihm gleichgültig und ja, auch wenn er dafür einen sehr hohen Preis bezahlen muss. Der Zahltag kommt schneller als ihm lieb sein kann.

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Der Novelle geht eine biografische Vorgeschichte voraus. Obgleich Paul Lindau, der vor allem als Theaterkritiker in Berlin bekannt war, zwischenzeitlich nannte man ihn gar Kritikerpapst, war mit Anna Kalisch verheiratet, seit 1860 hatte er aber auch eine Affäre mit der Schriftstellerin Elsa von Schabelsky. Der Politiker Franz Mehring veröffentlichte einen Teil der Liebesbriefe der beiden, löste damit einen Skandal aus. Paul Lindau suchte daraufhin das Weite, reiste in den Orient, 1892 in die USA, anschließend nach Mexiko.3aa Im Orient sowie in Mexiko waren umfangreiche archäologische Ausgrabungen im Gange, wie man dem Sachbuch „Scherben bringen Glück“ von Amanda Adams erfahren kann.
     Die Novelle „Der König von Sidon“ erschien 1898 im Verlag Schlesische Buchdruckerei.3ab

Seit der Aufklärung haben Reise– und Abenteuerromane eine Tradition, die sich im 19. Jahrhundert verstärkt fortsetzte. In dieser Zeit entstand beispielsweise die Abenteuerliteratur von Karl May, aber auch Klassiker wie „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne.
     „Der König von Sidon“ von Paul Lindau stellt eine Art Übergang vom Realismus zur literarischen Moderne dar. Reise- und Abenteuerromane findet man vor allem im Realismus, die unmittelbare Erfahrbarkeit der Gefühle des Protagonisten sind eher in der literarischen Moderne zu finden, genauer: Naturalismus. Ähnliches gilt auch für die Unfähigkeit des Professors der Mieterin die Empfindungen von face to face einzugestehen, doch noch mehr seine überhitzte Leidenschaft im Nahen Osten. Hermann Bahr bezeichnete es als „Kunst der Nerven“.4

Es muss nicht immer Weltliteratur sein. Zuweilen können gerade solche Werke, wie die von Paul Lindau, Aufschluss über das Denken, Handeln und Fühlen ihrer Zeit geben, dass was das große Publikum bewegte, die nicht über eine hohe Bildung verfügten.

Sarkophag, rot, Buchcover,Sie können diese „Buchausgabe“ kostenlos downloaden. Gerne dürfen Sie es an Freund*innen versenden und wenn Sie mögen, dürfen Sie es auf Ihrer Website / Bloggerseite zeigen. Dazu dürfen Sie das Cover kostenlos downloaden.

© read MaryRead 2019

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Einzelnachweise:

1 Wikipedia:
1a: (): Osman Hamdi Bey, zuletzt besucht am 09.04.2019
1b: (): Andreas Möller (Chronist), zuletzt besucht am 09.04.2019

2: Vgl. Freiberger Altertumsverein (): Andreas-Möller-Preis, zuletzt besucht am 09.04.2019

3aa, 3ab: Vgl. Reinhard Müller (): Paul Lindau, Universität Graz, 2008, zuletzt besucht am 09.04.2019

4: Vgl. Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich, Christine Kanz, Bernd Lutz, Volker Meid, Michael Opitz, Carola Opitz-Wiemers, Ralf Schnell, Peter Stein, Inge Stephan: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag J. B. Metzler – Stuttgart, Weimar – 2008 (7), S. 360