lit.Cologne 2017: WASTE YOUR TIME! Verschwende deine Zeit mit Nora von Waldstätten und Matthias Matschke

Nora von Waldstätten, Matthias Matschke,Robin Hood, Knut Elstermann,

Robin Hood in eigener Sache

Höher, schneller, weiter und bloß nix verpassen! Das scheint allerorts die Maxime zu sein. Die Klage über die Beschleunigung der Lebenswelt kennt man nicht erst seit der Moderne. Schon in der Antike äußerten manche Großen ihren Verdruss über Beschleunigung, steigende Habgier und die zunehmend respektlose Jugend, überhaupt den Verfall der Werte. Entschleunigung ist heute das Zauberwort, Entschleunigungsoasen werden angepriesen, um die neoliberalisierten Gemüter der gestressten Damen und Herren zu entknoten. Dem wahren Literaturfreund ist das im Grunde zutiefst suspekt, denn seine Entschleunigungsoase trägt er zwischen zwei Buchdeckeln mit sich herum. Aber leider muss man doch schweren Herzens eingestehen, dass kaum genug Zeit bleibt, um heute ein Literaturfreund zu sein. Um so mehr ist es die Pflicht des Bibliophilen, sich Zeiträume zu schaffen und dem Unsinn des Getrieben-Werdens mutig entgegenzutreten. Grundrecht auf Müßiggang für alle!
     Die LitCologne schritt in diesem Sinne voran, indem sie dem Müßiggänger nicht nur diverse Inspirationen bot, sondern sogar eine ganze Literaturveranstaltung unter das Motto „Waste your time!“ stellte (10. März 2017 in der Flora zu Köln). Hierbei zeigte sich wieder einmal komprimiert, dass die Literatur nicht nur ihrer Form, sondern auch ihrem Inhalt nach den Müßiggang nahe legt. Beginnend mit der Klage Nietzsches, über die Unruhe und Angst der Menschen etwas zu versäumen, luden die Vorleser Nora Waldstätten und Matthias Matschke sowie der Moderator Knut Elstermann zur vita contemplativa ein. Die traurige Diagnose Nietzsches lautete, dass Müßiggang sich generell nur noch unter Inkaufnahme von Selbstverachtung realisieren ließe. Heutzutage womöglich umso mehr?

Flora-Park, Köln, Pflanzen und Gartenschau,

lit.Cologne 2017, Flora Park, Köln │ Foto: © Simone Jawor

     Die Literatur wagte seit jeher den Gegenentwurf, den es sich zu Herzen zu nehmen gilt. Völlig schamlos lümmelt sich in Büchners „Leonce und Lena“ der Prinz im Garten. Ganz von ihren Ansichten überzeugt, schildert die Titelfigur in Gontscharows Oblomow, im Gespräch mit seinem tätigen und regen Freunde auf die Frage, was wohl das perfekte Leben sei, wenn man sich um die Finanzen keine Sorgen machen müsste, ein Szenario des ausgeprägten Müßiggangs. Für den emsigen Freund eine grausige Vorstellung. Weit weniger ein Musterbeispiel an Faulheit wie Oblomow, als viel mehr ein bedachter Verweigerer ist „Bartleby, der Schreiber“. Diese Figur von Herman Melville verweigert sich, einfach so, und mit zunehmender Konsequenz. Mit dem berühmten Satz „Ich möchte lieber nicht.“ („I would perfer not to.“), bietet er dem Chef und in zunehmendem Maße der ihn umgebenden Lebenswelt und schließlich dem Leben selbst die Stirn.
     Oscar Wilde wurde an diesem Abend mit den Worten zitiert: „Handeln ist die Aufgabe derer, die sonst keine Aufgabe haben.“ Also lieber gar nichts tun? Dabei gäbe es durchaus angenehme Aktivitäten, etwa das Schwänzen. Es kann aber durchaus mit einigem Aufwand verbunden sein, sich bestimmten Tätigkeiten zu entziehen, wie Tom Sawyer beweist, der es sich in den Kopf gesetzt hat nicht zur Schule zu gehen, was aber mit viel Mühe erst eingefädelt werden muss und leider nicht zur Nachahmung anregt. Dabei ist der Schwänzer streng genommen eine Art Robin Hood in eigener Sache, denn er stiehlt sich die Lebenszeit, die ihm durch lästige Pflichten geklaut wird, einfach wieder zurück.
     Mit von der Faulheit oder Müdigkeit ihrer Figuren geprägten Texten oder Textabschnitten waren auch Julian Barnes (Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln) oder Peter Handke an diesem Abend in Köln vertreten. Der Hinweis auf den Flaneur durfte nicht fehlen, der über Beaudelaire und Walter Benjamin zu Teju Cole und seinem Roman „Open City“, in welchem durch das zeitgenössische New York flaniert wird wie eh und je. Eine Steigerung erfährt das Flanieren heutzutage im planlosen Abhauen, das den literarischen Teil des Abends beschließen sollte, literarisch, nicht praktisch, versteht sich. Als Musterbeispiel planlosen Abhauens begegnete der Zuhörer dem allseits beliebten Werk „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Gelesen wurde natürlich die Szene in der die beiden Hauptfiguren genau das tun: abhauen.
    
Doch damit war der Abend noch nicht völlig beendet, denn als besonderen Dreh in der Veranstaltung hatten die Organisatoren zuvor bereits zufällig ausgewähltes Publikum aufgefordert eigene kurze Gedanken und Tipps zum Thema Müßiggang zu formulieren. Die teils nachdenklichen und teils höchst unterhaltsamen Empfehlungen an gewillte Müßiggänger wurden am Ende für alle verlesen. Hätte man doch bloß Zeit um über all das Gehörte in Ruhe nachzudenken!

– Simone Jawor –
© read MaryRead 2017

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