Bericht zur Eröffnung der Poetica 4 am 22. Januar 2018

Literaturfestival für Weltliteratur, Köln, Barbara Köhler, Yoko Tawada, Monique Truong,Morten Søndergaard, Jeffrey Angles, Prof. Dr. Ernst Osterkamp, Bei Dao, Hiromi Itō, Teju Cole, Anneke Brassinga, Kim Hyesoon, Jan Wagner,

© Simone Jawor, Köln 2018

In wechselnden Wassern

Das Farbschema ist durchbrochen. Nach der Poetica 2, die dem Blauen gewidmet war, und der Poetica 3, die ihren Fokus auf das Grüne gelegt hatte, findet in diesem Jahr eine Poetica 4 statt, die zwar nicht farblos, aber doch zumindest nicht farblich festgelegt ist. Eine Festlegung dieser Art oder irgendeiner Art würde auch dem diesjährigen Motto entgegenstehen: beyond identities. Die Kunst der Verwandlung.

Das diesjährige Festival für Weltliteratur, das außer der Eröffnungsveranstaltung noch zahlreiche weitere Veranstaltungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten an verschiedenen Orten in Köln zu bieten hat, steht im Zeichen des Wandels und der Erneuerung. Die Themenwahl mag in der heutigen Zeit wenig überraschen, das Vergehen von Gewissheiten, die Erosion des Etablierten, um nicht zu sagen die pure Ungewissheit hat sich tief in die heutige Lebenswelt eingeschrieben. Die Autoren der diesjährigen Poetica schreiben sie fort.

Schon in den traditionellen Begrüßungsworten von Prof. Dr. Axel Freimuth werden die Themen Identität und Metamorphose in den Vordergrund gerückt. Beginnend bei der Heisenbergschen Unschärfe macht Freimuth klar, dass es sich beim permanenten Wechselspiel von Identität und Metamorphose keineswegs um ein rein literarisches Problem handelt, auch wenn der Literaturfreund schon bei der bloßen Nennung der Metamorphose nicht anders kann, als an Ovid zu denken. Freimuth jedoch weist explizit auf die politischen Herausforderungen des Wandels hin, spricht über die Wissenschaft im Dienst der Ideologie und die aktuellen Veränderungen durch weltweite Migrationsbewegungen. Hier verweist er beispielsweise auf Böll, der als politischer und kritischer Autor die Brücke von den Problemlagen des 20. Jahrhunderts in die Literatur zu schlagen verstand. Und mit einem Verweis auf Böll spielt man in Köln sowieso immer die richtige Saite an, das ändert sich nie.

MEHR ZUM THEMA:
> Lesung: Zu Gast im Autorencafé „fremdwOrte“
> Annika Borckschmidt: Goethes Faust und Einsteins Haken
> Deutschland und Japan: Sabine Scholl: Die Füchsin spricht (Roman)

Nach Herrn Freimuth ergreift die diesjährige Kuratorin des Festivals und Moderatorin des Abends das Wort. Schon im Einleitungstext, den Frau Yoko Tawada zur Poetica verfasste, wies sie explizit darauf hin, dass der Wandel, die Veränderung seit jeher zum grundsätzlichen Wesen der Literatur gehörten, ebenso wie Identitätszustände und scheinbare Identitäten: „Ein Mann ist nicht immer männlich, die Europäer nicht immer europäisch und ein Mensch nicht immer zweibeinig.“ Auch das Lesen oder Hören von Literatur bewirkt – hoffentlich – eine Veränderung in der lesenden Person. An diesem Abend spricht sie zunächst vom Wasser. Schon seit dem antiken „panta rhei“ gibt es kaum ein verbreiteteres Sinnbild für die unendliche und rastlose Veränderung. „Wir teilen alle ein Wasser“, stellt Tawada fest und erklärt somit das Wasser zur allgemeinen Heimat. Im Wasser ist alles eins und doch immer anders. Selbst der vor Ort so geschätzte Rhein enthalte Tropfen aus dem Pazifik. Von hier fließt die Rede weiter zur Sprache. In dieser gestalten wir uns jede Sekunde neu, so Tawada.

Der erste literarische Gast des Abends ist Monique Truong, eine amerikanische Autorin mit vietnamesischen Wurzeln. Sie liest einen Textauszug in dem es um Alice B. Toklas geht. Als Tawada anschließend auf die zentrale Rolle von Essen in der asiatischen Literatur verweist, gibt Truong zu, dass sie es faszinierend findet, zu lesen, was sich literarische Figuren auf den Tisch stellen, da es sehr intime Einblicke gewähre. Der dänische Autor Morten Søndergaard liest ein Gedicht über sterbende Bienen und räumt im Gespräch ein, oft übers Schlafen zu schreiben. Im Schreiben, so Søndergaard, lege man die Sprache schlafen und lasse sie träumen. Abschließend kann ihn Tawada dazu bewegen, einen kurzen Text auf Deutsch zu lesen, trotz seiner eigenen Vorbehalte seiner deutschen Sprachfähigkeit gegenüber. Anschließend liest Barbara Köhler zwei Gedichte. Im Gespräch mit Tawada geht es unter anderem um das Wort „lassen“, das deshalb faszinierend sei, weil es ein Verb ist, das gerade bedeutet, nichts zu tun, oder zu warten und nicht zu steuern. Köhler geht dabei auf die strenge Blockform ihrer Texte ein und stellt fest: „Es muss den Moment geben, wo die Sprache etwas macht, nicht ich.“ Jeffrey Angles, der als nächster literarischer Gast zu Wort kommt, ist ein amerikanischer Autor, der aber auch in japanischer Sprache dichtet und einen Text vorträgt, der in einem ständigen Wechsel aus Englisch und Japanisch formuliert ist. In diesem Text, wie auch im Gespräch mit Tawada thematisiert er die Tätigkeit des Übersetzens. Da er zeitweise auch in Japan lebte und in beiden Sprachen beheimatet sei, sei es für ihn, als habe er zwei Persönlichkeiten, was er in dem Text auch zum Ausdruck bringen wollte.

 AUSSERDEM:
> Literaturpreis: Peter-Huchel-Preis geht an Barbara Köhler
> Asiatische Küche: Kim Thuy: Der Geschmack der Sehnsucht (Roman)
> Literaturvortrag: Bilderbücher und viele Sprachen

Um den Literaten eine Pause zu gönnen, tritt nun Prof. Dr. Günter Blamberger ans Mikrophon und spricht zum Thema omnia mutantur. Er beginnt mit einem Exkurs über Maria Elena Walshs magischen Realismus – hier fließt ein Fluss statt eines Zuges in den Bahnhof ein, man bleibt also dem Bild des Gewässers treu. Die Darstellung ist hier Camouflage, weil Veränderung politisch nicht opportun ist, muss die simple Tatsache, dass alles im Fluss ist, sich in Bildern eines Flusses ausdrücken: „so wie es ist, muss es nicht bleiben.“ Anschließend kommt er folgerichtig auf Ovid zu sprechen und von diesem auf Adelbert von Chamisso. Die Verbindung liegt auf der Hand: Ovids Metamorphosen gelten als ein grundlegender Text der europäischen Bilderwelt und befassen sich mit Wandel und Verwandlung, der Notwendigkeit und der Freiheit sich neu zu definieren. Eine aktuelle Form erzwungenen Wandels ist die derzeitige weltweite Migration. In der Debatte darüber wird aber leicht vergessen, dass Migration auch als Massenbewegung keineswegs neu ist und dass Nationalität als feste Ansammlung von Charakteristika ein Trugbild ist. Chamisso dient der Veranschaulichung von Migration älterer Zeit, die die deutsche Kultur nachhaltig geprägt hat. Wer das Risiko scheut, der versteinert. Blamberger versteht Reichtum nicht als starres Für-sich-behalten-wollen, sondern als einen hohen Grad an Beziehungsfähigkeit und Vielstimmigkeit als einen Katalysator des Fortschritts. Eine von äußeren Einflüssen unberührte Nationalkultur habe es nie gegeben. Ein weiteres Zwischenspiel gibt der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Prof. Dr. Ernst Osterkamp, der seine Zuhörer in ein kurzes Proseminar zu Ovid und Goethe entführt.

Danach setzt sich der literarische Teil der Veranstaltung mit dem chinesischen Autoren Bei Dao fort, der ein Gedicht liest und auf die Frage nach den politischen Einflussmöglichkeiten von Dichtung, vom Gedichtfestival in Hongkong erzählt. Ein kompliziertes Thema. Hiromi Itō liest ihren Text im japanischen Original parallel zum Vortrag der Übersetzung und macht so aus einer Lesung eine sprachliche Performance mit Tiefenebene, die mit großem Applaus belohnt wird. Überraschend nach dieser freien Vermengung zweier Sprachen gesteht die Autorin anschließend jedoch, dass sie das Englische hasst. Auf Nachfrage präzisiert sie: bis heute. Die gebürtige Japanerin lebt in den USA, hat aber aufgehört Englisch zu lesen. Teju Cole aus den USA verbindet hingegen nicht zwei Sprachen miteinander, sondern Sprache und Bild. Zu seinen Texten werden Bilder gezeigt, in denen nach seiner Aussage eine gewisse Spannung liegen muss und die auf eine Geschichte verweisen können. Tawada verlockt den auch im Musikalischen bewanderten Cole zu Aussagen über Beethoven und Cole findet spontan Parallelen des Mottos des Abends zu Beethovens Widersprüchlichkeit: einerseits ikonisch gewordener Musikrepräsentant, andererseits eben doch ein Mensch, in seinem späten Schaffen absolut folgerichtig und dennoch fragmentiert. Anneke Brassinga aus den Niederlanden liest und spricht anschließend über die Übersetzung als Verwandlung der Sprache. Auch mit Übersetzern der eigenen Texte hat sie schon zusammengearbeitet. Dabei habe sie es gern, dass Übersetzer ihre eigene Wirklichkeit haben, denn diese sei auch für die Autorin wiederum interessant zu Verfolgen. Kim Hyesoon ist eine der bekanntesten Autorinnen Südkoreas und demonstriert in einer starken und klaren Sprache warum: im dargebotenen Text verbindet sie Marilyn Monroe mit Schweinen und Schlachthäusern. Sie erzählt davon, dass in Südkorea eine neue Autorinnengeneration beginnt feministischer zu werden und neue kleine Buchhandlungen entstehen, die teils von Autoren selbst betrieben werden, die dort selbst lesen und eine neue Kultur von Lesungen initiieren. Den literarischen Schlusspunkt des Abends bildet Jan Wagner, der nach einem Versuch über Mücken davon spricht, dass das Schreiben, neben handwerklichen Überlegungen auch einen Zustand der Selbstvergessenheit beinhaltet. Seine Neigung „Versuche“ zu formulieren erläutert er als den Versuch, sich durch Sprache an einen Punkt zu begeben, von dem er jeweils noch nicht weiß, was er sein wird.

Die poetica 4 – Festival für Weltliteratur geht noch bis zum 27.01.2018, nähere Informationen (): poetica 4

– Simone Jawor –
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