Literaturlexikon: Katechismus

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Bildausschnitt: Universität Siegen, Foto: © Simone Jawor

INHALTSVERZEICHNIS:
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Gott und die Vernunft als zwei gleichwertige Prinzipien
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Die Reformation macht den Katechismus attraktiv
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Zweites Vatikanisches Konzil
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Auch das noch
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Einzelnachweise

Ein Buch richtet sich an Gläubige, welches erst durch die Reformation einen Aufschwung erfuhr

Je nach religiös-christlicher Prägung kennt man den Katechismus oder eben nicht. Galt der Katechismus in seinen Anfängen als Fortschritt, so wird dieser heutzutage oft als Rückschritt aufgefasst.
     Der Begriff „Katechismus“ stammt ursprünglich aus dem altgriechischen und bedeutet so viel wie „Widerhall“,1a im Lateinischen lässt es sich von „catechizare“ ableiten.2a 
    
Zielgruppenorientiert erklärt der Katechismus wichtige Ereignisse vorwiegend aus dem Neuen Testament und zentrale Gebete. Die Kombination aus beiden stellen zugleich eine Richtschnur dar, wie der Glaube im Alltag praktiziert werden kann.

Gott und die Vernunft als zwei gleichwertige Prinzipien

Man kann den Beginn des Katechismus an dem historischen Punkt ansetzen, als in Europa die erste große Welle von Universitätsgründungen sich vollzog, zugleich erreicht die Scholastik ihren Höhepunkt. Demnach kann man es in das 13. Jahrhundert verorten.
     Die Scholastik wurde zum einen von der mannigfaltigen arabisch-jüdischen Philosophie geprägt, die unter anderem Übersetzungen von Aristoteles und dessen Kommentierungen nach Europa bringt. Im weiteren Verlauf wird später Aristoteles in Europa direkt übersetzt, zum anderen wird sie von der Idee der „Vernunft“ geprägt. Die theologische Herausforderung bestand nun darin, Gott und die Vernunft miteinander zu vereinen, dass man mithilfe der Dialektik vollzieht. Man setzt dabei Gott als Quelle des Lebens voraus, aus ihm entspringt das ganze Sein, zugleich sind das Göttliche und das Sein zwei unterschiedliche Prinzipien.3a 
    
Der Theologe und Philosoph, Thomas von Aquin (1225 – 1274), unternahm das große Unterfangen die beiden Prinzipien in Einklang zu bringen und sah in der Vernunft eine Möglichkeit. „Diesem außerordentlichen Zutrauen in die Vernunft entspricht bei Thomas das Verhältnis von Gnade (grátia) und Natur (natúra): Die Gnade des Glaubens setzt die Natur des Geistes geradezu voraus; auf natürlicher Grundlage soll die Erkenntnis der Wahrheit gesucht und durch die Gnade vervollkommnet werden!“4a 
    
Es war naheliegend, dass der große Gelehrte seiner Zeit sich an das Werk begab, die verschiedenen Aspekte des Glaubens, wie die beiden Gebete „Vater unser“ und „Ave Maria“, die Zehn Gebote, die sieben Sakramente und das „Apostolische Glaubensbekenntnis“ unter dem Gesichtspunkt der beiden Prinzipien für ein größeres Publikum zugänglich zu machen. Unter dem Titel „Opuscula“ (1256) erscheint seine Schrift, die 1281 auf der Synode von Lambeth als katechesisches Ganzes anerkannt wird.2b

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Vor der Lebenszeit von Thomas von Aquin gab es zwar so etwas wie einen Katechismus; diese richteten sich jedoch in erster Linie an jene, die die Täuflinge unterwiesen (heutzutage bezeichnet man diese Personengruppe als Katecheten), sie umfasste vor allem die Auslegung vom „Apostolischen Glaubensbekenntnis“. Augustinus (354 – 430) war der erste, der hierfür das Substantiv „catechismus“ im Jahr 413 einführte.2c Zunächst wurden diese Unterweisungen mündlich weiter gegeben.
     Erste schriftliche Ausgabe eines Katechismus wurde von dem englischen Gelehrten Alkuin (um 730 – 804) im 8. Jahrhundert verfasst. Dem folgte der „Weißenburger Katechismus“ (nach 789), später kam noch „Speculum ecclesiae“ von Edmund von Abingdon (um 1174 – 1240) hinzu.2d 

Die Reformation macht den Katechismus attraktiv

Ähnlich wie bei der Scholastik geht auch der Reformationszeit eine Welle von Neugründungen von Universitäten voraus. Und auch Martin Luther setzt, wie Thomas von Aquin, einen Aspekt auf die Gnade Gottes, freilich unterscheiden sich die beiden Konzepte. Außerdem konnten in der Reformationszeit deutlich mehr Menschen lesen und schreiben als noch zur Lebzeit von Thomas von Aquin.

KATECHISMUS und Martin Luther:
> Tischreden: Eines der wichtigsten Bücher für den Glauben

Nachdem sich Martin Luther von seinem ersten großen Zusammenbruch erholt hatte und nachdem die Pest vorüber war, widmete er sich dem Aufbau einer neuen Kirchenordnung. Seine Erkenntnis über die mangelhafte christliche Bildung in Sachsen (was sicherlich für das ganze Land zutraf) und den Herausforderungen, vor denen die evangelischen Geistlichen standen, veranlasste ihn, zunächst den „Kleinen Katechismus“ (1529), der vor allem für das allgemeine Volk bestimmt war, dem folgte später der „Große Katechismus“, der sich vor allem an Theologen richtete, herauszugeben.5a 
     Parallel zur Reformation von Martin Luther fanden unter Huldrych Zwingli und Jean Calvin in der Schweiz ebenfalls eine Reformation statt. Der letztgenannte gab 1542 unter dem Titel „Le catéchisme de l`Èglise de Genéve“ (dt.: Genfer Katechismus) heraus.2e 

Offensichtlich gab es im 16. Jahrhundert einen Bedarf an Katechismen, die katholische Kirche zog ihrerseits nach. Petrus Canisius verfasste „Summa doctrinae christianae“ (dt.: Größerer Katechismus), welches 1555 in Wien erschien, dass sich in erster Linie an Studenten richtete. Dem folgte 1566 im Zuge von dem Konzil in Trient (19. ökumenisches Konzil, von 1545 – 1563) der „Catechismus Romanus“, dass für die Pfarrer bestimmt war.

Zweites Vatikanisches Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil (21. ökumenisches Konzil vom 11.10.1962 – 08.12.1965) stellt zumindest für die Katholiken eine Zäsur dar. Nicht nur, dass etliche Themen überarbeitet wurden, sondern Laien bekamen eine wesentlich höhere Bedeutung zugemessen. Die Gottesdienste werden seitdem offiziell in der jeweiligen Landessprache gehalten, sodass alle – und nicht wie bisher: nur die der lateinischen Sprache mächtig waren – verstehen, was der Pastor sagt, den genauen Inhalt der Gebete und Lieder. Somit vollzog die katholische Kirche weltweit, was unter den Protestanten schon längst Usus war.
     Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bis heute wurden eine Vielzahl von Katechismen von sämtlichen christlichen Konfessionen herausgegeben bzw. die älteren Ausgaben wurden teilweise überarbeitet und neu herausgegeben, doch insbesondere die katholische Kirche wurde sehr aktiv: Für die Erwachsenen erschien in zwei Bänden 1985 und 1995 „Katholischer Erwachsenen Katechismus“ von der Deutschen Bischofskonferenz; für die Bischöfe, Theologen und Kirchenmitarbeiter der „Katechismus der katholischen Kirche“, herausgegeben von Papst Johannes Paul II. (1992); für die Jugend „Youcat“ (2011), um nur einige zu nennen.2f 

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Auffällig ist die nahezu explosionsartige Herausgaben von Katechismen, zugleich verzeichnen beide großen Konfessionen in Deutschland seit den 1960er Jahren eine Abnahme ihrer Mitglieder.

Auch das noch

Seitdem 18. Jahrhundert verliert der Begriff „Katechismus“ seine Monopolstellung im religiösen Bereich. 1792 erschien der „Gesundheitskatechismus“, später wurde zwischen 1853 bis 1857 der „Katechismus der Musik“ herausgegeben. Und auch in der Kriminalliteratur hat der Begriff „Katechismus“ Einzug gefunden wie in der Sherlock Holmes Detektivgeschichte „Der Katechismus der Familie Musgrave“ von Arthur Conan Doyle.

Für gläubige Christen ist der Katechismus nach wie vor eines der zentralen Bücher neben der Bibel. In schwierigen Lebensphasen bietet er einigen Trost und zeigt ihnen Handlungsmöglichkeiten auf.

© read MaryRead 2018

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Einzelnachweise:

1a: Vgl. Kirche und Leben (): Katechismus, zuletzt besucht am 07.05.2018

2a, 2b, 2c, 2d, 2e, 2f: Vgl. Wikipedia (): Katechismus, zuletzt besucht am 07.05.2018

3a: Vgl. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, Band 1: Altertum und Mittelalter, Verlag Zweitausendeins – Frankfurt am Main, S. 429

4a: Herbert Gutschera, Joachim Maier, Jörg Thierfeld: Geschichte der Kirchen. Ein ökumenisches Sachbuch, Verlag Herder – Freiburg, Basel, Wien, 2006 (2), S. 143

5a: Vgl. Lyndal Roper: Luther. Der Mensch Martin Luther, S. Fischer Verlag – Frankfurt am Main 2016, S. 410


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