Fabel (literarischer Fachbegriff)

literarischer Fachbegriff Fabel

Form und Aufgabe einer Fabel

Besonderheiten der Fabeln in Bilderbüchern

In einer Fabel sind Pflanzen, Tiere oder unbelebte Gegenstände die Handlungsträger, Menschen kommen darin nicht vor. Bevorzugt werden Tiere,1  die innerhalb ihrer Art aber auch mit anderen Tierarten sprechen und verstehen können. Wenn man streng nach der Literaturwissenschaft urteilt, dann muss eine Fabel in Form von Lehrdichtung  niedergeschrieben sein und eine „allgemein gültige Lehre1b beinhalten. Entweder wird die Lehre der Handlung vorangestellt (Promythion 1c) oder wie die häufige Anwendung, wird sie an den Text angefügt (Epimythion 1d). Im weiteren Sinne Freundschaft, Buchbesprechung, Literaturkritik, Rezension, Kinderbuch, ab 2 Jahre, Klassikerkann der Stoff auch in einer dramatischen oder epischen Dichtung verfasst sein.2 Eine literarische Verwandtschaft besteht zu Märchen und der Erzählung einerseits, durch die Art der Darstellung zeigt sie Verwandtschaften mit Allegorie, Parabel, Gleichnis oder Satire andererseits.1e 
    Den Tieren werden bestimmte Eigenschaften zugeordnet, wie zum Beispiel der Hund, der treu ist oder die Eule, die als weise gilt, wie im Bilderbuch von David McKee Elmar und seine Freunde in dem unter anderem die weise Eule eine Charaktere ist.

Heutzutage werden Fabeln vor allem in Kinderbüchern, meist in Form von Bilderbüchern, erzählt. Sie sind weder in dramatischer noch in epischer Dichtung gehalten. Zudem enthalten sie keine unmittelbare allgemein gültige Lehre, sondern sie muss aus dem Text (und Illustrationen) erschlossen werden. Das hat unter anderem den Grund, dass man in der heutigen Pädagogik häufig den Standpunkt vertritt, dass man Kindern keine direkte Handlungsanweisungen durch Literatur liefern möchte, um dem Lesepublikum das Nachdenken und die Reflexion der eigenen Person zu ermöglichen und damit das selbstständige Denken fördern will.
     Man kann Bilderbücher, in denen ausschließlich Tiere, Pflanzen oder unbelebte Gegenstände handeln, auch als tirozinierte Fabel bezeichnen. Kinder werden mithilfe von Bilderbüchern in die Welt der Literatur herangeführt und bekommen im günstigsten Fall eine Bandbreite von literarischen Gattungen kindgerecht gezeigt. Bei tirozinierten Fabeln lernen sie die verschiedenen Handlungsträgern mit ihren jeweiligen Zuordnungen kennen, wie die lahme Ente, dass ihnen auch in anderen Gattungen und später in verschiedenster Weise immer wieder begegnet. So können Kinder von klein auf typische Merkmale in der Literatur kennenlernen und erweitern.
     Obwohl im engen Sinne der Literaturwissenschaft die eine oder andere Voraussetzung für eine Fabel fehlt, so kann man dennoch diese Form von Bilderbüchern der literarischen Gattung Fabel zuordnen.

 

 

Beispiele für tirozinierte Fabeln

Habe MutDas Bilderbuch Leopold und der Fremde von Stephan Brülhart zeigt auf anschauliche Weise durch die beiden verschiedenen Tierarten – Jaguar und Krokodil – einerseits, dass die Angst vor dem Fremden unter Erwachsenen häufig vorkommt, andererseits zeigt das Kinderbuch, dass die Angst überwunden und daraus eine Freundschaft entstehen kann.
     Die beiden Tierarten kommen in unserer Umwelt nicht vor, werden dementsprechend in der europäischen Literatur selten verwendet und sind somit neutral, weil eine entsprechende Zuordnung nicht vorhanden ist. Unter natürlichen Bedingungen werden sich die beiden Tierarten nur selten begegnen, da sie unterschiedliche Lebensräume besiedeln: Jaguars leben auf dem Land, Krokodile im Wasser.
     Die Wahl der beiden Tierarten von Stephan Brülhart sind für Erwachsene ohne literarische „Vorbelastung“, das Betrachtern und Vorlesern ermöglicht, das Fremde in der Erzählung wahrzunehmen. Für Kinder ist es eine interessante Begegnung, da sie die Tiere aus den hiesigen Zoos kennen und eine gewisse Faszination auf sie ausübt.
    Literarisch ist diese Wahl sehr geschickt, da der Autor davon ausgehen kann, dass Kinder und Bilderbuch, zweisprachiges Bilderbuch, deutsch, türkisch, ab 3 Jahre, Rezension, Buchbesprechung, LiteraturkritikErwachsene neutral an die Fabel herangehen. Damit sind beide Generationen auf Augenhöhe und können gemeinsam das Bilderbuch auf sich wirken lassen.

Ein weiteres Beispiel ist das zweisprachige Bilderbuch Das Hochhaus im Wald von der türkischen Autorin Aytül Akal. In diesem Kinderbuch bauen Tiere unterschiedlichster Art ein Haus, leben nach dem Fertigbau darin, um dann festzustellen, dass sie doch sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Bei dieser tirozinierten Fabel gibt es zwei verschiedene Leserebenen:

1.Leserebene:

Kinder fassen diese Fabel als eine lustige Geschichte auf und lernen dabei, dass man unterschiedliche Bedürfnisse haben darf und dennoch Freundschaften entstehen können, aber man kann nicht zwangsläufig mit jedem Freund / jeder Freundin alles gemeinsam machen.

2.Leserebene:

Erwachsene werden aufgrund ihrer Lebenserfahrung diese Fabel etwas anders auffassen und daraus den Schluss ziehen, dass Wohngemeinschaften zwar schön sein können, aber man kann nicht mit allen eine Wohnung teilen.

Das bis heute immer wieder aufgelegte Kinderbuch Der Wind in den Weiden (Originaltitel: The Wind in the Willows, erstmalig 1908 erschienen) von dem britischen Schriftsteller Kenneth Grahame bietet den Kindern eine witzige Erzählung über Tiere, die verschiedene Abenteuer bestehen müssen, doch Erwachsene, die die britische Historie Anfang des 20. Jahrhunderts kennen, werden dieses Buch als Satire auffassen.
    
Man kann davon ausgehen, dass einige Schriftsteller, die sich für die literarische Gattung Fabel entscheiden, das tun, um Kritik zu üben an ihrer jeweiligen Zeit. Die Wahl für eine satirische Fabel wird aus unterschiedlichen Gründen getroffen, sei es um ein Verbot der jeweiligen Schrift oder gar Verfolgung der eigenen Person zu verhindern, doch der Nachweis ist häufig schwierig, da viele Fabeln vor langer Zeit verfasst worden sind, wie vom phygischen Sklaven Aisopos und dem thrakischen Sklaven Phädrus.1f Der französische Schriftsteller Jacques des Lacretelle hat in seinem Roman Silbermann durch den einen Protagonisten – Silbermann – diese Anmerkung gemacht: „La Fontaine ist unser größter Sittenmaler. In den Fabeln […] hat er sein ganzes Jahrhundert beschrieben, den Sonnenkönig und den Hof von Versailles, die Bürger und die Bauern seiner Zeit. Man muß sie nur hinter den verschiedenen Tieren erkennen.“3 

Mehr Fabeln:
> Akal, Aytül: Das Hochhaus im Wald
>
Brülhart, Stephan: Leopold und der Fremde
>
Genechten, Guido van: Otto, die kleine Spinne
>
Holten, Claudia von: Der allerschönste Platz
>
Hüsler, Silvia: Wer hilft dem Osterhasen?
>
Krause, Ute: Helma legt los
>
Kuhlmann, Torben: Lindbergh / Maulwurfstadt
>
Kuyper, Hans: Der Elefant fühlt allerhand
> McKee, David: Elmar und seine Freunde

> Mikolajetz, Anja: Das Herz des Affen
>
Paniagua, Jose: Der Kolibri, der seinen Schnabel verlor
>
Petz, Moritz: Der Dachs hat heute schlechte Laune
>
Schmidt, Barbara: Bitte blubb blubb rette mich! / Kamfu mir helfen?
>
Wespe, Eva: Die Schnecke und die Barmherzigkeit

  Auch das ist ein typisches Merkmal einer Fabel: Häufig werden zwei Lesergruppen angesprochen: Kinder und Erwachsene, Unwissende und Wissende. Während Kinder das Handeln der Tiere, Pflanzen oder unbelebte Gegenstände auf ihrer Gefühlsebene wahrnehmen – sie finden das Gespräch und das Handeln lustig, traurig oder dergleichen – Erwachsene hingegen nehmen den Inhalt eher als etwas Abstraktes wahr und setzen es in Bezug zu ihrer Erfahrung mit Menschen. Ebenso verhalten sich die Unwissenden, auch sie setzen es in Bezug zu ihrer persönlichen Lebenswelt, die Wissenden hingegen lesen die Fabel als Kritik an Gesellschaft und / oder Politik.
     In den Fabeln werden demnach unbelebte Gegenstände, Pflanzen oder Tiere als Handlungsträger verwendet, um eine Distanz zwischen dem Leser und der Handlung herzustellen, mit der Absicht, niemanden direkt Bloß zu stellen und somit das Nachdenken über das eigene Verhalten (und der anderen) zu erleichtern. Dies gilt für Fabeln aus dem Altertum wie für tirozinierte Fabeln in Bilderbüchern.


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1, b, c, d, e, f  Vgl. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moennighoff: Metzler Lexikon Literatur, Verlag J. B. Metzler – Stuttgart – Weimar 2007, S. 226
2 
Vgl. Dieter Krywalski: Knaurs Lexikon der Weltliteratur. Autoren, Werke, Sachbegriffe. Knaur-Verlag München –  Zürich 1979, S. 864
3 
Vgl. Jacques de Lacretelle: Silbermann. Lilienfeld-Verlag 2011. Seite 32


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