Kolumne: Bei Seneca im Gefängnis

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Mein alter Bekannter

Die Abenddämmerung ist weit fortgeschritten, schon in wenigen Minuten wird die Dunkelheit nur noch von Sternen und dem Mond erhellt. Von meinem Schreibtisch aus sehe ich die Bäume, wie sie sich in den Himmel recken – still ist es – die Vögel, die tagsüber ihre Lieder und ihr Gezeter zum Besten gaben, haben schon längst in den Bäumen ihren Schlafplatz gefunden. Mitten hinein in die Stille höre ich ab und zu eine Katze jammern oder quietschende Reifen, ansonsten breitet sich die Ruhe wie ein Stein das ins Wasser fällt und weite Kreise zieht, aus.
     Ich lehne das hektische Treiben nicht ab, zu gern verweile ich in Großstädten, beobachte mit Hingabe die Betriebsamkeit, wie Menschen eilig zur Arbeit fahren, in ihren Pausen hastig ihr Essen herunterschlingen, später ihre Kinder von der Schule oder Kindergarten im Laufschritt abholen, im Eiltempo ihren Einkauf erledigen.
    
All das wird von Soziologen, Medizinern und Psychologen als Vorstufe für Herzerkrankungen eingestuft. Mag sein, dass sie Recht haben. Mir persönlich reicht diese Begründung nicht aus, zu oft erlebe ich ein Hochgefühl mitten im höchsten Stress, schnell noch einen Artikel verfassen, dieses oder jenes kurz überfliegen, Menschen interviewen, Recherche betreiben um punktgenau mit allem fertig zu sein. All das weiß ich sehr zu schätzen, genau dann bekomme ich wesentlich mehr erledigt als zu anderen Zeiten, das Glücksgefühl ist in so einem Moment nicht nur ein kurzer Hauch sondern ein dauerhafter Zustand, so als würde ich mich in einem Rausch befinden, nur dass ich einen klaren Kopf dabei habe. Es ist eine ganz bestimmte Art von Glücksgefühl, dass ich nur in solchen Momenten erleben kann.
    
Nicht das hektische Treiben und auch nicht die Betriebsamkeit sind die alleinigen Ursachen für die sogenannten Volkskrankheiten, vielmehr sind sie Ausdruck von etwas anderem. Auf die Spur hat mich ein alter Bekannter gebracht, ein Schriftsteller und Philosoph, der mich durch mein Studium begleitete und mich auf den Boden der wirklich wichtigen Dinge zurückholte. Dann vergaß ich meinen lieben Bekannten, er geriet völlig ins Abseits bis ich eines Tages durch Zufall ihn wieder traf. Ich traf ihn nicht dort, wo man viele Menschen trifft, ich traf ihn weder auf einem unserer Marktplätze noch in den sozialen Netzwerken, nein, ich traf ihn an einer Stelle, an der man alleine ist, alleine sein möchte, kein Dazwischengeplappere gebrauchen kann, ein Moment, in der man Offline ist und bleiben möchte. Ich traf ihn bei einer Seite des Lebens, den nur Leserinnen und Leser erfahren können, also jene, die gerade meinen Text lesen, um genau zu sein, ich traf ihn in einem Buch. Überrascht?
    
Mein liebgewordener Bekannter ist niemand geringeres als Lucius Annaeus Seneca, der Jüngere. Der gute alte Römer, der Nero erzog und der acht Jahre seines Lebens in Gefangenschaft verbrachte. Diese Zeit war von Ungewissheit geprägt, er wusste nicht, ob er jemals wieder ein freier Mann sein würde. Anstatt sich in Gram, Wut, Zorn und Trauer zu verstricken, dachte er über vieles nach, unter anderem – und das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen – über das Glücklichsein oder wie die Lateiner es ausdrücken über „De brevitate vitae“. Es gibt gewiss bessere Orte über das Glücklichsein nachzudenken, oder?

Er schrieb: „Willst du aber glücklich sein, dann bete zu den Göttern, daß nichts von diesen Wünschen sich für dich erfülle, denn es sind keine wahren Werte, womit sie dich überschüttet sehen wollen.“1

Harter Tobak doch es kommt noch besser:

Non ille diu vixit, sed diu fuit – Der hat nicht lange gelebt, sondern ist nur lange dagewesen. […] Sehr kurz und voller Sorgen ist das Leben derer, die das Vergangene vergessen, das Gegenwärtige vernachlässigen, vor der Zukunft Angst haben; wenn sie ans Ende gekommen sind, erkennen die Unglückseligen zu spät, daß sie, ohne etwas zu tun, so lange beschäftigt gewesen sind.“2

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Und hierin liegt – wie der Lateinschüler zu sagen pflegt – der Kasus Knaxus oder einer der Sätze, die mich auf die Spur brachten. An einer anderen Stelle führt Seneca aus, dass es keinen Sinn hat, die Dinge auf später zu verschieben. Wie wahr, wie wahr und doch gehört der Spruch „Wenn ich mal in Rente bin, lese ich all die Bücher, zu denen ich im Moment nicht komme“ zu meinem Standardrepertoire ohne Kenntnis darüber, wann mich der Tod einsacken wird. Es muss noch nicht einmal der Sensemann sein, der mich von meinem Vorhaben abbringt, eine schwerwiegende Erkrankung könnte mir genauso ein Strich durch die Rechnung machen, denn was mache ich mit all den Büchern wenn ich blind bin?
     Die Tücke des Lebens liegt nun mal auch darin, dass man die Information über den Zeitpunkt seines Todes oder einer Krankheit nicht vorab bekommt und so wird man oft genug kalt erwischt. Eigentlich wäre dies Grund genug, sich von nichts und niemandem mehr über seine eigene Zeit bestimmen zu lassen, seine Träume nicht aufzuschieben sondern im Hier und Jetzt umzusetzen. Stattdessen ist man zerrissen zwischen dem Festhalten am Vergangenem und die Zukunft sieht man mit Sorge, für die Gegenwart ist kein Platz mehr. Dabei hat die Gegenwart neben all dem Schrecklichen viel Schönes zu bieten. Leider entwickelt man für die Schönheit der Gegenwart, für Details erst dann eine Wahrnehmung, wenn man quasi aus dem Leben katapultiert wurde, von einem der zahlreichen Krankheiten heimgesucht wurde, die einem das eigene Ende des Lebens vor Augen führt oder zumindest einem die Grenzen deutlich macht, dass Organe wie das Auge versagen können.
    
Das festhalten am Vergangenen und Spekulationen in die Zukunft machen den Menschen auf Dauer krank, man lässt es zu, dass die eigene Uhr zerbricht. Deshalb: Lebe jetzt! Von mir aus auch wie sich der Philosoph Arthur Schopenhauer ausdrückte: „Lebe wild und gefährlich“ aber beginne zu leben.

Nichts ist wertvoller als die Zeit, kostenlos und leistungsunabhängig steht sie jedem zur Verfügung.

© read MaryRead 2018

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Einzelnachweise:
1 Vgl. Hg. Gerhard Stenzel: Seneca. Mensch und Werk. Lehre und Wirkung, Sigbert Mohn Verlag, S. 90
2 Vgl. Marion Giebel: Seneca, Rowohlt Verlag 1997, S. 65


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