„Der Galimat und ich“ von Paul Maar

Buchbesprechung, Kinderbuch, ab 8 Jahre, Literaturkritik, Rezension

made by © read MaryRead

Außerirdisch gut

Erwachsen werden hat seine Vorteile: Endlich selbst darüber bestimmen, wann man die Hausaufgaben macht, wann man ins Bett geht. Es muss doch iGalimat gezeichnet von Ute Krausergendeine Möglichkeit geben, dass man sofort, auf der Stelle, erwachsen wird. Eine Wunderpille wäre ideal denkt Jim Brown im neuen Kinderbuch Der Galimat und ich von Paul Maar.

Jim Brown lebt bei seiner Tante und seinem Onkel, Larissa und Hans-Gert Spitzer. Seine Eltern sind laut Larissa Spione und von daher ständig auf Reisen und auf der Flucht.
      Jim hat eine besondere Fähigkeit: Er hat ein photographisches Gedächtnis und „füttert“ es tagtäglich mit dem Lesen von Lexika. Seine Mitschüler sind von ihm genervt, da er bei jeder Aussage, die irgendeiner trifft – seien es Kinder, seien es Lehrer – mit dem zitieren aus dem Lexikon sein Wissen zum Besten gibt. Er hat aber eine Schwachstelle: Mathematik.
      Seine Tante und sein Onkel können streng sein. Sie entsprechen der typischen alten Rollenverteilung: Larissa kann auch über das ein oder andere hinweg schauen, sie ist eher gefühlsbetont, strahlt Ruhe und eine gewisse Mütterlichkeit aus. Von Beruf ist sie Hausfrau. Hans-Gert pocht auf Regeln, ist etwas schusslig und arbeitet beim Finanzamt. Er entspricht dem Klischee von Finanzbeamten.
      So wie die Rollenverteilung altmodisch ist, wird auch Jim erzogen. Er bekommt vor jeder Mahlzeit von Hans-Gert Fragen gestellt, um sein photographisches Gedächtnis zu fördern. Wenn Jim die Frage richtig beantwortet, wird er mit einer Scheibe Wurst belohnt, beantwortet er sie falsch, geht er leer aus.

Jim wünscht sich sehnlich, erwachsen zu werden und eines Tages bekommt er die Chance dazu. Der Galimat hat sich in seinem Zimmer eingenistet, der in der Lage ist, die Wunderpille EWP (= Erwachsen-werden-Pille) herzustellen.
      Der Galimat ist ein Außerirdischer, aber im Gegensatz zu ET oder Aliens, ist er auf Strom angewiesen und im Gegensatz zu sonstigen Außerirdischen durchläuft er die menschlichen Phasen von Klein bis Groß. Sein Erscheinungsbild entspricht Kinderzeichnungen: Er hat ein kugelrundes Gesicht und anstelle eines Halses sind dort die vier Gliedmaßen: zwei Arme und zwei Beine. Auf seinem Kopf hat er zwei Antennen, worüber er Elektrowellen aufnehmen kann. Zudem hat er große Ohren.
      Die Farbe seines Körpers hängt zum einen von seinem Wach- oder Schlafzustand ab, wobei der Galimat ähnlich wie zahlreiche Fische nie schläft, sondern lediglich die Farbe wechselt, zum anderen hängt es davon ab, welcher Tätigkeit er gerade nachgeht. Wenn er für eine Tätigkeit sehr viel Energie benötigt, wird er gelb.
     
Auch der Galimat verfügt über eine ungewöhnliche Fähigkeit. Er kann sich materialisieren oder wie Jim es ausdrückt: „Materialisation: Umwandlung von Strahlungs- Galimat mag lexika, Elektrik,Stromoder Bewegungsenergie in materielle Teilchen1, dass heißt, der Galimat ist mal sichtbar, mal unsichtbar. Und ähnlich wie Jim kann er auch mit seiner Ausdrucksweise die Menschen nerven. Wenn er spricht, wiederholt er am Ende einer Aussage das letzte Wort. Damit signalisiert er, dass seine Rede beendet ist.
      Über das Aussehen des Galimats erfährt man punktuell aus dem Text, aber hauptsächlich aus den Illustrationen von der Kinderbuchautorin Ute Krause. Ihr jüngstes Buch ist Helma legt los, dass von ihr selbst illustriert wurde.

Paul Maar ist ein renommierter Kinderbuchautor, der vor allem durch seine Sams-Geschichten bekannt ist. Inzwischen sind die Geschichten über Sams zum größten Teil verfilmt.
      Für seine Bücher wurde er vielfach ausgezeichnet wie mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (1988), den Friedrich-Rückert-Preis (2000) und ein Jahr später mit dem E.T.A.-Hoffmann-Preis.
      Mit Der Galimat und ich hat er eine ganz neue Figur geschaffen, die sich einreiht in seine Kinderhelden wie Lippel, Herr Bello und das kleine Känguru.

Der Galimat produziert durch Materialisation die Wunderpille EWP für Jim. Wenn Jim nur für wenige Stunden erwachsen sein möchte, dann muss er die Pille in die Wangentasche seines Mundes schieben. Dann kann er zu jederzeit den Prozess beenden, indem er sie ausspuckt. Wenn er aber die Wunderpille runter schluckt, bleibt er für immer erwachsen. Es kommt, wie es kommen muss: Jim schluckt die Pille runter und verliert dabei sein photographisches Gedächtnis.

Zwischen dem Galimat und Jim entwickelt sich eine Freundschaft, die für den Außenseiter in seiner Klasse wichtig ist. Er lernt, dass besondere Fähigkeiten gut und schön sind, aber dass man diese nicht immer und immer wieder zum Besten geben muss, er braucht es nicht dauernd zu beweisen. Jim wird von dem Galimat so akzeptiert wie er ist und er begreift, dass Mitmenschen ihn ebenfalls – unabhängig von seinen Fähigkeiten – mögen.

Das spannende Kinderbuch erzählt über die Tücken des plötzlichen Erwachsenwerdens, zeigt die guten Seiten des Kindseins auf und das es sinnvoller ist, das man erst mit den Jahren erwachsen wird. Ein tolles Buch für entspannende Lesestunden.


© read MaryRead 2015

Kinderbuch

Buchbesprechung, Kinderbuch, ab 8 Jahre, Literaturkritik, RezensionPaul Maar: Der Galimat und ich
Illustrationen: Ute Krause
Kinderbuch
Alter: ab 8 Jahre
256 Seiten
gebunden
erschien: 18.02.2015
Verlag: Oetinger
ISBN 978-3-7891-4296-3
Preis: 12,99 € (D), 13,40 € (A)

 

Filmbeitrag:
Talk mit dem Kinderbuchautor Paul Maar

Home > Rezensionen > Kinderbuch > 8 bis 10 Jahre > Literaturmagazin: Ostern und Finnland > „Der Galimat und ich“ von Paul Maar