„Super-Laura“ von Håkon Øvreås

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Nepotistisches muss verhindert werden

Superman will nichts geringeres als die Welt retten und so fliegt er mit seinem Mantel überall dorthin, wo er vermeintlich gebraucht wird. Solch hohen Anspruch haben die drei Kinder Bruno, Matze und Laura nicht, ihnen reicht es, wenn sie dem nervigen Pastorensohn mal ordentlich die Leviten lesen und den Bau einer großen Hühnerfarm verhindern können.

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Geld zu Kopf gestiegen, © Øyvind Tørseter

Die drei Kinder leben in einer Ortschaft in Norwegen, dort, wo schon früh im Jahr der Winter Einzug hält. Laura hat noch eine ältere Schwester, Margit, die sich mitten in der Pubertät befindet und ihre Familie häufig an den Rand der Verzweiflung bringt, laute Musik aus ihrem Zimmer ist an der Tagesordnung, ebenso regelmäßig ziehen die Eltern den Stecker. Lauras Mutter arbeitet im Rathaus; sie ist bodenständig. Der Vater von Laura ist Ingenieur, derzeit ohne Anstellung. Als der erfolgreiche Geschäftsmann Tom Hahn ankündigt, er würde am Stadtrand eine große Hühnerfarm eröffnen (ein Schelm, der bei diesem Namen keinen Zusammenhang erkennt), bewirbt sich der Vater bei ihm und freut sich auf den Tag, wo er endlich mit seiner Arbeit beginnen kann.
     Håkon Øvreås verwebt in seinem Kinderbuch mehrere Ebenen miteinander: Auf der einen Seite ist die Politik, die, wie so häufig, gekoppelt ist an die Wirtschaft, auf der anderen Seite gibt es das ganz normale Familienleben, die ganz normale Dorfgemeinschaft. Laura erkennt allmählich, wie die Gemeinschaft funktioniert, dass es Gesetze gibt, an die sich jeder halten muss, sie erkennt aber auch, dass nicht alles so ist wie es scheint.
    
Laura, Matze und Bruno ahnen nicht, was sie mit ihrer Superman-Show auslösen, eigentlich sollte es nur eine harmlose aber deutliche Aktion werden, als sie in der Nacht ihre Superman-Mäntel anziehen und damit eine andere Identität annehmen. Sie dringen in die Garage des Pastors ein, streichen sämtliche Umzugskartons in verschiedenen Farben an.

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Die farbigen Illustrationen von Øyvind Tørseter sind für unseren Blick zuerst etwas gewöhnungsbedürftig, da der Illustrator häufig zwei Ebenen miteinander verbindet, nämlich, dass was nach außen hin sichtbar geschieht und die Gefühlswelt, meist aus der Perspektive von Laura. Auf diese Weise schafft er es, die Darstellungen nicht nur interessant zu machen sondern sie regen zum Weiterdenken an.
     Apropos Weiterdenken: Das Denken ist der Grundtenor des Romans „Super-Laura“. Das Mädchen versucht herauszufinden, was nepotistisch bedeutet, ein Wort, dass sie zufällig bei den Nachrichten aufgeschnappt hat. Der Reporter wirft nämlich der Ministerpräsidentin vor, dass sie nepotistisch handeln würde. Im weiteren Verlauf der Handlung lernt Laura auf praktische Weise kennen, welche Auswirkungen nepotistisches Verhalten haben kann, die gesamte Gemeinschaft wird beinahe in Mitleidenschaft gezogen.

Sehr geschickt setzt der norwegische Schriftsteller die einzelnen Handlungsstränge zusammen, mehr noch, ihm gelingt es, trotz der verschiedenen Ebenen die Leser nicht zu verwirren, sie werden Schritt für Schritt, die logisch aufeinander aufbauen, in das Geschehen geführt.
    Super Laura“ ist der dritte und letzte Band aus der Reihe. Für das erste Band „Super Bruno“ wurde Håkon Øvreås 2016 mit dem LUCHS des Jahres ausgezeichnet, 2017 war es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Håkon Øvreås beherrscht die Kunst, Kompliziertes mit einfachen Worten zu erklären, zugleich hat er daraus eine spannende Geschichte gemacht. – Absolut lesenswert.

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Kinderbuch

Kinderbuch, Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Roman, Norwegen,Håkon Øvreås: Super-Laura
Originaltitel: Blåse
Übersetzung aus dem Norwegischen: Angelika Kutsch
Illustrationen: Øyvind Tørseter
Kinderbuch
Alter: ab 9 Jahre
194 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 182 x 128 x 15 mm
Gewicht: 286 g
erschien: 08.05.2018
Verlag: Hanser
ISBN 978-3-446-25873-0
Preis: 12,00 € (D), 12,40 € (A)

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(Teil 1, vorheriger Teil), Fortsetzung Autobiografie:Theodor Fontane: Meine Kinderjahre

… Kälte erreichte. Der Kognak in seiner Flasche war zu einem Eisklumpen gefroren. Desto wärmer empfing ihn die verwitwete Frau Geisler, die, weil ihr das Jahr vorher der Mann gestorben war, ihre Apotheke so schnell wie möglich zu verkaufen wünschte. Dazu kam es denn auch. In dem, diesen Geschäftsabschluß anmeldenden Briefe hieß es: »Wir haben nun eine neue Heimat, die Provinz Pommern, Pommern, von dem man vielfach falsche Vorstellungen hat; denn es ist eigentlich eine Prachtprovinz und viel reicher als die Mark. Und wo die Leute reich sind, lebt es sich auch am besten. Swinemünde selbst ist zwar ungepflastert, aber Sand ist besser als schlechtes Pflaster, wo die Pferde ewig was am Spann haben. Freilich ist noch ein halbes Jahr bis zur Übergabe, was ich beklage. Man muß doch wieder etwas tun, wieder eine Beschäftigung haben.«
     Drei Tage nach Eingang dieses Briefes war er selber wieder da. Wir wurden verschlafen aus den Betten geholt und mußten uns freuen, daß es nach Swinemünde gehe.
    
Mir klang das Wort bloß befremdlich.

Drittes Kapitel

Unsere Übersiedelung nach Swinemünde
Ankunft daselbst

Das halbe Jahr bis zur Übernahme des neuen Geschäfts verging langsam, aber es verging. Etwa Ende Mai begann das Verpacken und Aufladen unseres inzwischen durch den Tod des Großvaters vermehrten Mobiliarvermögens, und als vier Wochen später die Nachricht kam, daß alles glücklich in der neuen Heimat angelangt sei, brachen wir am Johannistage 1827 auf, um selber die Reise dorthin zu machen. Meine Mutter war nicht mit dabei, sie hatte sich Mitte Juni nach Berlin begeben, um sich daselbst einer Nervenkur bei dem damals berühmtesten Arzte, dem Geheimrat Horn zu unterziehen. Horn empfahl ihr das, was noch heute empfohlen wird. »Verpflegen Sie sich gut, meine verehrte Frau (man sagte damals in bürgerlichen Kreisen noch nicht ›meine gnädige Frau‹) und suchen Sie sich unangenehmen Eindrücken nach Möglichkeit zu entziehn.« Und gerade so wie jetzt; dieser ärztliche Rat half auch, solange es möglich war, ihm nachzukommen. In Berlin, unter den dort lebenden Freundinnen aus der Lionnetschen Pension, hatte sich das tun lassen; als meine Mutter aber etliche Wochen später in Swinemünde eintraf und vieles anders fand, als sie wünschte, war es mit »Vermeidung unangenehmer Eindrücke« vorbei, und die Nervenzustände stellten sich wieder ein.
     Unsere Reise hatte mittlerweile begonnen und ging, auf drei Tage berechnet, auf nächstem Wege durch Uckermark, Mecklenburg-Strelitz und Schwedisch-Pommern. Wir waren, groß und klein, sechs Personen: mein Vater, vier Kinder und die Amme des jüngsten Kindes, eine zigeunerhafte, häßliche Wendin, von, wie sich später herausstellte, schlechtem Charakter, die sich durch nichts als durch eminente spezielle Berufserfüllung meinem erst halbjährigen jüngsten Bruder gegenüber auszeichnete. Den ersten Tag kamen wir bis Neu-Strelitz, wo sich uns ein für die Apotheke brieflich engagierter Gehilfe zugesellte, Herr Wolff, ein sehr hübscher krausköpfiger Mann, und trotzdem er Mecklenburger war, von durchaus brünettem Typus. Er empfahl sich unserm Hause, wie gleich hier bemerkt werden mag, durch Brauchbarkeit und gute Manieren und hatte das Glück, seine durch zwei lange Jahre hin nicht bloß von Erfolgen, sondern auch von »Folgen« begleiteten Liebesverhältnisse beständig pardonniert zu sehen, bis ihm endlich eine junge bildschöne Person, ein Liebling meiner Eltern, zum Opfer fiel. Da fiel er denn, sehr berechtigt, mit. Aber das alles stand zu der Zeit, von der ich, hier spreche, noch weit aus. Vorläufig war er, trotz weiterer Beengung des ohnehin engen Platzes, ein sehr angenehmer Reisegefährte, der sich mit uns Kindern ebenso geschickt wie liebenswürdig unterhielt und in seiner mehr als korrekten Haltung der Amme gegenüber auch nicht das geringste von seiner starken »schwachen Seite« vermuten ließ. Der zweite Tag führte uns bis Anklam. »Hier sind wir nun schon in Pommern«, sagte mein Vater, der eine Gelegenheit, etwas Geographisch-Historisches anzubringen, nicht gern vorübergehen … Fortsetzung folgt