„Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green

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Gesucht, geschenkt, verliebt

In einem Lied heißt es: Die Gedanken sind frei. Im Kern stimmt dies für die meisten Menschen, doch so ähnlich wie das Sprichwort „Wo viel Licht ist, gibt es auch viel Schatten“ besagt, muss es ein ähnliches Prinzip bei den Gedanken geben, soll heißen, es gibt auch unfreie Gedanken.

Seit Tagen ist der Multi-Milliardär Russell Pickerl im wahrsten Sinne des Wortes abgetaucht, er wird polizeilich gesucht, es locken 100.000 Dollar „Finderlohn“. Das sorgt für Schlagzeilen in der amerikanischen Stadt Indianapolis. Dabei ist den meisten der Milliardär völlig gleichgültig, zumal er wegen Korruption gesucht wird und in seinem Testament darüber verfügt, dass ein einziges kleines Tier alles erben soll, während seine beiden Kinder leer ausgehen; was sie lockt, sind die 100.000 Dollar. Aza Holmes und ihre Freundin Daisy beteiligen sich an der Suche, träumen schon davon, was sie mit dem Geld anfangen könnten.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ hatte die Erkrankung Krebs zum Thema; John Green bleibt sich treu, in seinem neuen Roman „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ thematisiert er eine Zwangsstörung gepaart mit Ängsten vielerlei Natur. Und auch dieser Jugendroman ist nicht nur Besteller verdächtig sondern könnte, wie beim vorherigen, auch etliche Erwachsene wieder in den Bann ziehen.
     Zwangsstörungen haben ihre Tücken, insbesondere deshalb, weil sie den Erkrankten in den unangenehmsten Situationen überfallen, eben genau dann, wenn man sie ganz und gar nicht gebrauchen kann. Therapien helfen nur sehr bedingt, davon kann Aza Holmes ein Liedchen singen. Wie sehr Menschen darunter leiden, wird in dem Roman eindrucksvoll geschildert. John Green muss für diesen Roman intensiv recherchiert haben – anders lässt es sich nicht erklären – um deutlich zu machen, was die Erkrankung für die Betroffenen bedeutet aber eben auch für ihr unmittelbares Umfeld, dass es sich hierbei um keine Krankheit handelt, die mit einem Beinbruch vergleichbar wäre. Weder sind Zwangsstörungen in sechs Wochen abgehakt noch lässt sie sich so ohne weiteres abschütteln. Und noch eines wird im Roman sehr deutlich: Den Betroffenen mangelt es nicht an Disziplin, im Gegenteil, sie haben zu viel davon, ein normaler Alltag ist für sie kaum möglich.

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Der Roman besteht aus drei Ebenen: der Oberfläche, die für alle sichtbar ist; die Unterwelt und die Zwischenwelt.
     Die Unterwelt beinhaltet das, was im allgemeinen damit verbunden wird: die Kriminalität, darüber hinaus aber auch das Unterbewusstsein. Seit Sigmund Freud wissen wir, dass in jedem Menschen das Unterbewusstsein existiert, auf das wir nur sehr bedingt Einfluss haben. Obwohl Aza sehr schräg drauf ist, zuweilen bei ihrer besten Freundin Daisy Kopfschütteln auslöst, die ansonsten vor allem möglichem Angst hat, scheint sie ihr Unterbewusstsein sehr gut zu kennen, sie bewegt sich in der Unterwelt sehr selbstbewusst. Daisy hingegen, die ansonsten nicht auf den Mund gefallen ist, bekommt es mit der Angst zu tun.
    
Eintritt in die Unterwelt wird nur denen gewährt, die bereit sind, die Zwischenwelt zu betreten, im Roman ist es eine besondere Kunstausstellung in einem Tunnel. Wer bereit ist, die Unterwelt kennenzulernen, muss die Kunstausstellung verlassen und auf eigene Faust sich im Tunnelsystem zurecht finden. Ein Kontakt nach draußen via Handy oder ähnliches ist nicht möglich, man ist komplett auf sich gestellt.

Aza kann sich bei der Suche nach dem Milliardär nicht mit vollem Herzen beteiligen, selbst das viele Geld kann sie nicht wirklich locken. Außerdem kennt sie den Sohn des Gesuchten, Davis Picket, noch aus ihren Kindertagen, verliebt sich dann in ihn. Die Liebe ist keineswegs einseitig, Davis scheint für sie wie Geschaffen zu sein, er findet sogar einen Umgang mit ihren Zwangsgedanken, doch das Leben spielt schon mal eine Saite, die man nicht eingeplant hat. Im letzten Kapitel heißt es:

„Und während du die Geschichte aufschreibst, wird dir klar, dass die Liebe keine Tragödie, kein Scheitern ist, sondern ein Geschenk.“

Nicht nur die Liebe ist ein Geschenk, auch dieser Roman ist es.

© read MaryRead 2018

Rezensionen

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Originaltitel: Turtles All The Way Down
Übersetzung aus dem Englischen: Sophie Zeitz
Jugendroman
Alter: ab 14 Jahre
286 Seiten
gebunden
Format (H x B x T): 219 x 150 x 28 mm
Gewicht: 448 g
erschien: 08.11.2017
Verlag: Hanser
ISBN 978-3-446-25903-4
Preis: 20,00 € (D), 20,60 €

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