„Das hier ist kein Tagebuch“ von Erna Sassen

Rezension, Jugendbuch, ab 14 Jahre, Buchbesprechung, Literaturkritik, Stabat Mater oder TherapieStabat Mater oder Therapie?

Von einigen Schriftstellern ist bekannt, dass sie Tagebuch geführt haben, wie Goethe, Franz Kafka und Thomas Mann. Doch das war in alten Zeiten, heute veröffentlicht man seine Gedanken auf Bloggerseiten. Der 16jährige Jugendliche behauptet hingegen: Das hier ist kein Tagebuch und die Schriftstellerin Erna Sassen überlässt dem Leser die Entscheidung.

In Nachbars Garten wird gemäht. Rasenmähen ist Krach, akustischer Umweltmüll, der einen nervt oder gar zornig macht. Genervt und zornig ist der 16jährige Boudewijn, aber nicht wegen dem Rasenmähen, das wäre für ihn zu banal, nein, er ist sehr wütend auf seine Mutter.
     Seine Mutter war psychisch krank, mehrmals in der Klinik. Sie nehmen es richtig wahr, der Satz ist in der Vergangenheitsform geschrieben. Für Boudewijn und seiner jüngeren Schwester Fussel ist die Mutter Vergangenheit.

Die niederländische Kinderbuchautorin rückt in ihrem Buch Das hier ist kein Tagebuch eine psychisch kranke Mutter in den Mittelpunkt und sie ist doch abwesend. Dabei wird nichts beschönigt, weder bleiben die psychiatrischen Klinikaufenthalte außen vor, noch wird verheimlicht, dass die Mutter sehr oft ihre Medikamente nicht genommen hat.
     Erna Sassen greift ein Thema auf, wovon etliche Kinder und Jugendliche betroffen sind. Bei schwerer Erkrankung eines Elternteils, sei es körperlich oder seelisch, werden Kinder und Jugendliche von heute auf morgen in eine andere Rolle gestoßen, mit einem Zitat aus Jugendroman, ab 14 jahre, Stabat Mater, DolorosaMal müssen sie Rücksicht auf das betroffene Elternteil nehmen, eigene Wünsche werden hinten angestellt, alles dreht sich nur noch um die Sorge des kranken Erwachsenen, kurzum: sie müssen nahezu Erwachsen sein. Bislang werden von der Gesellschaft körperliche und seelische Erkrankungen unterschiedlich bewertet, körperliche Erkrankung ist Schicksal, hingegen gelten psychische Erkrankungen als persönliches Versagen und oft genug heißt es: selber Schuld, stell dich nicht so an. Dabei wird den Erkrankten unterstellt, dass sie sich zu wenig anstrengen. Nur eine psychische Erkrankung ist eine Krankheit, die nicht sofort sichtbar ist, es sind Prozesse, bei denen Erkrankte aber auch Angehörige ausgeliefert sind. Kinder und Jugendliche können viel aushalten, aber wenn beispielsweise die Mutter eines Tages auf dem Boden liegt, nichts mehr von sich gibt, weil sie Selbstmord begehen wollte, dann kann man als Kind und Jugendliche sehr wütend werden, doch wenn aus dem Versuch ein „Gelungen“ wird, ist die Grenze des Aushaltbarens überschritten. Die Mutter von Boudewijn und Fussel hat sich vor einiger Zeit das Leben genommen. Fussel war noch zu jung, um es zu begreifen, aber der 16jährige hat nichts von dem Tag, als es geschah, vergessen. Seine Antwort darauf ist Rückzug, sich unempfindlich gegenüber der Außenwelt machen. Aber eines Tages bricht er buchstäblich zusammen. Sein liebevoller Vater ist in großer Sorge und stellt ihn vor die Wahl: Entweder er schreibt über das was ihn bewegt in ein Heft und hört sich klassische Musik von Pergolesi Stabat Mater an oder er muss zu einem Psychotherapeuten. Nur widerstrebend beginnt Boudewijn in seinem Heft Tagebuch zu führen. Leser können die Auf und Ab´s mitverfolgen, wie er in der Schule abbaut, seine erste Liebe kennenlernt, seiner Wut auf seine Mutter endlich Raum und Zeit geben kann, dafür Worte findet.

Verfasst ist das Jugendbuch in einer Art Jugendslang, kurze Sätze mit Alltagssprache, abhängig vom Gefühlszustand des 16jährigen. Das Tagebuch beginnt am 7. Februar und endet vorläufig am 25. April, insgesamt 77 Tage oder 11 Wochen. In dieser Zeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Geschehenen, aber auch mit sich selber. Sein Schreiben ist nicht für eine Nachwelt gedacht, wie es früher einige Schriftsteller taten, und so bleiben einige Sätze unvollendet, bleiben Aussagesätze ohne weiterer Erläuterung. Nur manchmal hat er das Bedürfnis dann doch etwas genauer zu werden, dass sich hauptsächlich in Klammern befindet. Vielleicht gibt es die Überlegung, es doch irgendwann mal jemanden zu zeigen oder wie schon bei seinem ersten Eintrag die Befürchtung ausgesprochen wird, dass es jemand in hundert Jahren entdecken könnte und es erbärmlich findet, dass ein Pubertierender ein Tagebuch führt. Dazwischen gibt es zwei Tage (5. und 7. März), die von ihm sehr kurz gehalten werden, da er zu müde ist.
     Am 7. Februar 2008 starb der niederländische Sänger Wilhelmus Albertus (Benny) Neyman. Eines seiner bekanntesten Lieder ist „Dann ruf’ ich wieder Deinen Namen“, womit ihm 1985 der Durchbruch gelang.1
     Die niederländisch-schwedische Sängerin und Artistin Suzie starb am 5. März 2008, besser gesagt, sie wurde tot in ihrer Wohnung aufgefunden.2  

Auch die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 ist auf dieses Buch aufmerksam geworden und haben es gleich zweimal nominiert: Kategorie Jugendbuch und Preis der Jugendjury. Ihre Begründung lautet:
Kritikerjury
Ein Tagebuch – kein Tagebuch? Der Protagonist des Romans wehrt sich gegen die Aufgabe, die der Vater ihm stellt: Bewältige deine Ängste, schreib jeden Tag etwas auf und höre jeden Tag Musik. Bou ist 16 und lebt seit dem Tod seiner Mutter für sich. Er ist depressiv, verbringt viel Zeit mit seiner kleinen Schwester und hat Angst vor allem. Nach anfänglichem Widerstand seziert er in seinen Aufzeichnungen Gefühle wie Wut, Empörung, Trauer mit großer Ehrlichkeit und in einer reduzierten Sprache, die Rolf Erdorf feinfühlig ins Deutsche übertragen hat.
    
Die Verarbeitung der Vergangenheit und die Bewältigung Maskotchender Gegenwart sind in diesem Roman eng verknüpft und die erzählte Zeit und Erzählzeit greifen dabei oft ineinander. Musik spielt eine große Rolle: Der Vater hat Bou Stücke von Sting über Giovanni Battista Pergolesi und Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow bis zu Arvo Pärt gegeben, die dem Protagonisten wie auch dem Leser eigene Reflexionsmöglichkeiten bieten. Die schweren Themen des Buchs hat die Autorin so in einem hoffnungsvollen Text verarbeitet, der Möglichkeiten zum Umgang mit Trauer und Verlust aufzeigt.“3 

Der 16jährige wird für seine Mühen am Ende belohnt, aber auch Leser werden um einige Kenntnisse bereichert. Das Thema der Depression wird behutsam ohne Gefühlsduselei behandelt. Erna Sassen lässt den weiteren Lebensweg von Boudewijn offen. Eine lohnenswerte Lektüre.

Zora Held
© read MaryRead 2016

Jugendbuch


PorträtErna Sassen: geboren 1961 in Beverwijk / Niederlande, trat nach ihrer Ausbildung an der Theaterschool in Amsterdam in Musicals, Theatervorstellungen und im Fernsehen auf. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn Mats und ihrer Tochter Micky in Haarlem.


Rolf Erdorf:
1956 geboren, studierte Germanistik und Niederländische Philologie. Heute arbeitet er hauptberuflich als Übersetzer aus dem Niederländischen. 2006 wurde er mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.


Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik, Jugendbuch, ab 14 JahreErna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch
Originaltitel: Dit is geen dagboek
Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf
Roman
Alter: ab 14 Jahre
183 Seiten
gebunden
Format (H/B/T): 224 x 141 x 19 mm
Gewicht: 380g

erschien: 27.08.2015
Verlag: Freies Geistesleben
ISBN 978-3-7725-2861-3
Preis: 17,90 € (D), 18,40 € (A)


Konzertausschnitt: Pergolesi Stabat Mater – Live Concert (HD) – Concerto Köln – Concertgebouw Amsterdam

Home > Rezensionen > Jugendbuch > „Das hier ist kein Tagebuch“ von Erna Sassen


1 (): Vgl. Wikipedia: Benny Neyman, zuletzt abgerufen am 30.05.2016
2 (): Vgl. Wikipedia: Suzie (Sängerin), zuletzt abgerufen am 30.05.2016
3 (): Deutscher Jugendliteraturpreis, Nominierungen 2016, Jugendbuch, Abbildungen: Jury und Maskottchen, zuletzt abgerufen am 30.05.2016
(): Foto: Erna Sassen


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