Literaturkalender: 22. März

Johann Wolfgang von Goethe,

Inhaltsverzeichnis:

Literaturhistorie
> Literaturpreise und Auszeichnungen
> Erschienene Bücher

> Brief von Stefan Zweig an Maxim Gorki
> Geboren
> Aus dem Tagebuch von Franz Kafka 1912
> Gestorben
> Aus „Italienische Reise“ von Johann Wolfgang von Goethe

Literaturhistorie

1933: Die Buchstabiertafel wird arisiert.
1948: Die dänische Rechtschreibreform tritt in Kraft. Sie schafft die Großschreibung von Substantiven ab und führt den Buchstaben Å ein.
2017: Im Landgericht Halle findet die 4. Kriminacht statt.

Literaturpreise und Auszeichnungen

2017: Der norwegische Schriftsteller Håkon Øvreås wird für sein Kinderbuch „Super-Bruno“ mit dem LUCHS des Jahres – 2016 im Ring-Café in Leipzig ausgezeichnet.

Erschienene Bücher

1776: Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther (Neuüberarbeitung von Goethe)
2016: Marcel Beyer: Muskatblut, Muskatblüt (Gedichte) vgl. Georg-Büchner-Preis 2016
2016: Stewart O’Nan: Westlich des Sunset (Roman)

Brief von Stefan Zweig an Maxim Gorki

An Maxim Gorki

[Als Vortrag verlesen]

März 1928

Als Ihr Name berühmt wurde, Maxim Gorki, drückte ich noch die Schulbank, und wir Knaben wußten von Rußland nur ein Geringes. Auf den Landkarten, die wir lernten, lag es weitab von unsern Städten und Flüssen, breit und mächtig, eine riesige dunkle Gewitterwolke, herüberziehend vom Pazifischen Ozean und unser winziges Europa fast erdrückend. Und die Lehrer erzählten dazu: ein gewaltiges Reich, aber – leider! – kulturell arg rückständig, noch sehr verwahrlost und barbarisch, mit bedauerlich viel Analphabeten. Aber meinen Sie nicht, es sei politischer Haß gewesen, der sie so hochmütig reden ließ! Es war nichts als der gutmütig dumme Stolz auf unsere herrlich vorgeschrittene Schulbildung und Zivilisation, in der Europa schon eine Gewähr höherer Menschlichkeit erblickte. Wir haben lange selbst an diese Zivilisationsüberlegenheit dank Seife und Büchern geglaubt, wir Europäer, und nicht auf der Schulbank bloß. Erst 1914, als beim ersten Ruck dieser dünne Überwurf zerriß und die Muskeln des Schlächters in unserer Menschheit nackt hervortraten, wußten wir um ihre ganze Armseligkeit.
     Dann kam die Universität, und Rußland trat abermals an mich heran in den Gestalten Tolstois und Dostojewskis; dies unerwartet Neue warf mich in leidenschaftlichen Seelenrausch. Ungeheure Menschlichkeit tat sich auf, eine niegeahnte Tiefe des Gefühls, verführerisch wie ein Abgrund. Mit welch erschreckter Bewunderung lebten wir sie nach, diese großartig über sich selbst hinaus, über alles Mittlere der Menschlichkeit zu ihren äußersten Polen, zum Verbrecher und zum Heiligen getriebenen Gestalten! Wir liebten sie und erschauerten vor ihnen, wir waren ihnen verbunden in einem sehr verwirrten und fast angstvollem Gefühl. Wir liebten sie und erschauerten vor ihnen, denn etwas von Fremdheit war zwischen ihnen und uns, etwas Maßloses und Selbstfeindliches, vor dem wir erschraken. Leidenschaftlich liebte ich diese Gestalten mit der Seele und hatte doch deutlich das Gefühl, ich könnte mit ihnen nicht leben, mit diesen ewig fiebernden, ewig sich selbst gewaltsam ausdenkenden, wider sich selbst exzedierenden Riesengestalten. Damals erkannte ich erstmalig Rußlands Genie; aber noch wußte ich nichts von seinem Volk, von seiner wirklichen Kraft.
    
Und dann kamen Ihre Bücher an mich heran, Maxim Gorki; an ihnen erkannte ich abermals ein Neues: die russische Kraft, die russische Gesundheit, Herz und Form dieser großen Nation.
    
Hatten jene uns den außerordentlichen Menschen gezeigt, gleichsam das Extrem des russischen Menschen, übergeistigt und überleidenschaftlich, ahnte ich dank jener die zerstörenden Kräfte dieses Volksgeistes, so gewahrte ich dank Ihnen die erhaltenden, die still und verborgen gestaltenden. Ich fühlte beglückt, daß das eigentliche Volk hüben und drüben und allerorts, in allen Ländern, unter allen Himmeln dasselbe ist so wie die Urkräfte der Erde selbst, wie Weizen und Gerste, der von gleichem Erdreich genährte, von der gleichen Sonne gekelterte heilige Urstoff. Das Brot wird anders gebacken und geformt, heller oder dunkler, süßer oder herber bei den verschiedenen Nationen und Völkern, die schöpferische Substanz aber, das Korn ist dasselbe. Und diesen Urstoff Volk haben Sie wie keiner unserer Zeit dichterisch sichtbar gemacht. Sie haben ihn künstlich in Gärung versetzt und zum Gott aufgeschwellt wie Dostojewski und Tolstoi, nicht auch versüßlicht und verzuckert wie die meisten Volksschriftsteller: Sie haben das Volk aufgezeigt mit einer hinreißenden Sachlichkeit, einer ungezwungenen Ehrlichkeit, mit der einzigartigen Unbestechlichkeit Ihres geraden und menschlichen Blicks. Sie übertreiben nicht, und Sie unterdrücken nicht. Sie sehen alles und sehen alles klar und wahr. Darum bedeutet Ihr Blick, Ihr Auge für mich eines der Wunder der gegenwärtigen Welt. Tolstoi und Dostojewski hatten die Gnade, alles groß und übergroß zu schauen, was ihr Blick berührte – Ihr Genie dagegen, Maxim Gorki, ist: gerecht zu sehen und im allerwahrhaftigsten Maße. Wenn Sie einen Menschen schildern, bin ich bereit zu beschwören: so war er, wie Sie ihn sehen, nicht größer und nicht geringer. Denn Ihr Maß irrt niemals, es fälscht und verändert nicht, es ist das genaueste und präziseste optische Instrument der Seele, das wir heute in der Literatur besitzen. Ich kenne kein Bild Tolstois unter seinen zehntausend Photographien und zehntausend biographischen Berichten, das diesen Menschen so atmend wahr der Nachwelt erhält, als die sechzig Seiten, in denen Sie ihn gefaßt und durchlichtet. Und genau wie diesen Größten haben Sie mit gleicher Gerechtigkeit den ärmsten Vagabunden, den verlorensten Zigeuner der russischen Straße gesehen. Durch Sie ist die russische Welt uns dokumentarisch geworden, der russische Mensch nicht nur in seiner weiten Seele, sondern auch in seinem täglichen Dasein, in seiner sinnlichen Irdischkeit uns nah und erschließbar.
Eine solche grandiose Gerechtigkeit des Blicks kann bei einem Künstler nie bloße Augenfunktion sein, Geheimnis und Technik der Pupille, sie muß organisch aus der Redlichkeit eines Herzens stammen, aus einem angeborenen urtümlichen Gerechtigkeitsgefühl, das den ganzen Menschen umfaßt. Ich habe nie das Glück gehabt, Ihnen persönlich zu begegnen, aber ich weiß aus jeder Zeile Ihres Werkes um die sieghafte Wahrhaftigkeit Ihres Wesens. Denn man kann die Wahrheit von tausend und tausend Gestalten nicht so bilden, ohne wahrhaftige Gestalt zu sein. Es ist, als hätte Sie ein ganzes Volk aus seiner ungeheuren anonymen Masse als Zeugen vorgesandt, daß Sie sein Wesen zur Anschauung, seine geheimsten Gedanken und Wünsche zum Worte erheben, und Sie haben diese gewaltige Botschaft treu und großartig übermittelt. Wenn wir heute viel von dem russischen Volke wissen, wenn wir es lieben und seiner Seelenkraft vertrauen, so danken wir zum großen und größten Teile dies Ihnen, Maxim Gorki, und indem wir heute ergriffen und dankbar Ihre Hand fassen, fühlen wir in ihr das Fleisch und das warm rollende Blut der ganzen russischen Welt. In Liebe und Verehrung

Stefan Zweig

Anmerkung: Die bis dahin erschienen Werke von Stefan Zweig werden durch mithilfe von Maxim Gorki ins Russische übersetzt.

Geboren

1973: Alexa Hennig von Lange, deutsche Schriftstellerin

1968: Mikaël Ollivier, französischer Schriftsteller

1950: Lieselotte Biermann, deutsche Übersetzerin (englische Literatur) und Schriftstellerin

1947: Aleida Assmann, deutsche Literaturwissenschaftlerin
1947: André Heller, österreichischer Dichter und Schriftsteller
1947: Érik Orsenna, französischer Schriftsteller

1946: Rudy Rucker, amerikanischer Schriftsteller

1933: Eveline Hasler, schweizerische Schriftstellerin

1925: Wolfgang Bächler, deutscher Lyriker und Schriftsteller
1925: Beno Zupančič, slowenischer Schriftsteller

1924: Paul Fussell, amerikanischer Literaturwissenschaftler (englische Literatur)

1920: Ludvík Kundera, tschechischer Schriftsteller

1919: Bernard Krigstein, amerikanischer Buchillustrator

1909: Gabrielle Roy, französischsprachige kanadische Schriftstellerin

1908: Albrecht Goes, deutscher Schriftsteller

1903: Jochen Klepper, deutscher Schriftsteller

1895: Béla Illés, ungarischer Schriftsteller

1892: Karel Poláček, tschechischer Schriftsteller

1879: Léon Deubel, französischer Lyriker

1876: Borisav Stanković, serbischer Schriftsteller

1873: Gertrud Caspari, deutsche Kinderbuch-Illustratorin

1872: Fritz Stüber-Gunther, österreichischer Schriftsteller

1871: Franz Adam Beyerlein, deutscher Schriftsteller

1846: Randolph Caldecott, britischer Buchillustrator

1771: Johann Heinrich Daniel Zschokke, deutscher Schriftsteller

1750: Gustav Graf von Schlabrendorf, deutscher Schriftsteller

1712: Edward Moore, englischer Dramatiker und Schriftsteller

Aus dem Tagebuch von Franz Kafka 1912

22. März. (Ich habe die letzten Tage falsche Daten geschrieben.) Baums Vorlesung in der Lesehalle. G. F., neunzehn Jahre, heiratet nächste Woche. Dunkles fehlerloses mageres UnterschriftGesicht. Gewölbte Nasenflügel. Seit jeher trägt sie jägerartige Hüte und Kleider. Auch dieser dunkelgrüne Abglanz auf dem Gesicht. Die Haarsträhnen, welche die Wangen entlanglaufen, scheinen sich mit frischen, entlang der Wangen wachsenden zu vereinigen, wie überhaupt der Schein einer leichten Behaarung über dem ganzen ins Dunkel gebeugten Gesichte liegt. Schwach auf die Sessellehne gestützte Spitzen der Ellbogen. Dann auf dem Wenzelsplatz eine schwungvolle, vollkommen mit wenig Kraft zu Ende geführte Verbeugung. Wendung und Aufrichtung des ärmlich und rauh gekleideten magern Körpers. Ich sah sie viel seltener an, als ich wollte.

Gestorben

1771: Gottlieb Wilhelm Rabener, deutscher Schriftsteller

1832: Johann Wolfgang Goethe, deutscher Dichter und Schriftsteller

1920: Mihael Lendovšek, slowenischer Schriftsteller

1924: Louis Delluc, französischer Schriftsteller

1947: Wilhelm Ernst Asbeck, deutscher Schriftsteller

1969: Gerhard Fritsch, österreichischer Schriftsteller

1977: Murayama Tomoyoshi, japanischer Schriftsteller

2006: Pierre-Henri Clostermann, französischer Schriftsteller

2014: Friedl Hofbauer, österreichische Lyrikerin und Schriftstellerin

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Goethe in der römischen CampagnaAus „Italienische Reise“ von Johann Wolfgang von Goethe

Neapel, den 22. März 1787.

Triebe mich nicht die deutsche Sinnesart und das Verlangen, mehr zu lernen und zu tun als zu genießen, so sollte ich in dieser Schule des leichten und lustigen Lebens noch einige Zeit verweilen und mehr zu profitieren suchen. Es ist hier gar vergnüglich sein, wenn man sich nur ein klein wenig einrichten könnte. Die Lage der Stadt, die Milde des Klimas kann nie genug gerühmt werden, aber darauf ist auch der Fremde fast allein angewiesen.
     Freilich wer sich Zeit nimmt, Geschick und Vermögen hat, kann sich auch hier breit und gut niederlassen. So hat sich Hamilton eine schöne Existenz gemacht und genießt sie nun am Abend seines Lebens. Die Zimmer, die er sich in englischem Geschmack einrichtete, sind allerliebst, und die Aussicht aus dem Eckzimmer vielleicht einzig. Unter uns das Meer, im Angesicht Capri, rechts der Posilipo, näher der Spaziergang Villa Reale, links ein altes Jesuitengebäude, weiterhin die Küste von Sorrent bis ans Kap Minerva. Dergleichen möcht‘ es wohl in Europa schwerlich zum zweiten Male geben, wenigstens nicht im Mittelpunkte einer großen, bevölkerten Stadt.
    
Hamilton ist ein Mann von allgemeinem Geschmack und, nachdem er alle Reiche der Schöpfung durchwandert, an ein schönes Weib, das Meisterstück des großen Künstlers, gelangt.
    
Und nun nach allem diesem und hundertfältigem Genuß locken mich die Sirenen jenseits des Meeres, und wenn der Wind gut ist, geh‘ ich mit diesem Briefe zugleich ab, er nordwärts, ich südwärts. Des Menschen Sinn ist unbändig, ich besonders bedarf der Weite gar sehr. Nicht sowohl das Beharren als ein schnelles Auffassen muß jetzt mein Augenmerk sein. Hab‘ ich einem Gegenstande nur die Spitze des Fingers abgewonnen, so kann ich mir die ganze Hand durch Hören und Denken wohl zueignen.
    
Seltsamerweise erinnert mich ein Freund in diesen Tagen an »Wilhelm Meister« und verlangt dessen Fortsetzung; unter diesem Himmel möchte sie wohl nicht möglich sein, vielleicht läßt sich von dieser Himmelsluft den letzten Büchern etwas mitteilen. Möge meine Existenz sich dazu genugsam entwickeln, der Stengel mehr in die Länge rücken und die Blumen reicher und schöner hervorbrechen. Gewiß, es wäre besser ich käme gar nicht wieder, wenn ich nicht wiedergeboren zurückkommen kann.


© read MaryRead 2017

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