Literaturkalender: 6. Mai

Lymann Frank Baum, amerikanischer Schriftsteller

 Inhaltsverzeichnis

> Literaturhistorie Allgemein
> Verfolgungen und Verhaftungen von Journalisten und Schriftsteller
> Erschienene Bücher
> Literaturfeste, –festivals und -biennalen
> Literaturpreise und Auszeichnungen
> Aus dem Tagebuch von Franz Kafka 1912
> Geboren
> Aus dem Tagebuch von Franz Kafka 1914
> Gestorben
> Franz Kafka: Rede über die jiddische Sprache

Literaturhistorie

Allgemein

1947: Die Theatergemeinde Baden sammelt Geld, um den Wiederaufbau ihres Stadttheaters, dass 1929 zusammenbrach, zu ermöglichen. Das Theater ist das älteste in Niederösterreich.
1949: In der Rudolf-Oetker-Halle (Bielefeld) wird die Ausstellung „Goethe. Leben und Schaffen“ eröffnet. Sie endete am 7. Juni 1949.
1950: Der schweizerische Schriftstellerverein besucht zu seinem Jahrestag in St. Gallen für zwei Tage Schulen, um dort Lesungen abzuhalten.
1954: Am Haus von Sigmund Freud in der Berggasse 19 in Wien wird zu seinem 98. Geburtstag eine Gedenktafel errichtet.
1956: Zum 100. Geburtstag von Sigmund Freud werden in Berlin und Wien Feierlichkeiten begangen.
1958: Lesung mit Karl Heinz Waggerl in der Stadthalle Wien vom Vizebürgermeister Karl Honay im Rathaus empfangen wird.
1964: In Berlin wird durch die Ernst-Barlach-Gesellschaft die Ausstellung „Ernst Barlach in Berlin“ im Haus am Lützowplatz eröffnet. Die Ausstellung geht am 30. Juni 1964 zu Ende.
1966: Friedrich Hacker hält eine Lesung / Vortrag zum Thema „Probleme der kulturellen Verständigung. Zur Psychologie und Psychopathologie der Weltanschauung“ im Großen Saal der Palais Palffy in Wien.
1966: Das Theater in Bremen sowie das Schauspielhaus Bochum sagen die Teilnahme am Theatertreffen vom 14. bis 22. Mai 1966 ab, da sie wegen der „eigennützigen Verhaltensweisen“ des Berliner Renaissance-Theaters empört sind. Vorausgegangen sind die urheberrechtlichen Einsprüche seitens des Renaissance-Theaters und zwei Theaterverlage. Ursprünglich hatte das Theater in Bremen „Frühlingserwachen“ von Frank Wedekind und das Bochumer Schauspielhaus „Was ihr wollt“ von William Shakespeare geplant.
1973: In Wiesbaden, in der Hessischen Landesbibliothek wird die Ausstellung „Wilhelm Heinrich Riehl. Zum 150 Geburtstag“, zusammengestellt von Rupprecht Leppla eröffnet. Die Ausstellung geht am 30. Juni 1973 zu Ende.
1980: In der Stadtbücherei von Duisburg findet die Ausstellung „Anton Tschechow auf dem Theater“, organisiert vom Düsseldorfer Dumont-Lindemann Archiv und Heinrich Riemenschneider, statt.
1983: In Trier geht die Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung unter dem Motto „Sprache im Exil. Ausnahmezustände in Sprache und Literatur zu Ende. Hilde Domin, Jürgen Fuchs, Iring Fetscher und Hans-Albert Walter halten dazu jeweils einen Vortrag. Beginn der Frühjahrstagung: 4. Mai.
1983: In Koblenz stellt der Präsident des Bundesarchivs fest, dass die „Tagebücher“ von Adolf Hitler, die im Magazin „Stern“ veröffentlicht wurden, zweifelsfrei sich um Fälschungen handelt.
1983: In Frankfurt am Main finden zum 10. Mal die „Römerberg-Gespräche“ für zwei Tage statt. Es wird über das Thema „Kultur-Zerstörung“ mit Schriftstellern (u.a. Erich Fried, Ursula Krechel und Jurek Becker), Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern diskutiert.

Verfolgungen und Verhaftungen von Journalisten und Schriftsteller

1971: Der Schöffensenat des Wiener Jugendgerichts sieht als erwiesen an, dass die beiden Aktivisten, Peter Weibel und Valie Export, mit ihrer Dokumentation „Wien – Bildkompendium, Wiener Aktionismus und Film“, dass für den deutschen Kunstverlag zusammengestellt wurde, eine „unzüchtige Schrift“ erstellt haben. Sie werden wegen Pornographie mit Freiheitsstrafen von 2 und einem Monat auf Bewährung verurteilt. In Deutschland blieb das Buch unbeanstandet.

Erschienene Bücher

1719: Daniel Defoe: The Life and strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe (Roman)
2016: Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt ihr nicht (Sachbuch), Originalausgabe: Vous n’aurez pas ma haine (erschienen in Frankreich: 22.06.2016)

Literaturfeste, –festivals und -biennalen

1970: In Recklinghausen werden die Ruhrfestspiele mit dem Drama „Caligula“ von Albert Camus eröffnet. Zugegen sind auch Ensembles aus Indien, Indonesien, Thailand und Pakistan sowie zum ersten Mal Ostberlin. Im Rahmen der Ruhrfestspiele werden weitere folgende Stücke aufgeführt: „Eröffnung des indischen Zeitalters“ von Peter Hacks, Regie führt Hans-Joachim Heyse; „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, Regie führt Friedo Solter; „Feinde“ von Maxim Gorki, Regie führt Wolfgang Heinz sowie die Komödie „Der Frieden“ von Aristophanes unter der Bearbeitung von Peter Hacks, Regie führt Benno Besson. Am 16. Juli 1970 gehen die Ruhrfestspiele zu Ende.
1980: Beim „Internationalen Arenatheater-Festival“ in Münster werden sechs Stücke aus vier Ländern in ihrer jeweiligen Landessprache aufgeführt. Aus Deutschland sind die Städtischen Bühnen mit dem Drama „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödön von Horváth und „Gespräche mit dem Henker“ von Kazimierz Damazy Moczarski und Dieter Kühn, aufgeführt vom Schauspielhaus Düsseldorf, vertreten, die Sowjetunion (heute Russland) sind mit dem Moskauer Ensemble Malaja Bronnaja vertreten und führen „Barbaren“ von Maxim Gorki sowie die Komödie „Don Juan“ von Molière auf, die Niederlande mit ihr Rotterdamer Theatergruppe Silk führen die Tragödie „Die Orestie“ von Aischylos / Sophokles / Euripides dreisprachig (griechisch, lateinisch und englisch) sowie „Salome“ nach Oscar Wilde auf, Griechenland führt mit dem Ensemble Amphitheater Athen das Liebesdrama aus dem 17. Jahrhundert „Erotokritos“ auf. Das Festival geht am 19. Mai 1980 zu Ende.

Literaturpreise und Auszeichnungen

1940: Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck bekommt den Pulitzer-Preis für seinen Roman „Früchte des Zorns“ verliehen.

Aus dem Tagebuch von Franz Kafka 1912

6. Mai. elf Uhr. Zum erstenmal seit einiger Zeit vollständiges Mißlingen beim Schreiben. Das Gefühl eines geprüften Mannes.

6. Mai 1912

aus: Franz Kafka: Tagebücher. 1910 – 1923, Moderner Buch-Club – Darmstadt 1962, S. 225

Geboren

1959: Didier Conrad, französisch-schweizerischer Comiczeichner
1954: Marcel Konrad, schweizerischer Schriftsteller
1954: Marie-Aude Murail, französische Schriftstellerin
1952: Claudius Armbruster, deutscher Literaturwissenschaftler für iberoamerikanische und iberische Literatur
1950: Jeffery Wilds Deaver, amerikanischer Schriftsteller
1948: Jochen Arlt, deutscher Schriftsteller
1946: Carolyn Garcia, amerikanische Schriftstellerin
1942: Ariel Dorfman, chilenischer Schriftsteller
1938: Ernesto Ferrero, italienischer Literaturkritiker und Schriftsteller
1926: Franz Mon, deutscher Dichter
1925: Hanns Dieter Hüsch, deutscher Schriftsteller
1922: Julio Ardiles Gray, argentinischer Schriftsteller
1921: Erich Fried, österreichischer Dichter und Schriftsteller
1907: Yasushi Inoue, japanischer Schriftsteller
1904: Harry Edmund Martinson, schwedischer Schriftsteller
1903: Hermann Grab, deutschsprachiger ungarisch-österreichischer Schriftsteller
1897: Paul Alverdes, deutscher Schriftsteller
1897: Karl Kurt Klein, deutscher Germanist
1880: Chino Masako, japanische Lyrikerin
1879: Bedřich Hrozný, österreichisch-tschechischer Sprachwissenschaftler
1871: Christian Morgenstern, deutscher Dichter und Schriftsteller
1868: Gaston Louis Alfred Leroux, französischer Schriftsteller
1861: Rabindranath Tagore, bengalischer (indischer) Dichter und Schriftsteller
1859: Willem Johannes Theodorus Kloos, niederländischer Dichter
1856: Sigmund Freud, deutscher Autor
1804: Ferdinand Sauter, österreichischer Dichter
1786: Carl Ludwig Börne, deutscher Theater- und Literaturkritiker
1785: Arvid August Afzelius, schwedischer Dichter
1759: François Guillaume Jean Stanislas Andrieux, französischer Dichter

Aus dem Tagebuch von Franz Kafka 1914

6. Mai. Die Eltern scheinen eine schöne Wohnung für F. und mich gefunden zu haben, ich bin nutzlos einen schönen Nachmittag lang herumgestrichen. Ob sie mich auch noch ins Grab legen werden, nach einem durch ihre Sorgfalt glücklichen Leben.

Ein Adeliger, namens Herr von Griesenau, hatte einen Kutscher Josef, den kein anderer Dienstgeber hätte ertragen können. Er wohnte in einem ebenerdigen Zimmer neben der Portierloge, da er infolge Dicke und Kurzatmigkeit unfähig war, Treppen zu steigen. Seine Unterschrifteinzige Beschäftigung war das Kutschieren, aber auch dazu wurde er nur bei besonderen Gelegenheiten, etwa einem Gast zu Ehren, verwendet, sonst aber lag er ganze Tage, ganze Wochen auf einem Ruhebett in der Nähe des Fensters und sah mit seinen kleinen, tief ins Fett eingesenkten, auffallend schnell zwinkernden Augen aus dem Fenster auf die Bäume, welche … [bricht ab]

Der Kutscher Josef lag auf seinem Ruhebett, richtete sich nur auf, um von einem Tischchen eine Schnitte Butterbrot mit Hering zu nehmen, lehnte sich dann wieder zurück und starrte kauend umher. Durch seine großen runden Nasenlöcher zog er die Luft mit Mühe ein, manchmal mußte er, um genug Luft zu gewinnen, im Kauen einhalten und den Mund öffnen, sein großer Bauch zitterte ununterbrochen unter den vielen Falten des dünnen dunkelblauen Kleides.
     Das Fenster war geöffnet, man sah eine Akazie und einen leeren Platz. Es war ein niedriges Parterrefenster, Josef sah von seinem Ruhebett aus alles, und jeder konnte ihn von außen sehn. Das war peinlich, aber er mußte so niedrig wohnen, da er wenigstens seit einem halben Jahr, seitdem sein Fett stark zugenommen hatte, Treppen gar nicht mehr steigen konnte. Als er dieses Zimmer neben der Portierloge bekommen hatte, hatte er seinem Dienstgeber, dem Herrn von Griesenau, unter Tränen die Hände geküßt und gedrückt, jetzt aber kannte er die Nachteile dieses Zimmers das ewige Beobachtetwerden, die Nachbarschaft des unangenehmen Portiers, die Unruhe der Einfahrt und des Platzes, die weite Entfernung von der übrigen Dienerschaft und die dadurch eintretende Entfremdung und Vernachlässigung – alle diese Nachteile kannte er jetzt von Grund aus und beabsichtigte auch tatsächlich beim Herrn wegen Übersiedlung in sein früheres Zimmer bittstellig zu werden. Wozu standen denn, insbesondere seitdem der Herr sich verlobt hatte, so viele neu aufgenommene Burschen nutzlos herum, mochten sie doch ihn, den verdienten und einzigartigen Mann, einfach die Treppen hinauf- und hinuntertragen.

Es wurde eine Verlobung gefeiert. Das Festessen war beendet, die Gesellschaft stand vom Tische auf, alle Fenster wurden geöffnet, es war ein schöner warmer Abend im Juni. Die Braut stand in einem Kreise von Freundinnen und guten Bekannten, die übrigen waren in kleinen Gruppen beisammen, hie und da wurde viel gelacht. Der Bräutigam lehnte allein am Eingang zum Balkon und sah hinaus.
     Nach einiger Zeit bemerkte ihn die Mutter der Braut, ging zu ihm hin und sagte: »Du stehst hier so allein? Gehst nicht zu Olga? Habt ihr Streit gehabt?« – »Nein«, antwortete der Bräutigam, »wir haben keinen Streit gehabt.« – »Nun also«, sagte die Frau, »dann geh zu deiner Braut! Dein Benehmen fällt ja schon auf.«

Das Grauenhafte des bloß Schematischen.

Die Zimmervermieterin, eine schwache, schwarz gekleidete Witwe in gerade abfallendem Rock, stand im mittleren Zimmer ihrer leeren Wohnung. Noch war es ganz still, die Glocke rührte sich nicht. Auf der Gasse war es auch still, die Frau hatte mit Absicht eine so stille Gasse gewählt, denn sie wollte gute Zimmerherren, und solche, die Ruhe verlangen, sind die besten.

6. Mai 1914

aus: Franz Kafka: Tagebücher. 1910 – 1923, Moderner Buch-Club – Darmstadt 1962, S. 305 ff.

Gestorben

1190: Friedrich von Hausen, deutscher Minnesänger
1786: Heinrich Christoph Nebel, deutscher Literaturwissenschaftler
1796: Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge, deutscher Schriftsteller
1844: Ernst Theodor Echtermeyer, deutscher Literaturhistoriker und Schriftsteller
1862: Henry David Thoreau, amerikanischer Philosoph und Schriftsteller
1877: Johan Ludvig Runeberg, finnischer Schriftsteller
1919: Lyman Frank Baum, amerikanischer Schriftsteller
1924: Carel Steven Adama van Scheltema, niederländischer Lyriker
1946: Alcides Arguedas, bolivianischer Dichter und Schriftsteller
1949: Graf Maurice Polydore Marie Bernard Maeterlinck, französischsprachiger belgischer Schriftsteller
1950: Agnes Smedley, amerikanische Schriftstellerin
1954: Peter Lorson, deutsch-französischer Schriftsteller
1963: Kubota Mantarō, japanischer Schriftsteller
1980: María Luisa Bombal, chilenische Schriftstellerin
1990: Irmtraud Morgner, deutsche Schriftstellerin
2002: Samuel Dresden, niederländischer Romanist und Literaturwissenschaftler
2004: Robert Gratzer, österreichischer Literaturkritiker und Schriftsteller
2007: Ikegami Kaneo, japanischer Schriftsteller
2008: Kuno Bärenbold, deutscher Schriftsteller
2013: Giulio Andreotti, italienischer Schriftsteller

Rede über die jiddische Sprache

Vor den ersten Versen der ostjüdischen Dichter möchte ich Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, noch sagen, wie viel mehr Jargon Sie verstehen als Sie glauben.
     Ich habe nicht eigentlich Sorge um die Wirkung, die für jeden von Ihnen in dem heutigen Abend vorbereitet ist, aber ich will, daß sie gleich frei werde, wenn sie es verdient. Dies kann aber nicht geschehen, solange manche unter Ihnen eine solche Angst vor dem Jargon haben, daß man es fast auf ihren Gesichtern sieht. Von denen, welche gegen den Jargon hochmütig sind, rede ich gar nicht. Aber Angst vor dem Jargon, Angst mit einem gewissen Widerwillen auf dem Grunde ist schließlich verständlich wenn man will.
Unsere westeuropäischen Verhältnisse sind, wenn wir sie mit vorsichtig flüchtigem Blick ansehn, so geordnet; alles nimmt seinen ruhigen Lauf. Wir leben in einer geradezu fröhlichen Eintracht, verstehen einander, wenn es notwendig ist, kommen ohne einander aus, wenn es uns paßt, und verstehen einander selbst dann; wer könnte aus einer solchen Ordnung der Dinge heraus den verwirrten Jargon verstehen oder wer hätte auch nur die Lust dazu?
Der Jargon ist die jüngste europäische Sprache, erst vierhundert Jahre alt und eigentlich Unterschriftnoch viel jünger. Er hat noch keine Sprachformen von solcher Deutlichkeit ausgebildet, wie wir sie brauchen. Sein Ausdruck ist kurz und rasch.
Er hat keine Grammatiken. Liebhaber versuchen Grammatiken zu schreiben, aber der Jargon wird immerfort gesprochen; er kommt nicht zur Ruhe. Das Volk läßt ihn den Grammatikern nicht.
Er besteht nur aus Fremdwörtern. Diese ruhen aber nicht in ihm, sondern behalten die Eile und Lebhaftigkeit, mit der sie genommen wurden. Völkerwanderungen durchlaufen den Jargon von einem Ende bis zum anderen. Alles dieses Deutsche, Hebräische, Französische, Englische, Slawische, Holländische, Rumänische und selbst Lateinische ist innerhalb des Jargon von Neugier und Leichtsinn erfaßt, es gehört schon Kraft dazu, die Sprachen in diesem Zustande zusammenzuhalten. Deshalb denkt auch kein vernünftiger Mensch daran, aus dem Jargon eine Weltsprache zu machen, so nahe dies eigentlich läge. Nur die Gaunersprache entnimmt ihm gern, weil sie weniger sprachliche Zusammenhänge braucht als einzelne Worte. Dann, weil der Jargon doch lange eine mißachtete Sprache war.
In diesem Treiben der Sprache herrschen aber wieder Bruchstücke bekannter Sprachgesetze. Der Jargon stammt zum Beispiel in seinen Anfängen aus der Zeit, als das Mittelhochdeutsche ins Neuhochdeutsche überging. Da gab es Wahlformen, das Mittelhochdeutsche nahm die eine, der Jargon die andere. Oder der Jargon entwickelte mittelhochdeutsche Formen folgerichtiger als selbst das Neuhochdeutsche; so zum Beispiel ist das Jargon’sche ›mir seien‹ (neuhochdeutsch ›wir sind‹) aus dem Mittelhochdeutschen ›sîn‹ natürlicher entwickelt, als das neuhochdeutsche ›wir sind‹. Oder der Jargon blieb bei mittelhochdeutschen Formen trotz des Neuhochdeutschen. Was einmal ins Ghetto kam, rührte sich nicht so bald weg. So bleiben Formen wie ›Kerzlach‹, ›Blümlach‹, ›Liedlach‹.
Und nun strömen in diese Sprachgebilde von Willkür und Gesetz die Dialekte des Jargon noch ein. Ja der ganze Jargon besteht nur aus Dialekt, selbst die Schriftsprache, wenn man sich auch über die Schreibweise zum größten Teil geeinigt hat. Mit all dem denke ich die meisten von Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, vorläufig überzeugt zu haben, daß Sie kein Wort des Jargon verstehen werden.
Erwarten Sie von der Erklärung der Dichtungen keine Hilfe. Wenn Sie nun nicht einmal imstande sind, Jargon zu verstehen, kann Ihnen keine Augenblickserklärung helfen. Sie werden im besten Fall die Erklärung verstehen und merken, daß etwas Schwieriges kommen wird. Das wird alles sein. Ich kann Ihnen zum Beispiel sagen:
Herr Löwy wird jetzt, wie es auch tatsächlich sein wird, drei Gedichte vortragen. Zuerst ›Die Grine‹ von Rosenfeld. Grine das sind die Grünen, die Grünhörner, die neuen Ankömmlinge in Amerika. Solche jüdische Auswanderer gehen in diesem Gedichte in einer kleinen Gruppe mit ihrem schmutzigen Reisegepäck durch eine New Yorker Straße. Das Publikum sammelt sich natürlich an, bestaunt sie, folgt ihnen und lacht. Der von diesem Anblick über sich hinaus erregte Dichter spricht über diese Straßenszenen hinweg zum Judentum und zur Menschheit. Man hat den Eindruck, daß die Auswanderergruppe stockt, während der Dichter spricht, trotzdem sie fern ist und ihn nicht hören kann. Das zweite Gedicht ist von Frug und heißt ›Sand und Sterne‹.
Es ist eine bittere Auslegung einer biblischen Verheißung. Es heißt, wir werden sein wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel. Nun, getreten wie der Sand sind wir schon, wann wird das mit den Sternen wahr werden?
Das dritte Gedicht ist von Frischmann und heißt ›Die Nacht ist still‹.
Ein Liebespaar begegnet in der Nacht einem frommen Gelehrten, der ins Bethaus geht. Sie erschrecken, fürchten verraten zu sein, später beruhigen sie einander.
Nun ist, wie Sie sehen, mit solchen Erklärungen nichts getan.
Eingenäht in diese Erklärungen werden Sie dann bei dem Vortrage das suchen, was Sie schon wissen, und das, was wirklich da sein wird, werden Sie nicht sehen. Glücklicherweise ist aber jeder der deutschen Sprache Kundige auch fähig, Jargon zu verstehen. Denn von einer allerdings großen Ferne aus gesehn, wird die äußere Verständlichkeit des Jargon von der deutschen Sprache gebildet; das ist ein Vorzug vor allen Sprachen der Erde. Sie hat dafür auch gerechterweise einen Nachteil vor allen. Man kann nämlich Jargon nicht in die deutsche Sprache übersetzen. Die Verbindungen zwischen Jargon und Deutsch sind zu zart und bedeutend, als daß sie nicht sofort zerreißen müßten, wenn Jargon ins Deutsche zurückgeführt wird, das heißt es wird kein Jargon mehr zurückgeführt, sondern etwas Wesenloses. Durch Übersetzung ins Französische zum Beispiel kann Jargon den Franzosen vermittelt werden, durch Übersetzung ins Deutsche wird er vernichtet. ›Toit‹ zum Beispiel ist eben nicht ›tot‹ und ›Blüt‹ ist keinesfalls ›Blut‹.
Aber nicht nur aus dieser Ferne der deutschen Sprache können Sie, verehrte Damen und Herren, Jargon verstehen; Sie dürfen einen Schritt näher. Noch zumindest vor nicht langer Zeit erschien die vertrauliche Verkehrssprache der deutschen Juden, je nachdem ob sie in der Stadt oder auf dem Lande lebten, mehr im Osten oder im Westen, wie eine fernere oder nähere Vorstufe des Jargon, und Abtönungen sind noch viele geblieben. Die historische Entwicklung des Jargon hätte deshalb fast ebenso gut wie in der Tiefe der Geschichte, in der Fläche der Gegenwart verfolgt werden können.
Ganz nahe kommen Sie schon an den Jargon, wenn Sie bedenken, daß in Ihnen außer Kenntnissen auch noch Kräfte tätig sind und Anknüpfungen von Kräften, welche Sie befähigen, Jargon fühlend zu verstehen. Erst hier kann der Erklärer helfen, der Sie beruhigt, so daß Sie sich nicht mehr ausgeschlossen fühlen und auch einsehen, daß Sie nicht mehr darüber klagen dürfen, daß Sie Jargon nicht verstehen. Das ist das Wichtigste, denn mit jeder Klage entweicht das Verständnis. Bleiben Sie aber still, dann sind Sie plötzlich mitten im Jargon. Wenn Sie aber einmal Jargon ergriffen hat – und Jargon ist alles, Wort, chassidische Melodie und das Wesen dieses ostjüdischen Schauspielers selbst –, dann werden Sie Ihre frühere Ruhe nicht mehr wiedererkennen. Dann werden Sie die wahre Einheit des Jargon zu spüren bekommen, so stark, daß Sie sich fürchten werden, aber nicht mehr vor dem Jargon, sondern vor sich. Sie würden nicht imstande sein, diese Furcht allein zu ertragen, wenn nicht gleich auch aus dem Jargon das Selbstvertrauen über Sie käme, das dieser Furcht standhält und noch stärker ist. Genießen Sie es, so gut Sie können! Wenn es sich dann verliert, morgen und später – wie könnte es sich auch an der Erinnerung an einen einzigen Vortragsabend halten! –, dann wünsche ich Ihnen aber, daß Sie auch die Furcht vergessen haben möchten. Denn strafen wollten wir Sie nicht.

Franz Kafka

geschrieben am 18.02.1912

aus: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande, Rede über die jiddische Sprache, Fischer Taschenbuch Verlag 1991

– Daniela Walter –
© read MaryRead 2017

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