Kalenderblatt: 15. Januar 1989: Demonstration in Leipzig

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Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden

Januar 1989 ahnten die meisten wohl noch nicht, dass die DDR auf ihr Ende zusteuerte. Am 15. Januar sollte die letzte staatlich gelenkte Demonstration zum Andenken an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stattfinden. Doch es sollte nicht nach dem üblichen Muster verlaufen.

In Leipzig, der zweitgrößten Stadt in der DDR, formierte sich Widerstand und das aus gutem Grund. Ganze Stadtteile waren heruntergekommen, die dort ansässige Industrie hatte ihre Spuren in der Umwelt hinterlassen, der sogenannte „real existierenden Sozialismus“ war in Leipzig vielmehr präsent als in der Hauptstadt Berlin.1a

Vier Tage zuvor wurden von der „Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft“ insgesamt 5.000 Flugblätter in Leipziger Haushalte verteilt mit einem Aufruf zur Gegendemonstration. Unter anderem war in den Flugblättern zu lesen: „Beide Arbeiterführer traten für die allumfassenden politischen und ökonomischen Interessen der Arbeiterklasse ein, so auch für ein ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben, für eine freie, ungehemmte Presse, für allgemeine Wahlen und den freien Meinungskampf. Menschen, die dieses Vermächtnis unter Berufung auf die Verfassung unseres Landes nach 40 Jahren DDR-Geschichte in Anspruch nehmen, werden immer wieder kriminalisiert.“1b
     Die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht jährte sich zum 70. Mal, die Opposition sah darin einen Anlass „weiter für die Demokratisierung unseres sozialistischen Staates aufzutreten“. Doch die Stasi hatte seine Ohren und Augen überall, sie nahmen im Vorfeld der Demonstranten vier Oppositionelle in Haft, versuchten möglichst viele Flugblätter einzukassieren, angelten gar mit Pinzetten die Flugblätter aus den Briefkästen. Genutzt hatte ihnen das wenig, denn am 15. Januar 1989 erschienen trotz alledem etwa 500 Menschen auf dem Leipziger Marktplatz vor dem Alten Rathaus. Sie traten für freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sowie Pressefreiheit ein, einer forderte sogar Reformen. Bevor die Gegendemonstration das Geburtshaus von Karl Liebknecht erreichten, verhaftete die Polizei 53 Demonstranten, die aufgrund des Drucks aus dem Ausland jedoch nach vier Tagen wieder freigelassen wurden.2a 

Seit bestehen der DDR wurde traditionell jedes Jahr im Januar die „Kampfdemonstration zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“ unter dem Motto „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ – ein Zitat von Rosa Luxemburg begangen. Dumm nur, wenn eine Regierung nicht in der Lage ist, ihre eigenen Sprüche und Zitate ernst zu nehmen.

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Einzelnachweise:

1a, 1b: Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. (): Oppositionszentrum Leipzig, zuletzt besucht am 16.08.2018

2a: Hrsg. Bundesregierung BRD (): Leipzig: Gedenkdemo und Verhaftungen, zuletzt besucht am 16.08.2018


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… Scheunenbrand selbst, der sich mir einprägte, sondern eine sich unmittelbar vor meinen Augen abspielende Szene, zu der das Feuer, dessen Schein ich nicht mal sah, nur die zufällige Veranlassung gab. Meine Eltern befanden sich an jenem Tage auf einem kleinen Diner, ganz am entgegengesetzten Ende der Stadt. Als die Tischgesellschaft von der Nachricht, daß alle Scheunen in Feuer stünden, überrascht wurde, stand es für meine Mutter, die eine sehr nervöse Frau war, sofort fest, daß ihre Kinder mit verbrennen müßten oder mindestens in schwerer Lebensgefahr schwebten, und von dieser Vorstellung ganz und gar beherrscht, stürzte sie von der Tafel fort, die lange Friedrich-Wilhelm-Straße hinunter und trat ohne Hut und Mantel und das Haar von dem stürmisch eiligen Gange halb aufgelöst, in das große Frontzimmer unserer Wohnung, darin wir, aus den Betten geholt und mit Decken zugedeckt, schon auf Kissen und Fußbänken umhersaßen. Unserer ansichtig werdend, schrie sie vor Glück und Freude laut auf und brach dann ohnmächtig zusammen. Als im nächsten Augenblicke verschiedene Personen, darunter auch die Wirtsleute, mit Lichtern in der Hand herzukamen, empfing das Gesamtbild, das das Zimmer darbot, eine grelle Beleuchtung, am meisten das dunkelrote Brokatkleid meiner Mutter und das schwarze Haar, das darüber fiel, und dies Rot und Schwarz und die flackernden Lichter drum herum, das alles blieb mir bis diese Stunde.
     Das andre Bild, oder sag‘ ich lieber die zweite kleine Geschichte, die mir noch im Gedächtnis lebt, entbehrte durchaus des Dramatischen, aber die Farbe kam mit auch dabei zu Hilfe. Nur daß es Gelb war statt Rot. Leider muß ich bei dieser zweiten kleinen Geschichte ziemlich weit ausholen. Mein Vater machte während des Interimsjahres öfters Reisen nach Berlin. Einmal, es mochte Monat Oktober sein und das Abendrot schimmerte schon zwischen den Bäumen des Stadtwalls, stand ich unten in unsrem Torweg und sah meinem Vater zu, der sich eben die Fahrhandschuhe mit einem gewissen Aplomb anzog, um dann mit einem Ruck auf den Vordersitz seines kleinen Kaleschwagens hinaufzusteigen. Auch meine Mutter war da. »Der Junge könnte eigentlich mitfahren«, sagte mein Vater. Ich horchte hoch auf, beglückt in meiner kleinen Seele, die schon damals nach allem, was einen etwas aparten und das nächtlich Schauerliche streifenden Charakter hatte, begierig verlangte. Meine Mutter stimmte meines Vaters Vorschlage sofort zu, was ich mir nur so deuten kann, daß sie von ihrem Lieblingskinde mit den schönen blonden Locken einen guten Eindruck auf den Großvater, zu dem die Reise ging, erwartete. »Gut«, sagte sie, »nimm den Jungen mit. Ich will ihm aber erst einen warmen Rock überziehen.« – »Nicht nötig; ich stecke ihn in den Fußsack.« Und wirklich, ich wurde hinaufgereicht und wie ich da ging und stand in den Fußsack gesteckt, der vorn auf dem Wagen lag, alles offen, nicht einmal eine Ledertrommel darüber ausgespannt. Kam ein Stein, oder gab’s einen Stoß, so konnte ich mit Bequemlichkeit herausfliegen. Aber diese Vorstellung störte meine Freude keinen Augenblick. In raschem Trabe ging es über Alt-Ruppin auf Cremmen zu, und lange bevor wir dieses, das ungefähr halber Weg war, erreicht hatten, zogen die Sterne herauf und wurden immer heller und blitzender. Entzückt sah ich in die Pracht, und kein Schlaf kam in meine Augen. Ich bin nie wieder so gefahren; mir war, als reisten wir in den Himmel. Gegen acht Uhr früh hielt unser Gefährt vor dem Hause meines Großvaters, der es, was hier noch eingeschaltet werden mag, mit Hilfe dreier, in guten Abständen geheirateter Frauen erst vom Zeichenlehrer zum Kabinettssekretär und ganz zuletzt, was noch wichtiger, sogar zum gutsituierten Berliner Hausbesitzer gebracht hatte, freilich nur in der Kleinen Hamburger Straße. Seinen Söhnen und Enkeln ist die sich hierin aussprechende Lebekunst verlorengegangen.
    
Wir stiegen nun treppauf und traten ein. Was uns empfing, war zunächst ein anheimelndes Idyll. Pierre Barthélemy und seine dritte Frau – übrigens eine vorzügliche Dame, die ich später noch sehr verehren lernte – saßen gerade beim Frühstück. Alles war höchst mollig. Ein Meißener Service stand auf dem Tisch, und zwischen den Tassen und Kannen bemerkte ich einen ebenfalls blau und weiß gemusterten Korb von zierlich durchbrochener Arbeit, mit Berliner Milchbroten darin. Die waren damals natürlich anders als jetzt, viel größer und von kreisrunder Form, dabei hell gebacken und doch knusprig. Über dem Sofa … Fortsetzung folgt