Zacharias Werner: Bei dem Wasserfalle zu Terni

Gedicht, Rom, Italien, read MaryRead, Literaturmagazin online,

Bei dem Wasserfalle zu Terni.

(Zu Terni 20. April 1812, gegen Abend angefangen, wo ich an einem trüben Regentage den Wasserfall in Schlossers Gesellschaft besah.)

Ich bin der Huld nicht würdig, o Vater der Natur,
Zu schauen an dein Leben in deiner Creatur;
Doch ewig laß mich singen, und ewig benedei’n,
Daß ich dein Säuseln höre, und ihrer Sehnsucht Schrei’n.

Was rollst du da, Velino, hinunter in das Thal?
Spornt Uebermuth der Freude, peitscht ihn hinab die Quaal?
Du Creatur des Wassers, sag’ an und mach’ mir kund,
Was wälzt dich so gewaltsam hinab zum grausen Schlund?

Gleich einem Haargelocke, das dessen Schläf’ umwallt,
Der über uns den Himmel zu Osterglocke ballt;
Gleich Gottes Haar gekräuselt umflicht’st du, Bergstrom, mich,
Und Grauen – nein, ein Sehnen ergreift mich grauerlich.

Ein Sehnen? Nein! Begierde, Gelüsten gier’ger Drang,
Zum alten Fluthenabgrund, dem mich die Gnad’ entrang;
Bittet für mich, ihr Blüthen, denn mich ergreift der Schaum;
Halt’ mich, mein weis’rer Bruder, entfleuch, o Höllenraum!

Ihr Engel der Gewässer, laßt euern Sklaven nicht,
Die Fluth nicht den umgarnen, den Gottes Gnad’ umflicht;
Nicht mich Erlösten werden auf’s Neu’ des Abgrunds Raub,
Mich, der ich eures Gleichen, zwingt gleich mich noch der Staub!

Während ich bebend bete, und unter mir im Grund
Das Wasser strömt, als gähnte nach mir der Hölle Schlund;
Ist über mir der Himmel, die Glocke, saphirblau,
Gewölbt um Petrus Kuppel, nun thränenreich und grau.

In Thränen träuft er nieder, und aus der Fluthen Kampf
Steigt auf zum Himmel wieder ein heller Thränendampf.
Nicht aus der Hölle stammet ihr Thränen, silberrein,
Was unter diesem Strudel, die Hölle kann’s nicht seyn!

Wir kennen längst uns, Thränen; denn wo ich hin mag zieh’n,
Wie ich im frohen Muthe euch immer möcht’ entflieh’n;
Doch seyd ihr als Gesellen, als Engel guter Art,
Stets, Thränen, treu mir blieben auf meiner Pilgerfahrt.

Nicht wie ihr untern träufelt, ein schaumerfüllter Raub,
Nein, wie ihr perlend blinket auf Blüthen und auf Laub,
Entquillt ihr meinen Augen; nicht wie ich sonst geweint,
Nicht Schaum, der stäubt, verstäubet – zu Perlen schon gereint!

Ob aschengrau der Aether, erdgelb der Wasserfall,
Doch sieht mein Blick, gereinigt, schon Blüthen überall
Den fluthumspielten Hügeln rund um des Schlundes Rand
Entquillen; grün beflügelt beut mir der Lenz die Hand!

So wie Dione lächelnd dem Perlenschoos entschwebt,
Empor sich, mildumfächelt, der Engel Frühling hebt.
„Ich wog’ in diesen Wogen, ich walt’ in der Natur,
Auf daß sie werd’ erzogen zur Paradiesesflur.“ –

„Muß gleich ich die Erscheinung als Gottes Knecht erneu’n,
Doch kann mich nur Vereinung mit Zebaoth erfreu’n.
Ich web’ im Wandelbaren das Festgewand der Zeit,
Doch selbst wohn’ ich im Klaren beim Herrn der Ewigkeit!“ –

Der Engel sprach’s. Geträufel quoll dichter jetzt hinab;
Er schwand! befreit vom Zweifel griff ich zum Wanderstab.
Noch einen Blick hinunter, und wilder gohr die Fluth,
Die Blumen lachten bunter. Nun schied ich wohlgemuth.

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Ade! sprach ich zum Lenzen; zum tobenden Gewässer,
Sprach’s zu den Blumenkränzen, Ade, ich kenn’ euch besser,
Ihr seyd die Unterthanen, und euer Herr bin ich,
Folgend der Siegesfahnen des Gottes ewiglich.

So zog ich thalwärts nieder; den Bruder sah ich lächeln,
Ich war ihm nicht zuwider; wir zog’n im Abendfächeln!
Als ich in’s Thal gekommen, verklang mir das Gebraus,
Ich schlief nicht mehr beklommen im stillen Herbergshaus.

Und er erweckt’ in Fluthen durch mich den Jubellaut
Der Brautnacht; Perlen blühten, blühten um dich, die Braut
Des Heilands, auszuschmücken, entsühntes  Menschenkind,
Dem Grauen und Entzücken die Brautbewerber sind!

Doch Angst und Freude gleichen darf nicht dem Element!
Nicht ist des Kreuzes Zeichen, wie dir, ihm eingebrennt,
Drum hauche du, besonnen, gereinigt von der Pein,
Athem der ew’gen Wonnen, dem Schein entsagend, ein!

– Zacharias Werner –

sepia, Pastorenkleidung, evangelisch, 18. Jahrhundert, Romantik, Dichter, Dramatiker,* 18.11.1768, Königsberg, Deutschland
† 17.01.1823, Wien, Österreich

Friedrich Ludwig Zacharias Werner nimmt Bezug zur griechischen Mythologie (Göttin Dione) sowie zum christlichen Gott, mal direkt ausgeschrieben, mal in der Bezeichnung Zebaoth. Johann Wolfgang von Goethe lernte er 1807 in Weimar kennen. Man kann davon ausgehen, dass er hierbei mit antiken Stoffen in literarischer Form in Berührung gekommen ist. Auch wenn er mit Goethe verkehrte, so sind seine Gedichte weder stilistisch noch sprachlich mit denen von Goethe vergleichbar, das Versmaß im vorliegenden Gedicht beispielsweise zeigt Ansätze vom Daktylus auf, zugleich hält er das an vielen Stellen nicht ein.
     Obgleich sein Leben alles andere – nach damaliger Auffassung – tugendhaft war, trat er am 19. April 1811 in Rom zum Katholizismus über.
    
Zwischen 1808 und 1813 verfasste er zahlreiche sogenannte Italiengedichte, so auch „Bei dem Wasserfalle zu Terni“.

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