Theodor Fontane: Wie kann’s auch anders sein!

Schatten, Frauenkörper, orange, Licht, Lichtspiel

Schatten an der Wand, © Otto Raddatz

Wie kann’s auch anders sein!

Mein Liebchen ist geschieden,
Nun zieht der Winter ein,
Nun ist mein Herz erstorben; –
Wie kann’s auch anders sein!

Ich steh‘ an ihrem Fenster
Und schaue oft hinein
Und weine manche Träne; –
Wie kann’s auch anders sein!

Das Licht in ihrem Zimmer,
Es glimmt so matt und klein,
Fehlt doch ihr leuchtend Auge; –
Wie kann’s drum anders sein!

Der Baum, an dem ich stehe,
Fühlt auch der Trennung Pein,
Klagt rauschend auch sein Wehe; –
Wie kann’s auch anders sein!

Die Nacht ist trüb und dunkel,
Umflort der Sterne Schein,
Es trauert Erd‘ und Himmel; –
Wie kann’s auch anders sein!

– Theodor Fontane –

Das Gedicht „Wie kann’s auch anders sein!“ ist Gemeinfrei.

Dichter, türkis, ovaler Bilderrahmen* 30.12.1819, Neuruppin (Brandenburg), Deutschland
20.09.1898, Berlin, Deutschland

Statement oder gar ein kluger Schachzug?

Eigentlich sollte ein Gedicht auch ohne biografische Kenntnisse, ohne das Wissen darum, was Verfasser*innen in dem Moment bewegte, auszukommen. Keine Sorge, das trifft auf das Gedicht „Wie kann`s auch anders sein!“ von Theodor Fontane selbstverständlich zu und doch ist es interessant. Die fünf Strophen erscheinen dann ein klein wenig in einem anderen Licht.

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Oberflächlich beschäftigt sich das Gedicht mit einer Trennung eines Liebespaars, da sich herausstellte, dass die Verflossene schon einmal geschieden wurde. Im 19. Jahrhundert reichte dies als Anlass für einen Skandal. Und so trennte sich das lyrische Ich von ihr, trauert der Liebe aber hinterher, verfällt in eine Art Depression.
     Man könnte meinen, dass der junge Theodor Fontane, er war 18 Jahre alt als er sich an diese Verszeilen begab,1aa über sich und seine Erfahrung schreibt. Ganz auszuschließen ist es nicht, wesentlich wahrscheinlicher jedoch ist, dass er eine Hommage für den englischen Dichter George Gordon Byron, eher bekannt unter dem Namen Lord Byron, für seine Leserschaft formulierte.
    
Während seiner Lehrzeit zum Apotheker wurde Theodor Fontane von seinem Ausbilder ermuntert, sich auch den Texten des sogenannten Jungen Deutschland zuzuwenden. Unter anderem las er „Byrons erste Liebe“ von Ludolf Wienbarg,2  welches vermutlich inzwischen in die „Ästhetische Feldzüge. 22. Vorlesung“ eingegangen ist. Darin wird zweierlei deutlich: Der besagte englische Dichter sowie Johann Wolfgang von Goethe sind nach Ansicht von Ludolf Wienbarg Revolutionäre, die durch Liebesgedichte bekannt wurden.
    
Lord Byron musste aufgrund seiner Ehescheidung und einem weiteren Skandal England verlassen, ging ins Exil nach Griechenland, schloss sich dort der Befreiungsbewegung an.3 Das Ende des Krieges erlebte er nicht mehr.
    
Griechenland versuchte sich von der Fremdherrschaft des Osmanischen Reiches zu befreien und scheiterte. Das Kriegsende führten vor allem europäische Mächte, neben Russland, herbei, England und Frankreich kämpften auf der Seite der Griechen, die Deutschen auf der Seite des Osmanischen Reichs.
    
Im Wappen des Osmanischen Reichs sind fünf Medaillen zu sehen, die wie Blumen oder Sterne aussehen, tatsächlich geben sie jedoch Hinweise auf historische Ereignisse, die in diesem Zusammenhang aber belanglos sind.
    
Theodor Fontane stellt in seiner letzten Strophe seines Gedichts einen direkten Bezug zum Wappen her: Das lyrische Ich trauert um den gescheiterten Befreiungskrieg mit dem Hinweise „Sterne Schein“. In seiner vorletzten Strophe steht das Ich an dem „Baum“, ein Symbol für Deutschland, dass sich des öfteren als „Eiche“ sieht.
    
Mit dem Einmischen der Europäer in den Krieg holen sie sich ungewollt den revolutionären Gedanken und die Idee von Freiheit, von politischer und gesellschaftlicher Veränderung buchstäblich ins Haus. In Deutschland gibt es seit 1815 Bestrebungen, die Fürsten endlich loszuwerden, zumindest ein politisches Mitspracherecht für die Bürger*innen sollte möglich werden. Auch Theodor Fontane ist solchen Ideen nicht abgeneigt. Dieses Gedicht, neben „Der kranke Baum“, ist eines der ersten, dass einem größeren Publikum zur Verfügung gestellt wird, der Berliner Figaro druckte beide Gedichte am 27. Januar 1840 ab.1ba Neben dem politischen Statement macht Theodor Fontane auch deutlich, in welche Kategorie er eingeordnet werden möchte, nämlich nichts geringeres als auf der selben Stufe wie Johann Wolfgang von Goethe und Lord Byron zu stehen.

Hinter dem auf den ersten Blick recht unverfänglichen Gedicht ein politisches Statement abzuliefern, zugleich sein dichterisches Können auf dieselbe Stufe von Goethe und Byron einzuordnen, war ein kluger Schachzug und in diesem Fall durchaus auch gerechtfertigt. Chapeau.

© read MaryRead 2019

Gedichte

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Einzelnachweise:

1: Vgl. Roland Berbig (): Theodor Fontane. Chronik, Walter de Gruyter – Berlin, New York – 2000, zuletzt besucht am 07.04.2019
1aa: S. 31
1ba: S. 36

2: Vgl. Helga Bemmann: Theodor Fontane, Ullstein Buchverlage – Berlin 1998, S. 24

3: Vgl. Hans Ulrich Seeber (Hrsg.): Englische Literatur, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart – Weimar 2012 (5), S. 264 f.