Theodor Fontane: Prophezeiung

Bernhard Hubl, Astrophysiker, Sternenhimmel, Kreuz, Reflection Nebulae

Foto: © Bernhard Hubl (Astrophysiker, ): Reflection Nebulae „NGC 1435  –  Tempel’s Nebula“, Ausschnitt

Prophezeiung

Ich starre auf die Hieroglyphen
Am sternbesäten Firmament,
Und forsche, meinen Geist zu prüfen,
Ob er der Räthsel Lösung kennt.

Es muß in jenen ew´gen Reichen
Der Schlüssel unsrer Zukunft sein,
Es muß auch mir ein Himmelszeichen
Mein künftig Schicksal prophezeihn.

Und kaum betracht` ich mit Entzücken
Des Himmelsdomes Bilderzier,
Muß ich ein Sternenkreuz erblicken
Hoch im Zenithe über mir.

Wird mich das Kreuz des Glaubens schmücken?
Es wäre eine süße Last!
Wird mich das Kreuz des Duldens drücken?
Die Seele ahnt und fürchtet fast!

– Theodor Fontane –

Das Gedicht „Prophezeiung“ ist Gemeinfrei.

Dichter, türkis, ovaler Bilderrahmen* 30.12.1819, Neuruppin (Brandenburg), Deutschland
20.09.1898, Berlin, Deutschland

Ehre erwiesen

Wen würde es nicht entzücken, wenn sein Gedicht auf der Titelseite einer Tageszeitung abgedruckt wäre? Theodor Fontane hatte sich sicherlich gefreut, dass der Berliner Figaro sein Gedicht „Prophezeiung“ am Samstag, den 1. Februar 18401 es auf diesen vornehmen Platz abdruckte. Nur ein paar Tage zuvor hatte die Zeitung seine beiden Gedichte „Der kranke Baum“ und „Wie kann’s auch anders sein!“ ihren Leser*innen präsentiert.

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Sein religiös anmutendes Gedicht könnte durchaus mit seinem Beitritt – Januar 1840 – in den sogenannten Platen-Klub zu tun haben. Im Gegensatz zu Johann Wolfgang von Goethe, der sich wochenlang mit einem einzigen Gedicht beschäftigen konnte, war Theodor Fontane eher der spontane Typ, es beschäftigte ihn etwas und er goss es in Zeilen, häufig entstanden so seine Gedichte. Der Platen-Klub bestand vor allem aus Theologen mit fundamentalistischer Ausrichtung, jedoch war auch der eine oder andere Schriftsteller anzutreffen wie Werner Hahn. Vorstellbar ist, dass Theodor Fontane sich zunächst für deren religiösen Ansichten begeistern konnte, ihnen vielleicht sogar mit seinem Gedicht eine Ehre erweisen wollte.
     Zu Beginn seines Gedichts vergleicht er die altägyptischen Schriftzeichen mit dem Sternenhimmel. Seit dem Napoleon in Ägypten war, begeisterten sich immer mehr Menschen für dieses Land, was zuvor fast in Vergessenheit geraten war, doch plötzlich wollte jeder dorthin. Da Theodor Fontane nicht weiter in seinem Gedicht darauf eingeht, hat er sich wohl lediglich das Wort „geliehen“.
    
Im Kreuzreim versucht das lyrische Ich zum einen zu ergründen, welche Art von Prophezeiung bzw. Schicksal für seinen weiteren Lebensweg vorgesehen ist und hofft auf einen Wink der Sterne – Astrologie hatte damals einen anderen Stellenwert als heutzutage -, zum anderen stellt es sich die Frage, inwiefern es dem christlichen Glauben gerecht wird.

© read MaryRead 2019

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Einzelnachweis:

1: Vgl. Roland Berbig: Theodor Fontane. Chronik, Walter de Gruyter – Berlin, New York – 2000, S. 36