Theodor Fontane: Der Bach und der Mond (Gedicht und Interpretation)

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Blutmond / Foto: © Otto Raddatz

Der Bach und der Mond

(An Minna)

Es floß ein Bach durch Waldesgrün,
War lauter, klar und rein,
Viel Blümchen an dem Bache blühn,
Und alle nett und fein.

Doch tut er stets, als säh‘ er nicht
Die Blümchen um ihn her,
Des lieben Mondes Angesicht
Gefiel dem Bache mehr.

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Er hat es gleich ans Herz gedrückt
Und zärtlich es geküßt,
Wenn’s nur auf ihn herabgeblickt
Und freundlich ihn gegrüßt.

Doch plötzlich raubt ein Wolkenschwarm
Dem Bach des Mondes Bild,
Da tobt er voller Schmerz und Harm
Durchs nächtige Gefild.

Das Leben dünkt ihn kein Genuß,
Nur einzig Qual und Not,
Und voller Lebensüberdruß
Erfleht er schon den Tod; –

Da, dank dem Ewgen, bricht hervor
Der Mond gar hell und klar; –
Was alles, auch der Bach verlor,
Jetzt droht ihm nicht Gefahr.

Jetzt, wo des Mondes Silberglanz
Sich spiegelt in der Flut,
Ist er der alte wieder ganz,
Dem Leben wieder gut.

– Theodor Fontane –

Dichter, türkis, ovaler Bilderrahmen* 30.12.1819, Neuruppin (Brandenburg), Deutschland
† 20.09.1898, Berlin, Deutschland

Vier Phasen

Das Gedicht „Der Bach und der Mond“ stammt aus dem Frühwerk von Theodor Fontane und ist von der Romantik geprägt. Form und Sprache sind einfach gehalten, dadurch prägt es sich gut ins Gedächtnis ein, lässt sich leicht auswendig lernen.

Zügig wird deutlich, dass der Bach, der Mond und die Blumen anstelle von Menschen stehen, sich demnach um Symbole handeln.
     Der Bach als schmales, ungefährliches Fließgewässer hat an seinen Ufern Blumen und Bäume, wofür sich der Bach aber nicht interessiert. Hierbei wird der Bach vermenschlicht, man kann davon ausgehen, dass es sich um den Verfasser selber handelt, zumal das siebenstrophige Gedicht Minna gewidmet ist. Vermutlich wird es sich um Minna Krause handeln, sie werden sich um 1840 kennengelernt haben. Der Dichter schwärmt für sie, widmet ihr noch weitere Gedichte, doch zwischendurch, will man den vorliegenden Verszeilen Glauben schenken, wurde für den Mond bzw. Minna ein anderer interessant. In den ersten beiden Zeilen der vierten Strophe heißt es: „Doch plötzlich raubt ein Wolkenschwarm / Dem Bach des Mondes Bild“, diese Trübung scheint jedoch nicht von langer Dauer gewesen zu sein dafür aber intensiv, denn immerhin wünscht sich, laut dem auktorialen Erzähler, der Bach den Tod.

Die Geschlechterrollen werden aus der Romantik übernommen: der Bach bzw. der Mann hat eine aktive, hingegen hat der Mond bzw. die Frau die passive Rolle. Der „silberne Mond“ beschreibt die Schönheit der Frau, zugleich unterstreicht es ihre moralische Reinheit.
     Eine Zwiesprache zwischen Mond und Bach wird durch den Wechsel von Zeile zu Zeile mit dem dreihebigen zum vierhebigen Jambus hergestellt, durch die gewählte Reimform a, b wird die Zwiesprache verstärkt.
    
So wie der Mondzyklus vier Phasen hat, so ist auch das Gedicht aufgebaut. In der ersten Phase, dem Neumond, erscheint der Mond kurz vor dem Ende der zweiten Strophe. Am Nachthimmel sieht man in der nächsten Phase eine schmale Mondsichel, die oft auch als ein Gesicht wahrgenommen wird; im Gedicht ist es die dritte Strophe. Der Übergang von der zweiten in die dritte Mondphase ist für die meisten Menschen kaum wahrnehmbar. Je nach Sichtweise kann man die vierte und fünfte Strophe, andere würden auch die sechste Strophe unter diese Phase ordnen, beide Varianten haben ihre Berechtigung. In der letzten Strophe ist der Vollmond erreicht, das lyrische Ich ist zufrieden.

Vom Gedicht sollte man sich nicht täuschen lassen, denn es handelt sich hierbei nicht um eine erfüllte Liebe, vielmehr um eine Projektion oder in der Sprache der Romantik ausgedrückt, handelt es sich um eine Sehnsucht. Der Mond spiegelt sich lediglich auf dem Wasser, das lyrische Ich erliegt einer Illusion.

© read MaryRead 2019

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