Heinrich Heine: Der Philanthrop

Der Philanthrop

Gedicht über Arm und Reich

Foto: © Simone Jawor

Das waren zwei liebe Geschwister,
Die Schwester war arm, der Bruder war reich.
Zum Reichen sprach die Arme:
»Gib mir ein Stückchen Brot

Zur Armen sprach der Reiche:
»Laß mich nur heut in Ruh‘.
Heut geb ich mein jährliches Gastmahl
Den Herren vom großen Rat.

Der eine liebt Schildkrötensuppe,
Der andre Ananas,
Der dritte ißt gern Fasanen
Mit Trüffeln von Périgord.

Der vierte speist nur Seefisch,
Der fünfte verzehrt auch Lachs,
Der sechste, der frißt alles,
Und trinkt noch mehr dazu.«

Die arme, arme Schwester
Ging hungrig wieder nach Haus;
Sie warf sich auf den Strohsack
Und seufzte tief und starb.

Wir müssen alle sterben!
Des Todes Sense trifft
Am End‘ den reichen Bruder,
Wie er die Schwester traf.

Und als der reiche Bruder
Sein Stündlein kommen sah,
Da schickt‘ er zum Notare
Und macht‘ sein Testament.

Beträchtliche Legate
Bekam die Geistlichkeit,
Die Schulanstalten, das große
Museum für Zoologie.

Mit edlen Summen bedachte
Der große Testator zumal
Die Judenbekehrungsgesellschaft
Und das Taubstummeninstitut.

Er schenkte eine Glocke
Dem neuen Sankt-Stephans-Turm;
Die wiegt fünfhundert Zentner
Und ist vom besten Metall.

Das ist eine große Glocke
Und läutet spat und früh;
Sie läutet zum Lob und Ruhme
Des unvergeßlichen Manns.

Sie meldet mit eherner Zunge,
Wieviel er Gutes getan
Der Stadt und seinen Mitbürgern
Von jeglicher Konfession.

Du großer Wohltäter der Menschheit!
Wie im Leben, soll auch im Tod
Jedwede deiner Wohltaten
Verkünden die große Glock‘!

Das Leichenbegängnis wurde
Gefeiert mit Prunk und Pracht;
Es strömte herbei die Menge
Und staunte ehrfurchtsvoll.

Auf einem schwarzen Wagen,
Der gleich einem Baldachin
Mit schwarzen Straußfederbüscheln
Gezieret, ruhte der Sarg.

Der strotzte von Silberblechen
Und Silberstickerei’n;
Es machte auf schwarzem Grunde
Das Silber den schönsten Effekt.

Den Wagen zogen sechs Rosse,
In schwarzen Decken vermummt;
Die fielen gleich Trauermänteln
Bis zu den Hufen hinab.

MEHR ZUM THEMA:
> Essay: Heinrich Heine – Deutschsein für Anfänger

Dicht hinter dem Sarge gingen
Bediente in schwarzer Livree,
Schneeweiße Schnupftücher haltend
Vor dem kummerroten Gesicht.

Sämtliche Honoratioren
Der Stadt, ein langer Zug
Von schwarzen Paradekutschen,
Wackelte hintennach.

In diesem Leichenzuge,
Versteht sich, befanden sich auch
Die Herren vom hohen Rate,
Doch waren sie nicht komplett.

Es fehlte jener, der gerne
Fasanen mit Trüffeln aß;
War kurz vorher gestorben

aus: Heinrich Heine: Gedichte 1853 und 1854

Lesestoff



Gedicht, Der PhilanthropHeinrich Heine: Sämtliche Gedichte
kommentiert von Bernd Kortländer
Gedichte
Taschenbuch
1117 Seiten
erschien: 2006
Verlag: Reclam
ISBN 978-3-15-018394-6
Preis: 11,80 € (D), 12,20 € (A)

Home > Korsaren-Anthologie > Lesestoff > Gedichte > Bibliothek > Heinrich Heine: Der Philanthrop


Weiteres

Es war einmal ... Wilhelm GrimmEssay: Wilhelm Grimm
Es war einmal … Wilhelm Grimm
Es waren einmal, vor langer Zeit, zwei hessische Brüder. Die beiden waren gute Schüler und besuchten als junge Männer die Universität  … mehr > von Simone Jawor / 24.02.2016

Literaturauszeichnung Februar 2016Literatur-Auszeichnung: Lettersea Februar 2016 für das Bilderbuch „Helma legt los“ von Ute Krause
Der Text von Ute Krause und die Darstellungen von der Illustratorin Dorothy Palanza sind sehr ausgewogen. Dorothy Palanza stellt in ihren Bildern das dar, was von Ute Krause unausgesprochen bleibt, aber nicht mehr > 24.02.2016

Dadaismus, bunter Ball, schwarz-weiß, balken, kuhfleckenGedicht: Ball, Hugo: Der Henker
Ich kugle Dich auf Deiner roten Decke. / Ich bin am Werk: blank wie ein Metzgermeister.

Tische und Bänke stehen wie blitzende Messer / der Syphiliszwerg stochert in Töpfen voll Gallert und Kleister. // Dein Leib ist gekrümmt  … mehr > eingestellt am 27.02.2016


Treffpunkt Literatur

Immer gut informiert sein. Melden Sie sich bei unserem kostenlosen Service read MaryRead – Treffpunkt Literatur an.


Service:


2 Kommentare

  • Pingback: Lazio

  • Jutta Ouwens

    Heine glaubte, mit seinen Texten die Welt verändern zu können..,glaubte er das wirklich? ‚Die Welt‘ ist hoch gegriffen und sagt mir nix, doch das Literatur den Menschen in dieser Welt erreichen kann, anrührt, nachdenklich macht, bestenfalls handeln lässt, daran glaube ich sicher. Heine schafft das noch heute! Hier eines seiner feinen, kleinen Gedichte:

    Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,
    Und ertrage dein Geschick,
    Neuer Frühling gibt zurück,
    Was der Winter dir genommen.

    Und wieviel ist dir geblieben!
    Und wie schön ist doch die Welt!
    Und, mein Herz, was dir gefällt,
    Alles, alles darfst du lieben!