Arnaut Daniel: Sehnsucht

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schwarzer Schwan / Foto: © Otto Raddatz

Sehnsucht, die ins Herz mir eingeht,
Vermag nicht auszureißen Zahn noch Nagel
Dem Kläffer, der durch Lug verliert die Seele.
Darf ich ihn geißeln nicht mit Zweig noch Ruthe,
Will ich mit List dort, wo mich hemmt kein Oheim,
Der
Liebe doch mich freun in Busch und Kammer.

Wenn ich denke jener Kammer,
Wo – mir zum Schaden weiß ich’s – niemand eingeht,
Ja, alle mehr als Neff‘ und Oheim,
Dann bebt mir jedes Glied bis auf den Nagel,
So wie dem Kind, wenn man ihm zeigt die Ruthe:
Denn fremd, so fürcht‘ ich, bin ich ihrer Seele.

Ihr wär‘ ich mit Leib, nicht Seele,
So sie mich heimlich einließ in die Kammer:
Denn mehr verletzt mich’s, als der Streich der Ruthe,
Daß selbst ihr Knecht, dort wo sie haust, nicht eingeht.
Doch halt‘ ich fest an ihr, wie Fleisch am Nagel
Und traue nicht, wenn Freund mich warnt und Oheim.

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Sie, die Schwester nennt mein Oheim,
Liebt‘ ich nicht so, noch mehr, bei meiner Seele!
So nahe, wie der Finger ist dem Nagel,
Erlaubt sie mir’s, wünsch‘ ich mich ihrer Kammer;
Mit mir kann Liebe, bis ins Herz mir eingeht,
Frei schalten, wie wer stark mit schwacher Ruthe.

Seit dem Blühn der dürren Ruthe
Und seit von Adam Neff‘ entsprang und Oheim,
War dieser Liebe, die ins Herz mir eingeht,
An Aechtheit keine gleich in Sinn und Seele.
Nie weicht, wo sie auch sei, in Feld und Kammer,
Mein Herz von ihr, so lang noch hält der Nagel.

Denn es sitzt mein Herz als Nagel
Und haftet fest an ihr wie Rind‘ an Ruthe,
Sie ist mir Burg der Lust, Palast und Kammer;
Mehr lieb‘ ich sie, als Vetter und als Oheim:
Deß freut sich einst in Eden meine Seele,
Wenn treuer Liebe halb der Mensch dort eingeht.

Arnald singt diß vom Nagel und von Oheim,
Zu ihrer Gunst, der Ruthe seiner Seele,
Des Sehnsuchtsziels, wo er zur Kammer eingeht.

Arnaut Daniel

Nachdichtung von Karl Ludwig Kannegießer

Quelle: Karl Ludwig Kannegießer: Gedichte der Troubadours im Versmaaß der Urschrift übersetzt, Tübingen 1852 (S. 242-243)

französischer Troubadour, Mittelalter* 1150 in Ribérac, Grafschaft Périgord und Herzogtum Aquitanien
† 1200 oder 1210

Arm ist der, der keine Träume hat

In dem siebenstrophigen Gedicht „Sehnsucht“ von dem Troubadour Arnaut Daniel sticht in der deutschen Nachdichtung von Karl Ludwig Kannegießer das Wort „Seele“ besonders hervor, insbesondere da es in jeder Strophe vorhanden und an exponierten Stellen zu lesen ist. An diesem Stichwort wird zweierlei deutlich: Zum einen handelt es sich um die Eigentümlichkeit des Dichters, der hierbei die Sestine anwendet, der zugleich der „Erfinder“ dieser besonderen Gedichtform ist, zum anderen offenbart sich beim genaueren hinschauen die mittelalterliche Zahlensymbolik. Jede Ziffer ist einer genauen Figur aus der Bibel zugeordnet.1aa Setzt man diese Vorstellung konsequent an die Stelle der „Seele“, die im Mittelalter durchaus als weiblich wahrgenommen wurde und setzt lediglich die Frauenfiguren an ihre Stelle, so entsteht folgendes Bild:

Der Kläffer und Eva

In der ersten Strophe kann so die „Seele“ der Eva zugeordnet werden. Laut des Alten Testaments wurde Eva zunächst von der Schlange verführt, anschließend verführt sie Adam. Anstelle der Schlange erwähnt der Troubadour den Hund („Kläffer“), der im Mittelalter bei Hinrichtungen eine besondere Rolle hatte, bei besonders schwerem Vergehen wurde gelegentlich zur Unterstreichung der bösartigen Tat neben dem Verurteilten ein Hund gehangen.2aa
     Arnaut Daniel eröffnet seine Kanzone demnach mit dem deutlichen Hinweis, dass eine Liebe nicht mit einem Betrug, mit einer Lüge beginnen sollte. Wem sagt er das? Den Zuhörer*innen, den Leser*innen oder richten sich diese Worte an eine ganz bestimmte Person? Historisch ist nicht gesichert, inwiefern Arnaut Daniel der Gattin von Bernhard von Boisseson, Adalasia erlegen war. Sie galt gemeinhin als Schön, hatte wohl gleich mehrere Verehrer.3aa Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen. Vermutlich musste er wegen ihr fliehen, da er mindestens in einer seiner Kanzonen allzu deutlich ihr ein Liebesgeständnis gemacht hat.4aa  Möglicherweise verehrte er noch eine ganz andere Frau, die aber außerhalb seines Standes war.
    
Mit seinem deutlichen Hinweis zu Beginn seines Gedichtes begründet er all die Worte, die nun noch folgen sollen.
    
Zugleich kann man sich die „Seele“ in der dritten Verszeile der ersten Strophe auch als ein Dreigespann oder als Dreieck vorstellen: Kläffer / Hund – Seele / Eva – Liebe. Jede Spitze davon ist schmerzhaft.

Rahel und die Geduld

Folgt man der mittelalterlichen Zahlensymbolik weiter, so wird die „Seele“ in der zweiten Strophe durch Rahel ersetzt. Rahel gilt laut dem Alten Testament als sehr schön, während ihre ältere Schwester Lea wie eine graue Maus wirkt. Jakob ist von Rahel fasziniert, muss ihr zunächst sieben Jahre dienen, dann muss er Lea heiraten und erst danach darf er endlich Rahel zur Frau nehmen. Dem nicht genug, ist Rahel für lange Zeit unfruchtbar, während ihre Schwester Lea sieben Kinder zur Welt bringt. Erst als das siebte Kind geboren wurde, wird auch Rahel schwanger.5aa  Jakob und Rahel mussten sich also in jeglicher Hinsicht in Geduld üben.
     Man kann davon ausgehen, dass Arnaut Daniel vor allem auf die erste Phase von Rahel und Jakob anspielt. Das lyrische Ich ist der Diener, der bereit ist, auf die Angebetene zu warten, sie wiederum wird in der Zwischenzeit sich nach keinem anderen Partner umschauen, quasi die perfekte platonische Beziehung. Sollte es sich tatsächlich um Adalasia handeln, so hatte der Dichter mindestens einen Rivalen, nämlich den Troubadour Peire Vidal.6aa
    
Für die Perfektion steht auch die Zahl sechs, die „Seele“ wird in der zweiten Strophe in der sechsten Zeile genannt.

Die erste Frau Israels

Zunächst könnte man mit dem Ersetzen der „Seele“ in der dritten Strophe in der ersten Zeile mit Sara den Eindruck gewinnen, dass es nicht ganz passend sei. Die eins gilt in der Symbolsprache als etwas undifferenziertes, zugleich ist sie aber auch ein Symbol für Gott.2ab
     Sara ist die Ehefrau von Abraham aber das Paar bleibt lange Zeit kinderlos. Saras Dienerin Hagar muss einspringen, als sie jedoch ihr Kind bekommt, ist Sara, um es freundlich auszudrücken, neidisch. Nach etlichen Jahren des Wartens, Sara ist schon hochbetagt, bringt sie ihren Sohn Isaak auf die Welt,5ab der später Israel gründen wird. Deshalb wird Sara als Erzmutter der Israeliten verehrt, sie steht demnach am Anfang des Volkes Israel.

Paarung

Es ist konsequent, dass nach der mittelalterlichen Zahlensymbolik auf Sara Rebekka folgt, die Isaak heiratet.5ac Ebenso konsequent ist der Troubadour, der die „Seele“ in der vierten Strophe in der zweiten Verszeile erwähnt. Die Zwei ist hierbei ein Symbol für „Paar“.
     Man könnte an dieser Stelle das Gedicht so interpretieren, dass für Arnaut Daniel die eigentliche Paarung erst dann stattfindet, wenn er und Adalasia zusammenkommen, sie ihren Gatten für ihn verlässt.

Kühnheit

Die Kühnste unter den Frauen im Alten Testament ist Judith. Sie ist Witwe als sie mit der Hilfe Gottes, der Kühnheit und List den Anführer der Feinde Israels den Kopf abschlägt. Nach dieser Tat zieht sie sich wieder zurück. Gemeinhin gilt Judith als eine sehr fromme Frau, sie ist neben Eva eine der wenigen, die nicht nur aktiv wird, sondern sich auch schuldig macht, denn Mord ist nach den Zehn Geboten tabu, auch wenn sie damit Israel hilft.
     Judith tritt auf der Metaebene in der fünften Strophe in der vierten Verszeile auf die Bühne, die fünf ist hierbei als Weisheit zu deuten, die vier wieder als Paarung. Die Paarung nimmt hierbei jedoch eine andere Stellung ein als in der vierten Strophe. Judith vereint in sich Gegensätze: Aktion – Zurückhaltung, Mord – Befreiung.

Treue zahlt sich nicht immer aus?

Der französische Dichter möchte in der sechsten Strophe in der fünften Zeile die „Seele“ als die Figur Rut verstanden wissen. Im Alten Testament bleibt sie trotz alledem ihrer Mutter treu, verlässt sie nicht obwohl sie einiges dafür in Kauf nehmen muss.
     Weisheit und Treue sind für den Troubadour die halbe Miete des Paradieszustandes („Eden“), wie er in der darauf folgenden Zeile deutlich macht.

Vollendung

Als letzte Frau in der mittelalterlichen Zahlensymbolik wird Anna genannt. Sie ist mit Joachim verheiratet, das Paar bleibt lange kinderlos, bis Anna ihre Tochter Maria zur Welt bringt. Maria wird später ihren Sohn Jesus gebären. Anna ist somit die Vorbotin für etwas Neues, leitet zugleich die Vollendung Gottes ein.
     Im Gedicht erreicht die „Seele“ in der siebten Strophe in der zweiten Verszeile das Ziel ihrer Sehnsucht.

Die Tiefenstruktur der Kanzone zeigt vor allem die Wunschbilder vom lyrischen Ich, wie eine Frau zu sein hat. Ungewöhnlich ist, dass am Ende des Gedichts den Hörer*innen suggeriert wird, dass Arnald am Ziel seiner Sehnsucht angekommen sei, was der Rittersfrau sicherlich nicht gefiel, sie wird vermutlich gar erbost darüber gewesen sein. Dennoch geht der Troubadour dieses Wagnis ein, die genauen Gründe hierfür wissen wir nicht. Hingegen kann man es als gesichert ansehen, dass es der Phantasie des Dichters entspringt und mit der Realität nichts zu tun hat.
     Marie von Ebner-Eschenbach, die deutsche Dichterin, schrieb über Träume: „Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.“

© read MaryRead 2019

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Einzelnachweise:

1aa: Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, Francke Verlag – Bern – Zürich 1948 (9), S. 371

2: Udo Becker: Lexikon der Symbole. Mit über 900 Abbildungen, Verlag Herder – Freiburg – Basel – Wien
2aa: S. 134
2ab: S. 66

3aa: Paul Heyse: Troubadour-Novellen: Die Dichterin von Carcassonne

4aa: Vgl. Friedrich Christian Diez (): Leben und Werke der Troubadours, Verlag der Gebrüder Schumann, Zwickau – 1829, S. 344 ff., zuletzt besucht am 13.02.2019 

5 Genesis (1. Buch Mose):
5aa: Genesis 29,1 – 30,24
5ab: Genesis 16,1 – 17,27
5ac: Vgl. Genesis 24

6aa: Vgl. Eduard Brinckmeier (): Die provenzalischen Troubadours nach ihrer Sprache, Eduard Anton Verlag, Halle – 1844, S. 156 f., zuletzt besucht am 13.02.2019


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