Fabel: Die junge Bärin

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Jung und alt

Vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch nicht über gefährliche Waffen verfügten und alle Pflanzen und alle Tiere so leben durften, wie es ihrer Art entsprach, als es noch große zusammenhängende Wälder gab, lebte eine Bärenfamilie, die aus der Mutter, einem Sohn und einer Tochter bestand, in einem dieser Wälder. Als der Nachwuchs ungefähr drei Jahre alt war und es nun allmählich Zeit wurde, dass sie ihre eigenen Wege gehen sollten, machte sich die Bärenmutter Gedanken über ihre beiden Zöglinge: „Über den Jungen mache ich mir keine Gedanken. Der ist klug, groß und stark, aber mein Mädchen bereitet mir ernsthafte Sorgen.“

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Als die beiden Bärenkinder nun selbstständig waren, hörte man Gerüchte. Der junge Bär sei so klug, groß und stark und sämtliche Weibchen lagen ihm zu Füßen und die Männchen fürchteten sich vor ihm und gingen ihm nach Möglichkeit aus dem Weg. Doch leider hörte man auch so einiges über die junge Bärin. Viele waren über sie entsetzt, denn sie suchte nur so viel Futter, wie sie benötigte und ansonsten lag sie faul in der Sonne, aber vor allem wollte sie sich niemandem unterwerfen. Tiere können sehr grausam sein. Die Lebensweise der jungen Bärin gefiel ihnen überhaupt nicht. Mal schloss sie sich der einen Gruppe an, mal einer anderen; sprach über das, was sie so dachte; machte keinen Unterschied innerhalb der Rangordnung. Schon schmiedeten die Tiere einen Komplott und beschlossen, dass niemand mit in Kontakt treten durfte. So trottete sie einsam durch die Wälder. Sie magerte immer mehr ab. Eines Tages traf sie auf eine Artgenossin. Diese Bärin genoss hohe Anerkennung. Die beiden kamen ins Gespräch. Zunächst begann die Bärin, die von allen respektiert war, über ihr Leben zu erzählen: „Ich war lange auf der Suche nach dem richtigen Weg und dabei habe ich einige Verirrungen durchgemacht.“
     Als die junge Bärin diese Lebensgeschichte vernahm, schöpfte sie Vertrauen und erzählte aus ihrem Leben: „Ich habe schon als Kind gespürt, dass für mich kein normales Bärenleben möglich ist. Als ich alt genug war und meine Mutter verließ, genoss ich die Freiheit, raus aus dem engen Leben, das mir anscheinend die Natur auferlegt hat. Ich habe mich unterschiedlichen Gruppen angeschlossen, aber jedes Mal kam ich nach einer gewissen Zeit zum selben Ergebnis: das eine oder andere war gut, aber die grundsätzliche Einstellung einer Gruppe, nämlich die totale Identifikation, verabscheue ich, das wäre nur eine andere Form von zwanghaftem Lebensstil. Da ich mich auf Dauer in keiner Gruppe wirklich wohl fühlte, wanderte ich weiter. Da die zurückgelassenen Gruppen von mir enttäuscht waren, zornig darüber, dass ich nicht geblieben bin, trieben sie mich in die Einsamkeit.“
    
Nachdem die angesehene Bärin ihre Geschichte gehört hatte, konnte sie die junge Bärin gut verstehen. Sie sprachen noch über vieles andere. Dabei stellte sich zunehmend heraus, dass die junge Bärin über vieles nachgedacht, beobachtet hatte und über ein Wissen und eine Liebe zum Leben verfügte, das beeindruckend war. Die junge Bärin verstand ihre Artgenossen und konnte ihnen deshalb nicht Böse sein. Die junge Bärin hielt sich einige Zeit bei der guten Bärin auf. Sie nahm an Gewicht wieder zu, doch vor allem kam sie wieder in Kontakt zu anderen Bären. Diese Bären waren so beeindruckt von ihr und schämten sich, dass sie den Gerüchten Glauben geschenkt hatten.

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